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Selbst geschmiedetes Glück

17.06.2008
Zwei schräge Vögel: Die Künstlerin Friederike Antony und ein eiserner Strauss, der im Sommer auf dem Rövershäger Erdbeerhof zu sehen sein wird.
Sie ist ein bisschen verrückt, sagt sie. Und inzwischen ein bisschen größenwahnsinnig. Wer Friederike Antony in ihrer Schweißerwerkstatt auf dem Gutshof Patapaya in Schorrentin besucht, muss zweifelsfrei zugeben: Diese Frau hält sich nicht mit Kleinigkeiten auf.
 
Das war einmal anders. Friederike Antony hatte sich an der Kunsthochschule im hessischen Hanau zur Goldschmiedin ausbilden lassen und lange auf verschiedenen Weihnachtsmärkten ihre kleinen Schmückstücke feilgeboten. Aber die junge Frau hatte es satt, winzige Steine und Gravuren auf zierlichen Schmuck zu setzen. Sie wollte sich befreien, Raum und Zeit für neue Projekte schaffen. Sie wollte einen Neuanfang. Als sie eines Tages einen Bildband über Mecklenburg-Vorpommern in die Finger bekam, verliebte sie sich sofort in die Schönheit und Weite des Landes. Noch nie hatte sie den Nordosten Deutschlands bereist und trotzdem stand ihr Entschluss fest: Sie würde das Geld aus einer Erbschaft für eine Immobilie in Mecklenburg-Vorpommern aufwenden.
 
Es ist ein kalter, verschneiter Februarmorgen als Friederike Antony zum ersten Mal mit ihrem Auto vor dem Gutshaus hält. Vier Hektar Land, eine Ruine, überall Schutt und Unrat. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, sagt sie. Innerhalb von drei Monaten besichtigte sie 50 weitere Häuser im Land. Sie entschied sich für das alte Gutshaus im 50-Seelen-Dorf Schorrentin, das vor der Wende als Gärtnerei genutzt wurde. „Die ersten Monate habe ich im Schlafsack auf dem Fußboden genächtigt. Da es hier noch nicht einmal fließendes Wasser gab, musste ich mit dem Fahrrad nach Neukalen fahren, um dort die Münzdusche zu nutzen“, erinnert sie sich.
 
Heute ist dem Kunstgut Patapaya die einstige Verwahrlosung nicht mehr anzusehen. Friederike Antony hat hier, im Herzen der Mecklenburgischen Schweiz, einen Ort geschaffen, der von seiner gediegenen Geschichte lebt und in einem ständigen Wechselspiel mit modernem Design steht. Kein Raum gleicht dem anderen. Nichts ist von der Stange. Jedes Möbelstück ist durch ihre Hände geschaffen oder bearbeitet worden. „Ja, es hat viel Kraft gekostet, mir diesen Traum zu erfüllen“, nickt sie.
 
Zu ihrem wahr gewordenen Traum gehören auch fünf Gästezimmer, die jeweils einem anderen Motto zugeordnet sind: das Rosen-Zimmer, das Frosch-Zimmer, das Sonnen-Zimmer, das Meeres-Zimmer und das Hochzeitszimmer mit einem Himmel voller Geigen. Auch in ihren Privaträumen hat sich die Künstlerin nach der entbehrungsreichen Zeit während der Um- und Ausbaumaßnahmen ein Denkmal gesetzt: Eine azurblaue Badewanne, so groß, dass auch ein ausgewachsener Elefant darin Platz nehmen könnte.
Nun, elf Jahre später, ist Friederike Antony angekommen. Sie wirkt zufrieden, ist mit sich selbst und ihrem Leben im Reinen. Sie liebt dieses Fleckchen Erde immer noch wie am ersten Tag. „Ich habe hier so viel Herzblut rein gesteckt, dass ich, obwohl ich immer noch auf den Gästebetrieb angewiesen bin, mein Refugium mitunter nicht teilen mag. Zumindest nicht mit Nörgel-Gästen“, schränkt sie ein. „Ich brauche die Gelassenheit dieses Ortes, um mich ganz auf meine Arbeit konzentrieren zu können“, sagt sie und dreht den Gashahn ihres WIG-Schweißgerätes auf.
 
Prunk und Protz sucht man im Kunstgut Patapaya vergeblich. Dafür findet man überall das Lieblingsmaterial der Künstlerin: Metall. Gerade hat ihr ein Nachbar wieder eine tonnenschwere Fuhre Stahl auf den Hof gefahren. Mit zwei Flaschen Bier unter dem Arm, geht Friederike Antony dem Mann entgegen. Sie wird die Doppelt-T-Träger, die sie auf dem Malchower Schrottplatz ausgewählt hat, erstmal auf der Terrasse vor ihrer Werkstatt zwischenlagern, bevor sie die Teile, die für den Erlebnishof in Rövershagen bestimmt sind, zum Leben erweckt. Ein paar mannshohe Störche, die dort im Sommer zusehen sein werden, stehen bereits reglos wartend auf dem Hof.
 
„Es hat seine Zeit gedauert, bis die Nachbarn verstanden haben, dass hier nicht nur die durchgeknallte Künstlerin aus dem Westen wohnt. Meine Kunst ist plastisch und zum Anfassen gedacht. Man sieht schließlich, dass meine Skulpturen durch schwere handwerkliche Arbeit entstehen – und dass rechnen mir gerade die alten Dorfbewohner hoch an.“ Sie lächelt, zündet sich eine Zigarette an und lässt ihren Blick über die vier Hektar Land wandern. Sie atmet einmal tief durch und sagt dann mit leiser Stimme: „Ich habe das gute Gefühl, hier nie fertig zu werden“.
 
Susanne Peters
Text/Foto