An einem warmen Spätsommertag
tummelte sich Rostock „delüx“ durch die gepflegten
Vorgärten des Nobelstadtteils
Hamburg Blankenese. Hoch
oben ließen wir uns bei schönstem
Sonnenschein mit dem
früheren Spiegel-Chefredakteur
Stefan Aust (62) auf der
großzügigen Terrasse seiner
Villa nieder. Gestärkt durch den
wunderschönen Elbblick und
ein Glas Mineralwasser, erlebten
wir einen lächelnden, Turnschuhe
tragenden Gastgeber,
der sich entspannt zurücklehnte,
um mit uns über lebensbedrohliche
Situationen, die eigene
Unmoral, sein Buch zur
RAF-Geschichte und den neuen
Film von Bernd Eichinger zu
sprechen.
Stefan Aust, Ihr Buch ist das Standardwerk
zur RAF-Geschichte.
Nun ist die um 200 Seiten ergänzte
Neuausgabe druckfrisch auf
dem Markt.Warum ist Ihnen das
Thema immer noch so wichtig?
Die Ereignisse von 1967 bis 1977
waren eine außerordentlich
wichtige, interessante und dramatische
Phase in der Geschichte
der Bundesrepublik. Das Agieren
und Agitieren der RAF zeugt
von Widerstand, der Suche nach
Gerechtigkeit sowie einer übersteigerten
Moral, die schließlich
in der Verstrickung surrealistischer
Vorstellungen und in krasse
Unmoralmündete. Ich glaube,
man kann die Gegenwart nur
verstehen, wenn man die
Geschichte kennt.
Die politische Gegenwart der Thematik
ist immer noch spürbar?
Im Augenblick glaube ich nicht,
dass es wieder einen blutigen
Herbst wie 1977 geben wird. Aber
man sollte ja niemals nie sagen.
Schon gar nicht in einer Zeit,die von
Terrorismus weiß Gott nicht frei ist.
Außerdem gibt es Al-Qaida - ähnliche
Organisationen, die zum Islam
konvertierte Westeuropäer, Amerikaner
und natürlich auch Deutsche
als Selbstmordattentäter rekrutieren.
Und damals waren es eben
bundesdeutsche Bürgerkinder, die
als Angehörige der sozialistischkommunistischen
Stadt-Guerilla
Bomben bastelten.
Sind Sie als 68er nie in die Versuchung
gekommen, selbst aktiv zu werden?
Man musste nicht besonders
schlau sein, um zu erkennen, dass
das, was die Baader-Meinhof-
Gruppe machte, falsch und
unmenschlich war. Wenn man
zwei und zwei zusammenzählen
konnte, wusste man doch, wohin
das führt. Mir war das von Anfang
an völlig klar. Ich war nie in der
Gefahr, mich an terroristischen
Aktionen zu beteiligen. Keine
Sekunde, keinen Moment, keinen
einzigen Tag meines Lebens!
Gibt es gerechtfertigte Gewalt?
Ja, natürlich. Verstehen Sie mich
bitte richtig: Ich bin kein Pazifist.
Aber ich glaube, dass es Situationen
gibt, in denen Gewaltanwendung
notwendig ist. Nur die Frage
ist, wozu, warum und in welcher
Situation? Gucken Sie sich den
Jugoslawienkonflikt an – immerhin
haben die Amerikaner und
Europäer den Völkermord, der
keine 1500 Kilometer von Deutschland
entfernt passiert ist, jahrelang
tatenlos zugesehen, bis
endlich mittels militärischer Intervention
der blutige Bürgerkrieg
beendet wurde.
Aber für die Bluttaten der RAF gibt
es keine Entschuldigung?
Nein. Die Gruppe um Baader, Ensslin
und Meinhof hat damals einfach
einen ziemlich demokratischen,
friedlichen Rechtsstaat wie
die Bundesrepublik Deutschland
umgedeutet: zu einem faschistischen
Staat. Das war eine glatte
Lüge. Die RAF-Mitglieder haben
sogar geglaubt, so etwas wie
Absolution erteilen zu können. Für
sie selbst war es auch, wie es der
Vater von Gudrun Ensslin einmal
halb treffend, halb entschuldigend
gesagt hat, „eine ganz heilige
Selbstverwirklichung“.
Können Sie nachvollziehen, dass
Jugendliche von der RAF fasziniert
sind?
Ich habe mich damals viel mit den
Freunden meiner jüngeren
Geschwister unterhalten, die von
den Erklärungen der RAF fasziniert
waren. Zur Zeit der Studentenbewegung,
der außerparlamentarischen
Opposition in Deutschland,
gab es eine große linke Massenbewegung
mit vielen jungen Menschen,
die gesagt haben: Das ist
doch alles richtig, was die RAF da
sagt. Aber wenn die Diagnose richtig
ist, dann heißt das noch lange
nicht, dass die Heilmethode auch
die richtige ist. Entscheidend ist
aber nun einmal, für welche Vorgehensweise man
sich entscheidet.
Warum haben Baader, Ensslin,
Meinhof und Co. irgendwann zu
den Waffen gegriffen?
Erst aus politischen Gründen, man
war für die Revolution, da wollte
man sie auch aktiv betreiben. Aber
ich glaube, die kamen sich dabei
manchmal auch irre geil vor. Wenn
man sich erst einmal in solch einer
Welt bewegt, betrachtet man
seine Umwelt wie durch die Sehschlitze
eines Panzers: Dann sehen
sie nur noch den Feind, den Polizisten,
der sie ins Gefängnis bringen
will. Außerdem ging es ihnen um
Selbstverwirklichung, und darum,
nicht nur ein Blatt in der Geschichte
zu sein, sondern in die Geschichte
einzugehen. Das kennt man von
Märtyrern aller Zeiten und aller
politischen und religiösen Bewegungen.
Sie haben zwar nie auf jemanden
geschossen, aber so ganz rein ist
Ihre Weste auch nicht. Immerhin
haben Sie mal einen Polizisten
angelogen, oder?
Naja, so war das nicht ganz. Die
RAF wollte damals meinen Freund
Peter Homann und wohl auch
mich umlegen. Peter stand damals
auf der Fahndungsliste ganz oben,
obwohl er nichts getan hatte. Ich
war von seiner Unschuld überzeugt
und habe ihm deshalb
geholfen. Wenn er sich früher
gestellt hätte, wäre er wohl für
eine nicht begangene Tat im
Gefängnis gelandet. Deshalb habe
ich ihm ein Jahr lang geholfen, sich
zu verstecken und als dann der
wirkliche Täter gefasst war, habe
ich Peter Homann bei der Anwaltskanzlei
Augstein in Hannover
abgeliefert. Er hat sich den Behörden
gestellt und wurde nach kurzer
Zeit wieder freigelassen.
Sie haben Bettina und Regina, die
Kinder Ihrer ehemaligen „konkret“-
Kollegin Ulrike Meinhof, aus
einem sizilianischen Barackenlager
geholt und auf eigene Faust
ihrem Vater gebracht. War es auch
richtig, dabei auf die Zustimmung
der Mutter zu verzichten?
(Atmet einmal tief durch): Natürlich
war das richtig. Die Kinder sollten
nach Jordanien, in ein Guerilla-Camp, geschickt werden – damals,
kurz vor dem Schwarzen September,
als die Lager von den Jordaniern
zusammengeschossen wurden, ein
irre gefährlicher Ort für zwei kleine
Mädchen. Ich hatte durch Kontakte
erfahren, wo die Zwillinge versteckt
waren, nutzte diese Chance und
brachte sie zu ihrem Vater Klaus
Rainer Röhl. Der hatte schließlich
das Sorgerecht übertragen bekommen.
Das hätte an meiner Stelle
doch jeder gemacht, oder? Außerdem
war vielleicht auch ein bisschen
Abenteuerlust mit im Spiel.
Sie haben all die Jahre nicht gezögert,
auch Ihr Leben in Gefahr zu
bringen?
Ich habe im Ernst nie damit gerechnet,
dass die RAF eines Tages vor
meiner Tür steht. Kaum hatte ich
die Zwillinge abgeliefert, standen
Andreas Baader und Horst Mahler
bewaffnet vor meiner Tür. Die wollten
mich umlegen. Naja, da hat
man doch ein bisschen Manschetten
gekriegt.
Der Selbstmord der Stammheimer.
Waren Sie traurig, als die
Nachricht bekannt wurde?
Nich wirklich. Es hat mich vielmehr
betrübt, als Ulrike Meinhof sich
umgebracht hat, obwohl ich
immer erwartet habe, dass das
passieren würde.Ich habe denWeg
von Ulrike Meinhof als politische
und menschliche Tragödie empfunden.
Die tat mir irgendwie leid,
obwohl sie auch schwere Schuld
auf sich geladen hat.
Sind Ihnen die blutrünstigen
Geschichten niemals zu schwer
geworden?
Nein, wenn man kein Blut sehen
kann, darf man nicht Chirurg
werden und wenn man Journalist
sein und an diesen Themen arbeiten
will, muss man Gefahren in Kauf
nehmen. Ich bin ein paar Mal als
Fernsehreporter im Krieg gewesen –
das war wirklich gefährlich! Und es
sterben jedes Jahr sehr viele Journalisten,
die aus Kriegsgebieten
berichten. Als Spiegel-Chefredakteur
habe ich immer Skrupel gehabt,
Leute in solche Gebiete zu schicken.
Ich habe auch immer gesagt: Seid
vorsichtig, die beste Geschichte ist
den Tod nicht wert.
Trotzdem: Blut, Mord und Bombenterror – haben Sie in all den
Jahren nicht mal das Gefühl
gehabt, von einer gewaltigen Last
erdrückt zu werden?
Ich bin für´s Fühlen nicht zuständig.
Das ist nicht mein Gewerbe.
Ich versuche, zu verstehen, warum
sich Leute in bestimmten Situationen
so und nicht anders verhalten
haben. Mich interessieren Tatsachen.
Ich sag es nochmal: „Für
Gefühle bin nicht zuständig.“
(lächelt verschmitzt)
Seit Anfang September gibt es das
neue Buch, das eine ganze Reihe
neuer Informationen bereithält. Seit
dem 25. September läuft „Der Baader-
Meinhof-Komplex“ in den Kinos.
Was denken Sie über den Film?
Mir lag immer sehr viel daran, dass
das Buch einmal verfilmt wird –
und wenn man so will, ist es
bereits mehrfach verfilmt worden.
Natürlich haben sich die meisten
Drehbuchschreiber auf meine RAF-Recherchen
verlassen und sich
kaum durch die Originaldokumente
gewühlt. Aber es hat mich sehr
gefreut, dass derjenige, der das
wirklich kann, nämlich Bernd
Eichinger, auf den Gedanken
gekommen ist, das Buch zu verfilmen.
Wir haben dann drei Jahre
sehr gut und intensiv daran gearbeitet.
Ich war auch gelegentlich
bei den Dreharbeiten dabei. Der
Film gefällt mir wirklich sehr gut.
Er ist sehr nah am Buch und damit
nahe der Realität.
Stefan Aust, vielen Dank für das
Gespräch.
Das Interview führte
Susanne Peters