
Eierlikör fürs Häuschen, Banana- oder Peppermint-Green für die Wiese, Curacao-Blue für's Meer. Udo Lindenberg grient:„Das ist eben die Kunst“.
Deutschlands wohl bekanntester Rockmusiker zählt ein paar Mixturen, Basis für seine „Likörelle“, auf. Der Mann mit der rauen Stimme, Sonnenbrille und Hut malt. Und das nicht nur für die eigenen vier Wände oder gar nur für den beschaulichen Hausgebrauch. Seine Malkunst hat sich herumgesprochen.
Auf Auktionen, in deutschen Galerien, an Bord von Kreuzfahrtschiffen oder - hier, im Hamburger Hotel „Atlantic“ - die Bilder Lindenbergs sind begehrt. Renner. Witzig, kess, ein wenig frivol und karikierend. Viel Maritimes, natürlich auch die „Andrea Doria“. Frauen mit kräftigen Formen. Auch das „Cello“ taucht auf. Farbkräftig auch jene Likörelle, die die Flure des „Atlantic“ schmücken. Unikate - wie Udo Lindenberg.
Gemeinsame Bildbetrachtung mit Udo Lindenberg. „Hier die Puste- und Wischtechnik, damit die Farben sich vermischen und verwischen. Man kriegt mittlerweile ein Händchen dafür“, sagt der malende Sänger. Auch aus der Trompete fliegt im hohen Bogen Eierlikör. „Das kräftige Grenadine ist wichtig. Die zarten Kristalle drum herum sind aufgesprayt.“ Seine Stimme wird weich, fast zart. Udo Lindenberg ist in seine Kunstwerke verliebt. Ich verstehe ihn. Schließlich ist er der Erfinder der „Likörell-Malerei“.
Wir plaudern inzwischen in der angenehmen Lobby der Nobelherberge an der Alster. „Das Hotel und seine Leute sind meine Familie, mein Zuhause“. Der Kellner kommt. Die Vertrautheit ist echt. Udo Lindenberg genießt es, dass ihn Gäste erkennen. Ein leichter, freundlicher Blick durch die dunkle Brille. Auch der Hut, eine Maßanfertigung aus dem Allgäu, bleibt auf. „Ich war gerade in Hamburg- Barenfeld“. Hier ist der Fundus seiner umfangreichen Privatsammlung. „Der letzte Trabbi aus Zwickau, ganz in Gold, der steht da, auch Gitarren statt Knarren und die Martinstrompete.“ Nur die Lederjacke, die fehle. Genau. 1987 schenkte Lindenberg Erich Honecker bei dessen erstem BRD-Besuch in Wuppertal unter anderem eine Lederjacke. „Die ist bei euch in Rostock, im Kulturhistorischen Museum.“ Stimmt. „Honecker versteigerte die Jacke damals zugunsten von African National Congress, ANC“. Udo Lindenberg erinnert sich präzis. „Der Rostocker Jugendmodebetrieb ‚Shanty' übergab bei seiner Auflösung die Lederjacke dem Städtischen Museum. Dort ist
sie immer noch.“ Ausgewählte Werke der Udo Lindenberg - Privatsammlung werden übrigens derzeit im Frieder Burda-Museum Baden-Baden gezeigt. „Eine ganze Etage habe ich mit meiner Panikmalerei. In bester Gesellschaft mit Gerhard Richter und Picasso.“ Am 6. und 7. Oktober dieses Jahres wird Udo Lindenberg in Rostock seine „Stark wie zwei - Tour“ beginnen. Schon oft trat er in der Stadthalle auf. „Ein sehr herzliches Publikum, eine totale Panikstadt.“ Hier waren die Konzerte immer zuerst ausverkauft. „Und vielleicht schaue ich auch mal nach der Lederjacke...“ Nach acht Jahren Sendepause gab es nun gleich Gold und Platin für das Udo Lindenberg - „Stark wie Zwei“ - Album. Das erste Nummer-eins-Album in seiner 40-jährigen Karriere überhaupt. „Die Sterne standen total günstig.“ Alle Songs seien Treffer. „Ein Zünder nach dem anderen“. Lindenberg nennt die Produzenten Andreas Herbig, Henrik Menzel, schwört auf seine Beraterin Annette Humpe. „Haben wir gemeinsam gut gemacht, alles uneitle Leute, eine super Konstellation.“ Vielleicht war die Pause auch wichtig. „Es ist wie mit dem alten Whisky, der ist der Beste.“ Der Stoff war da. Und wieder sind es sowohl gesellschaftliche als auch die privaten und zwischenmenschlichen Themen, die seine Lieder unter die Haut gehen lassen. „Die CD hat den wahren Udo getroffen,“ sagt er.
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Udo Lindenbergs Lederjacke, die sich im Besitz des Kulturhistorischen Museums Rostock befindet. Annelen Karge, wissenschaftliche Mitarbeiterin, zeigt das gute Stück. Regelmäßig wird die Jacke übrigens zu anderen großen Ausstellungsprojekten, die sichmit deutscher Geschichte befassen, verliehen. Foto: Re. Rö. |
Udo Lindenberg will seine geliebte Davidoff No. 2 anzünden. Wir wechseln in den Innenhof des „Atlantic“. Hier zieht's. Prompt bringt der Kellner warme Decken. „In meinem Alter...“ Gemeinsames Lachen. Bei Lindenberg sind es die Knie, die ihm ab und zu Probleme bereiten würden. Bei mir der Ischias. Ach ja, sein Alter: 62 Jahre. Ein Kerl wie ein Baum, nun, der ist Udo Lindenberg wirklich nicht. „Ist das nicht gemütlich. Aber Bier aus der Schnabeltasse trinke ich noch nicht.“ Er nippt weiter an seinem Red Bull, ich am Wasser.
Ein Titel auf der aktuellen CD lautet: Der Greis ist heiss... „Im Alter wird man schon radikaler. Die Zeit wird knapper, und Chancen will ich nicht verpassen. Ich lebe jetzt. Carpe diem.“ Lindenberg pafft die Davidoff No.2 bei unserem „Atlantic“-Date. Er genießt, wirkt freundlich, liebenswert und zufrieden dabei. Wieder das Thema aktuelle CD. „Das wahre Ich bleibt lieber im Schrank.“ Wirklich? „Nicht ganz. Das hält sich sehr in Grenzen. Ich setze mich schon sehr konsequent um, lebe den wahren Udo in der Öffentlichkeit.“ Klartext. Knallig zur Sache gehen, das sei sein Ding. „Deko mag ich nicht.“
Mit seinen Liedern könne er schon ein gewisses Klima herstellen, in dem Veränderungen möglich werden. Lindenberg erinnert an die Begleitung der Friedensbewegung, summt „Sonderzug nach Pankow...“. „Ja, ja der Honni“. Lindenbergs Finger trommeln im Takt. Oder Rock gegen Rechte Gewalt. „Rocker zu sein, ist ein edler Beruf. Ich bin kein Entertainer.“ Udo Lindenberg, der politische Mensch.
Studiert? Nee, das habe er nicht. „Ich habe nichts gelernt. Ich trau' mich aber. Das habe ich wiederum von Joseph Beuys. Jeder soll sein eigenes Ding machen. Gerade durch das Studieren, dieses akademische Lernen, kann es schon sein, dass man nicht unbekümmert und frei an die Kunst geht.“ Was er da mache, mit den Likören rumtun, das traue sich sowie keiner. Und beschreibt den so genannten Ejakulator, in dem er die Farben mischt, um sie dann auf großen Leinwänden zu verteilen. Ein wenig habe er seinem älteren Bruder, der Kunstmaler war, über die Schulter geschaut. Auch bei Markus Lüpertz.
„Und singen gelernt habe ich auch nicht. Es war damals eben kein anderer da.“ Das klingt nach gesundem Selbstbewusstein. „Das hatte ich anfangs nicht. Ich habe mir schon ordentlich ein paar Doppelkörner reingezogen, bis ich meinte, ich bin ja doch ein ganz heißer Feger“. Lindenberg schiebt seine Unterlippe vor. „Schüchternheit nützt ja nix“. 19 oder 20 Jahre sei er damals gewesen. Wenn die Leute ihn ausgepfiffen hätten, wäre er ausgewandert. „Ein anderes Land, ein anderer Kontinent. Vielleicht.“ Aber es habe ja gleich hingehauen, mit seiner ungelernten Stimme. „Wie ein Straßenwind, der rau um die Ecke pfeift.“ Udo Lindenberg ist ein Autodidakt. „Ein Anarcho, wie ich, geht einfach ran, tut das, was ihn gerade antörnt.“ Bübisch scheint er durch die dunkle Brille zu blicken. In die Augen schauen, nein, das funktioniert nicht. „Ich bin schon ein Sonderling...“
Lindenberg zeichnet mit einem feinen Edding Strichmännchen auf's Papier. „Zur Zeit male ich auch nachts“, sagt er. „Das entspannt mich.“ Manchmal überkämen ihn regelrechte Malschübe. „Dann geht es drei, vier Wochen durch. Ganze Zyklen male ich.“ Musik von Gustav Mahler höre er ganz gern dabei. „Auch beim Porsche fahren, mit 250 nachts über die Autobahn.“ Warum Gustav Mahler? „Mahler durchbrach auch gewisse konventionelle Schranken. Der rüttelte zu seiner Zeit am Althergebrachten.“
Heute, nach 40 Jahren, ist Udo Lindenberg ein Denkmal? „Denkmal, Legende, stimmt schon. Alle Menschen hören mich, zwischen sieben und 70. Super.“ Der Mann wirkt irgendwie zeitlos. „So empfinde ich mich auch. Vielleicht kann ich bunter Vogel auch vielen Menschen die Angst vorm älter werden nehmen.“ Und dann redet er wieder über seine neue Platte. „Viele junge Leute hören sie.“ Stolz? Das Wort mag Lindenberg nicht. „Ich benutze es nicht. Erinnert mich an verstaubte Operette. “ Geil, das sei schon eher ein gutes Wort.
Eitelkeit? Die habe er nicht mehr nötig. „Aber gutes Aussehen ist wichtig, Und schön. Jeder ist für das eigene Gesicht verantwortlich. Das Auge hört mit.“ Udo Lindenberg freut sich über sein Wortspiel. Es wird Zeit zu gehen. Sein Red Bull-Glas und mein Wässerchen sind leer.
Udo Lindenberg grübelt wieder über seine Sammlung in Barenfeld nach. Er will sie bald öffentlich machen. „Und vielleicht nehme ich mir doch die Zeit, irgendwann Öl zu malen. Aber bei den Ölpreisen heutzutage...“. Als wir uns verabschieden, nimmt er die dunkle Sonnenbrille ab. Strahlend blaue Augen schauen mich an.
Regina Rösler