Warum ein Graf mit 51 noch Landwirt wurde
Mecklenburger Adelswappen (7): Der schreitende rote Hahn
Fische, Hasen, Störche, verschnörkelte Schlüssel oder auch mal ein schief hängendes Drehtor... wer Adelswappen aus Mecklenburg betrachtet, findet manches Detail, das Rätsel aufgibt. Dahinter stecken oft abenteuerliche Erzählungen, in jedem Falle reichlich bunte Historie, die in dieser Serie erzählt werden soll. Denn Geschichte wird erst dann lebendig, wenn man etwas über die Menschen weiß, die sie mit geschrieben haben.
Verspielt spiegelt sich das Basedower Schloss mit all seinen Türmchen und Giebeln im See. Der imposante Bau im heutigen Landkreis Demmin war über Jahrhunderte hinweg Stammsitz derer von Hahn, einer Familie, die einst zu den größten Grundbesitzern des Landes gehörte. Doch das ist lange her. Eckhard Graf Hahn von Burgsdorff hat sich 1992 einige Dörfer weiter, in einem schlichten Backsteinbau niedergelassen, der zwar aussieht, als stünde er schon seit langer Zeit an dieser Stelle, tatsächlich aber nicht einmal 20 Jahre auf dem Buckel hat.
„Mein Leben war vom ersten Moment an durch den zweiten Weltkrieg und den Kalten Krieg bestimmt“, bilanziert der 69-Jährige nüchtern. In einer Bombennacht des Jahres 1941 kam er in der Rostocker Universitätsklinik auf die Welt, wuchs zunächst in Liepen bei Basedow auf, wo sein Vater eine Landwirtschaft betrieb. Doch dann fiel der Vater im Gefecht und die Mutter, die „keinen Wert darauf legte, sich von den Russen befreien zu lassen“, wie ihr Sohn erzählt, zog mit den Kindern in den Süden Hannovers. Als die Mauer gebaut wurde, machte Eckhard gerade sein Abitur und wurde Berufssoldat. Als sie wieder fiel, entschied er sich, den Dienst vorzeitig zu quittieren, ins Land seiner Vorfahren zurück zu kehren und Landwirt zu werden. Der graublonde Graf schmunzelt und für einen Augenblick glätten sich die Falten zwischen seinen buschigen Augenbrauen. „Das war mein persönlicher Beitrag zur Abrüstung.“
Viehzucht kam nicht in Frage, aber auch vom Ackerbau hatte Graf Hahn damals keinen Schimmer. Und so schrieb er sich an der Landwirtschaftlichen Fachschule Tollenseheim bei Neubrandenburg ein, um in einer Art Winterschule zumindest das ABC dieser Arbeit zu erlernen. Er erinnert sich: „Ich war der älteste Schüler, den die je hatten, älter sogar als der Schulleiter.“ Hahn lacht und antwortet auf die Frage, warum man sich solchen Stress antut, mit einer Gegenfrage: „Warum gibt es Männer, die sich in der Mitte ihres Lebens eine neue Aufgabe suchen?“ Verschmitzt setzt er hinzu: „Andere nehmen sich ein neues Weib, das wollte ich nicht, ich bin seit 38 Jahren mit meiner Frau verheiratet.“
Leicht seien die Anfänge sicher nicht gewesen, und auch die Beziehung habe in jener Phase eine kleine Krise durchstanden. Doch inzwischen baut der Seiteneinsteiger auf Feldern, die sein Sohn erstanden hat, Zuckerrüben, Raps und Weizen an. Damit ist er zufrieden. Nur sein ursprünglicher Traum, das Elternhaus in Liepen zurück zu kaufen, ließ sich nicht erfüllen – die Treuhand lehnte seinen Antrag ab. Auch den Stammsitz seiner Ahnen versuchte von Hahn vergeblich zu erwerben. Er winkt gelassen ab: „Ich glaube, ein gnädiges Schicksal hat uns davor bewahrt. Das ist ja ein Kopf ohne Gliedmaßen.“ Schon früher, als zu dem Schloss reichlich Ländereien gehörten, sei es nicht einfach gewesen, es zu bewirtschaften. Heute aber, da das Land abgetrennt und an viele Einzelbetriebe verkauft ist, sei es schlicht nicht lebensfähig.
Wer sich die Zeit nimmt für einen Spaziergang rund um den Prunkbau, der sieht noch immer schnell: So schön das Bauwerk auch ist, hier ließe sich noch viel Geld investieren. Eckhard Graf Hahn gründete 2004 einen Förderverein, um zumindest den 200 Hektar großen Linnépark rundherum zu retten, der zu den bedeutendsten Werken des königlich-preussischen Gartenkünstlers gehört. „Es jammerte mich einfach, mit anzusehen, wie diese Anlage zusehends verwilderte“, kommentiert Hahn. Seine Frau Anette kaufte darüber hinaus den ehemaligen Basedower Schafstall, in dem sich bis 1945 einmal jährlich die Merino-Züchter Deutschlands zur großen Bockauktion trafen. Sie baute ihn zu einem rustikalen Café mit Bauernmarkt um.
Graf und Gräfin hin oder her, die beiden melden sich am Telefon schlicht mit „Hahn“. Man sei nicht stolz auf seine Herkunft. „Stolz“, das sei ohnehin so ein fragwürdiger Begriff. Jeder Mensch habe eine Anzahl von Vorfahren. In adeligen Familien seien diese lediglich in Stammbäumen festgehalten, um Erbansprüche auch über lange Zeiträume geltend machen zu können. Wappen und Siegelring? Der Wahl-Landwirt zuckt die Schultern. „Wozu soll ich die heute noch benutzen? Wir leben im Jahr 2010.“ Seit 1918 schließlich seien Adelstitel schlicht und einfach Bestandteil des Namens. Und sein Siegelring, der sei irgendwann irgendwie abhanden gekommen. Zu sehen war auf ihm übrigens nicht nur der Hahn, sondern das Allianzwappen der Familie Hahn von Burgsdorff. Und das kam so: „Meine Großmutter war Gräfin von Hahn aus Basedow und die heiratete einen Herrn von Burgsdorff. Sie hatte zwei kinderlose Brüder und als die Nationalsozialisten in den 30er Jahren anfingen, erbenlose Landbesitzer zu enteignen, adoptierte der eine der Brüder kurzerhand seinen Neffen, meinen Vater.“
Viel kann Eckhard von Hahn über seine Vorfahren erzählen, deren Name vermutlich slawischer Herkunft ist. Stammvater Egkehardus Hane, später auch latinisiert Eggehardus Gallus, wurde 1230 erstmals erwähnt und war Ritter und Rat des mecklenburgischen Fürsten Johann I. Seit 1337 war das Geschlecht in Basedow ansässig und soll gegen Ende des 18. Jahrhunderts um die 60 Güter besessen haben, von denen 44 in Mecklenburg lagen. Eckhard Graf Hahn von Burgsdorff präzisiert: „Etwa 25 000 Hektar waren das wohl, dazu gehörten aber nicht nur Äcker, sondern auch Wald und Wasserflächen.“ Doch der Besitz schwand zusehends. Die Weltwirtschaftskrise nach dem 1. Weltkrieg hatte daran ihren Anteil, die große Agrarkrise Ende der 20er Jahre... Nach Ende des zweiten Weltkrieges habe die Familie gerade noch 8000 Hektar zur Verfügung gehabt, wozu unter anderem auch die Hälfte des Malchiner Sees gehörte.
Allerhand bedeutende Persönlichkeiten finden sich im Hause Hahn. So gab es unter ihnen eine Reihe von Erbmarschällen, die zunächst militärische Führer des Heeres waren und später die Ritterschaft im Landtag vertraten. Der 1742 geborene Friedrich II Graf von Hahn machte sich vor allem als Astronom einen Namen und ließ die erste Sternwarte Mecklenburgs in Remplin erbauen, so dass nach ihm später sogar ein Mondmeer benannt wurde. Die Nichte dieses Mannes, Ida Hahn-Hahn, die korrekt Ida Marie Louise Sophie Friederike Gustava Gräfin von Hahn hieß, war eine bekannte Schriftstellerin. Sie zählte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu den bedeutenden Frauengestalten ihrer Zeit, diskutierte mit Geschlechtsgenossinnen wie Rahel Varnhagen oder Bettina von Arnim über die Emanzipation der Frau. Ihr Mann, Friedrich III Graf von Hahn, begründete die Zucht der berühmten „Basedower Renner“, jener Rennpferde, die auf der Doberaner Galopp-Rennbahn etliche Siege davontrugen.
Eckhard Graf Hahn von Burgsdorff könnte die Liste derer, die wichtiges geleistet haben, noch eine Weile fortsetzen. Doch das alles ist Historie. Er freut sich, dass der erste seiner drei Söhne demnächst Vater wird. Und er betont: „Wenn es uns gelingt, ein stabiles Familienbewusstsein ohne besonderen Stolz weiterzugeben und mit den Kindern und Schwiegerkindern ein herzliches Einvernehmen zu haben, dann, denke ich, haben wir schon eine ganze Menge geschafft.“
Texte/ Fotos: Katja Bülow
Das Wappen der Hahns zeigt im silbernen Schild und auf dem Helm einen schreitenden, nach links gewendeten roten Hahn mit zwei schwarzen Schwanzfedern. Wahrscheinlich war das Tier schon Schildzeichen des ehemals slawischen Geschlechts. Es steht für Wachsamkeit und Streitbarkeit. Und es hat auch einen christlichen Hintergrund, schließlich haben auch protestantische Kirchen nicht selten einen Hahn auf dem Dach. Der im 19. Jahrhundert ergänzte Wahlspruch der Familie heißt nicht umsonst: „Primus sum, qui deum laudat“ – „Ich bin der erste, der Gott lobt“.
BU: Der neu erbaute Backsteinbau in Zettemin,
in dem die Hahns heute leben.
BU: Der alte Schafstall in Basedow, direkt neben dem Schloss, den Anette Gräfin
Hahn von Burgsdorff zum Café mit Bauernladen umfunktioniert hat.
BU: Schloss in Basedow, der ehemalige Stammsitz der Familie.
BU: Seit 38 Jahren verheiratet: Eckhard Graf Hahn von Burgsdorff und Ehefrau Anette.
BU: Das Wappenfenster der Hahns.