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Suche nach Poesie im Alltag

16.09.2011
Vergessen sind in diesem Augenblick die Mühen beim Zustandekommen seiner Dokumentar-Filme, nicht mehr wichtig ist, dass - wie letztens bei „Wadans Welt” - 28 Schnittfassungen notwendig waren, um aus 120 Stunden Film, die innerhalb von 18 Monaten abgedreht wurden, den vorzeigbaren Film zu machen. Man nennt den Westmecklenburger, geboren in Ludwigslust, einen „bodenständigen Molocher”, von dem es in der Branche so viele wohl nicht  mehr gibt.

Der Weg in sein Dorf ist kilometerlange Einsamkeit. Rechts und links weite Kuhweiden, hohe Buchenwälder, auch ein Golfplatz, und an einer Stelle wird die Fahrt auf 10 km/h begrenzt. Einen kleinen See gibt es dort auch, in den er jeden Morgen springt, „aber nur von  Anfang März bis Ende Oktober, denn Eisbader bin ich nicht”. Angeln vom kleinen Kahn aus findet ganzjährig statt, günstig auch zum Meditieren, einen 80 cm-Hecht nennt der 58-Jährige Filmemacher seinen Rekordfang.

Dieter Schumann, der in zweiter Ehe mit der Textil-Designerin Claudia lebt und dessen Augen strahlen, wenn das Gespräch auf die Enkelinnen  Aliah und  Clara (wie nämliche Clara Schumann) kommt, sucht und braucht die Stille. Diese Ruhe, die für natürlich sinnliche Lebensweise steht, ist gesuchter Kontrast zur Premieren-Stimmung in  München, Toronto oder in den anderen Filmstädten.
Zwei, drei Jahre braucht er, bis aus der ersten Idee der fertige Abend füllende Dokumentarfilm wird. Zudem nervt der Kampf um die Finanzierung, der oft noch mühevoller ist als die Ideen-Findung. „Bei ‘Wadans Welt‘ musste ich Eigenmittel einbringen”. Die Fördermechanismen im Lande kritisiert er nicht, dass sie ihm nicht ausreichen, ist herauszuhören. An mehreren Filmen gleichzeitig zu arbeiten, ist nicht sein Ding. Wenn andere das machen, sollen sie. Er sagt es nicht, aber es wird deutlich: ich bin ein gründlicher Arbeiter vor dem Herrn.

Wer letztens die hundert Filmminuten über die krisengebeutelten Werftarbeiter aus Wismar gesehen hat, wird verstehen, was er damit meint. Wenn die Arbeitsleute dem Insolvenzverwalter am Rednerpult nur die Rücken zukehren, dann geht das unter die Haut. Der einst gebräuchliche Satz vom „Helden im Alltag” ist von Schumann nicht zu hören. Bei den „Knolle’s” oder Christian Schröder in diesem Film hat der  Filmemacher aber die Würde des Alltags gesucht, deren „Stallgeruch” geatmet. 

Die Ideen scheinen Dieter Schumann nicht wirklich auszugehen. Und es ist auch Verantwortung herauszuhören, warum der an der Babelsberger Filmhochschule studierte Dokfilmer Chronist sein will, die Berühmtheit eines Spielfilm-Regisseurs niemals suchte.
„Neulich bin ich gefragt worden, wann ich denn mal einen richtigen Film machen wolle”.  Das ist ihm sauer aufgestoßen. „Reales Leben ist für mich spannender als das Fiktive”, bringt Schumann seine Arbeits-Maxime auf den Punkt. Er zögert keinen Augenblick zu bekennen, ein Weltveränderer, ein Weltverbesserer zu sein. Die „Poesie im Alltag” zu finden ist ihm wichtig.

In der Phase der untergehenden DDR hat er zum Beispiel seinen Haupt-Film „Flüstern und Schreien” gemacht, den Film über die Rockmusik-Szene der Endachtziger-Jahre. Eine Million Menschen hat ihn gesehen, vergleichbar mit „Buena Vista Social Club”. Wahnsinn. Kein deutscher Dokumentarfilm hat nach 1945 größeren Zuspruch gefunden. Darauf ist er sichtlich stolz. Für „Wadans Welt”  wünscht er sich, dass 100 000  Besucher ihn sehen. Ein Hauch Wehmut glaubt man schon zu spüren.
 
Die Begegnung mit ihm ist ohne Hast. Zum Kaffee gibt es kräftige Stulle mit selbstgemachter Konfitüre aus Sauerkirschen, Erdbeeren, Schwarzen Johannisbeeren, alles aus eigenem Garten. Glückskatze Lea und  Kater Leopold streichen schon mal neugierig um die Beine. Ein Fernseher steht im Wohnzimmer, wird aber so oft nicht eingeschaltet. Die Programme kommen in seiner Einschätzung nicht sonderlich gut weg, „weil sie voll gepflastert sind mit Mord und Todschlag”. Es fällt der Satz: „Echte Kunst ist für Elite”.

Was wäre aus Dieter Schumann geworden, hätte er am ersten Beruf festgehalten, als Vollmatrose der Handelsflotte, der auch unter dem legendären Rostocker Kapitän Schickedanz gefahren ist und der schon die Zusage zum Studium an der Seefahrtsschule Wustrow hatte? Was, ja was?

Zumindest kein Künstler, der mit seiner Arbeit dafür steht, dass  Gegenwart  als „audio-visuelles Gedächtnis” für die Nachfolgenden gespeichert wird.
Jetzt ist sein neues Vorhaben spruchreif, nämlich den Greifswalder Alternativ-Nobelpreisträger Michael Succow ins Bild zu setzten, wie er die immer wiederkehrenden Riesen-Torfbrände rund um Moskau löschen will. Fragen und vielleicht auch Antworten zur ökonomisch-sozialen Zukunft sind zu erwarten. Ein  großes Thema.

Ein anderes Projekt hat Dieter Schumann  jüngst zur Recherche aus seinem stillen Mecklenburg nach Kanada getrieben. In das Land, das gemeinhin als Innbegriff von Weite, Klarheit und Natur gilt und das viele auswandern lässt. Ihn nicht.

Das anstehende Film-Thema verrät er nicht. Auf keinen Fall wird es der Ringkampf mit einem Grizzly -Bären sein, obwohl - bei einer Statur von 1,92 Meter - der Filmmann nicht gerade ein Winzling ist.

Jürgen Rösler

Bild 1:
Am Schnittplatz unterm Dach seines Hauses: Dieter Schumann bei der Arbeit zu „Wadans Welt”.     Foto: Basthorster Filmmanufaktur

Bild 2:
Gemütlichkeit im Hause Schumann: Ehefrau Claudia und Dieter Schumann bevorzugen zum Feierband eine Tasse Tee.     Foto: J.R.