Hund Toto hat überhaupt keine Chance. Der Revolver ist geladen, liegt bereit auf dem Klavier. Die gedungene „Mörderbande“ um Ulrich Tukur gibt sich wild entschlossen, dem Hundeleben ein knalliges Ende zu bereiten. So sieht es die Performance vor.
Der berühmte Mime und seine Musik-Gespielen Günter Märtens, Ulrich Mayer und Kalle Mews werden sie wieder, angesichts des beifälligen Publikums, zelebrieren. Der nun in Hamburg lebende Maler Manfred W. Jürgens hat die Vor-Sterbe-Szene des Vierbeiners zum Motiv eines großformatigen Tafelbildes gemacht.
Wie der 52-Jährige, in Grevesmühlen geboren, malt, so malt man heute nicht mehr. Auf Holz, darüber ein Nesselüberzug gespannt und darauf unendlich viele Farbschichten. Das dauert. Diese Art Bildgebung wird „sachlicher Realismus“ genannt.
Der in einem Turmzimmer am Blankeneser Hang arbeitende Künstler braucht unheimlich viel Zeit dafür. „Ich liebe das Detail.“ Erst wenn man ganz nahe an die Staffelei geht, wird der Unterschied zwischen der Fotografie, die er statt des Skizzenbuchs verwendet, und seinem Gemälde deutlich. Von Dürer und Holbein kennt man diese fotografisch genaue Art zu malen, die dennoch nicht Fotobild ist.
„Die erste nackte Frau, die ich gesehen habe, war von Lucas Cranach. Die Marien-Darstellung war es auch, die mich schon als kleines Kind so begeistert hat“, sagt der Rotschopf, dessen Bilder unter Eingeweihten immens gefragt sind. Er kann sich von ihnen nur schwer trennen. „Ich verkaufe so viel, dass ich mein Leben davon bestreiten kann.“ Er höre nur auf die eigene Stimme. „Ich hoffe, nie in eine Situation zu kommen, um wegen des Marktes meinen Stil ändern zu müssen.“
So hängen die Wände der Wohnung auch voll von Menschen- und Tierporträts, schrumpelköpfige Kapauns, das traurigfaltige Angesicht einer Ceylonesin, die der Hunger zum Dauerverzehr von Zuckerrohr trieb, was die Gesundheit ruinierte und sie Jahrzehnte älter aussehen lässt. Im Treppenaufgang hängt die Kuh Soraya, die quasi eine Sensation ist. Ihre Geschichte: Jürgens und seine Freunde hatten in alpenländischer Umgebung, nahe Gstaad, eine Ein-Bild-Ausstellung arrangiert. Mit eben jenem lebensgroßen Soraya-Abbild. Von weit her waren Kunstfreunde und vor allem Anhänger der sachlich-realistischen Malweise gekommen, die Kuh auf Leinwand und Holz zu sehen. Zuerst hatte sich offenbar eine Gruppe von Franzosen auf den Weg almaufwärts gemacht. Als sie über die Kuppe kam, des naturalistisch gemalten Kuhkopfes ansichtig wurde, ging ein Aufschrei durchs Tal: „Soraya“.
Der meisterliche Maler hat sie nicht verkauft, am damaligen Geschehen aber sicher sein Vergnügen gehabt. In kluger Vorausschau: „Meine Bilder sind meine besten Aktien.“
Den ganzen Tag, oft bis zu zwölf Stunden, sitzt er mit Pinsel und Malstock in der Hand vor der Leinwand. Ohne Unterlass fertigt er am Bild, ganz konzentriert, dennoch intensiv am gleichzeitigen Gespräch beteiligt. Es kommt nicht der Eindruck auf, Gäste im Atelier seien ihm lästig, würden stören. Im Gegenteil. Es ist auch nicht so, dass er versucht, mit philosophischer Deutung seines Werks zu beeindrucken. Ein harter Kampf findet statt, zäh, allmählich im sichtbaren Ergebnis, das als Vorlage dienende Foto müsse im Schaffensprozess verlieren. „Ich habe keine Lust, das Auge nur als einen schwarzen Punkt zu malen“, sagt er. Um die Gefahr, dass der sachliche Realismus schon zweimal in der deutschen Geschichte von den Mächtigen missbraucht wurde, wisse er. An abstraktes Malen, nur um sich wichtig zu machen, denke er nicht. Sein aufwändiges, zeitraubendes Farbgeben nennt er sogar „eine Frechheit dem Leben gegenüber“, dem eigenen Leben.
Es ist offenbar, von Manfred W. (steht für Wilfried) Jürgens gemalt zu werden, ist den menschlichen Objekten eine Ehre. Der mit dem Maler befreundete TV-Krimi-Kommissar Ulrich Tukur, Erna Thomsen, die Chefin der Hamburger Szene-Kneipe „Silbersack“, Rammstein-Frontmann Till Lindemann im Doppelporträt mit Mutter Gitta (siehe Rostock „delüx“, Herbstausgabe 2009 ) hat er derart verewigt und auch den Fotografen Falko Baatz. In einer „Kunstaktion“ seltener, vielleicht noch nie praktizierter Art, haben sich 130 Künstler Mecklenburg-Vorpommerns in aller Unterschiedlichkeit mit einem einzigen Objekt befasst, mit dem Konterfei des bei Güstrow lebenden Lichtbildners. Dabei entstanden 130 in der Regel höchst unähnliche Arbeiten, die seit dem 11. Dezember in einer Ausstellung im Schweriner Schleswig-Holstein-Haus zu sehen sind.
In Rostock hatte der malende Nachtmensch Jürgens seinerzeit auf dem Lehr- und Ausbildungsschiff „Georg Büchner“ den Beruf eines Vollmatrosen erlernt, war vom legendären Kapitän Schickedanz mit harter, weißbehandschuhter Hand zu Akkuratesse erzogen und innerhalb der GST-Ausbildung bei brütender Hitze unter der Gasmaske durch Havanna getrieben worden. Bei seinen Malversuchen an Bord – und daran erinnert sich der Künstler genau – forderte ihn der strenge Mann mit den vier
goldenen Ärmelstreifen auf, „Jungchen, entweder Maler oder Seemann“. Manfred W. Jürgens hat sich entschieden. Nicht schlecht.
Jürgen Rösler