Ein Besuch bei ScanHaus Geschäftsführer Friedemann Kunz 
Friedemann Kunz hat es sich in seinem geräumigen Wohnzimmer gemütlich gemacht. Aus dem alten Ledersessel, in dem schon sein Urgroßvater unternehmerische Ideen entwickelt hat, blickt der ScanHaus Chef hinunter auf „seine“ Stadt. In Marlow hat der Schwede seine Familienwurzeln. Hier hat er zu DDR Zeiten immer wieder seine Oma besucht, hierher ist er nach der Wende zurückgekehrt und hier will er bleiben.
Nicht nur wegen des schönen Ausblicks. Kaum anderswo in der Mecklenburger Schweiz geht es so rauf und runter, wie gerade in Marlow. Friedemann Kunz hat sich den höchsten Punkt in dieser Hügellandschaft als Wohnsitz auserkoren. Tür an Tür mit seiner Fabrik steht auch sein Wohnhaus. Keine Villa, wie sie sich 1905 sein Urgroßvater Carl hat bauen lassen und die heute Teil seines 2008 eröffneten 4 Sterne Recknitztal-Hotels ist, sondern ein Fertighaus aus der eigenen Produktion. Wer inzwischen jährlich über 500 Scan Häuser an den Mann bzw. die Frau bringt, sollte mit gutem Beispiel vorangehen. Ohnehin spricht inzwischen vieles für ein Fertighaus und damit gegen jene, die weiterhin traditionell Stein auf Stein errichtet werden. Allein schon der Energieeinsparungsvorschriften wegen. Aber was ist in diesem Fall Tradition?
Kein geringerer als Leonardo da Vinci gilt als Erfinder des Fertighauses. Der begnadete Maler war auch Architekt, Ingenieur und Naturphilosoph, entwickelte so bereits im 16. Jahrhundert für französische Städte Baupläne, die typische Merkmale moderner Fertighäuser aufweisen. Variabel im Typ, modular im Aufbau. Und ganz nebenbei: da Vinci ist gar kein Familienname, sondern ein Kastell, ein befestigtes Hügeldorf unweit von Florenz. Auch Friedemann Kunz wohnt in der grünen Stadt Marlow auf einem Hügel… .
Niemand wird von Friedemann Kunz behaupten, das er ein alter Schwede ist. Nicht selten ist er morgens der erste im firmeneigenen Sportzentrum. Zudem tritt er als Förderer und Sponsor auf. Auch Hansa Rostock freut`s. Die Marlower Radrennen sind inzwischen legendär. Und Sport hält bekanntlich jung. Rauchen gehört hingegen zu den eher ungesunden Dingen des Lebens. Doch heute hat sich der agile Firmenchef die alte Tabakdose von seinem Uroßvater aus dem Büro mit nach Hause genommen. Um bei ein paar Zügen aus dem selbstgedrehten Zigarello darüber nachzudenken, wie er Bayern und Baden Württemberg erobern kann. Seine Heimat Schweden hat er längst in der Tasche. Dort hat alles angefangen.
Noch bevor Urgroßvater Carl Kossow 1953 als Inhaber der Marlower Dampfsägerei und Fassfabrik verhaftet und enteignet und der Familienbetrieb in Volkseigentum überführt wird, hat das Gros der Familien angesichts der sich abzeichnenden Entwicklungen Marlow verlassen. Aber nicht, wie viele andere Richtung Westdeutschland, sondern es geht nach Schweden. 6 Jahre später erblickt Friedemann Kunz das Licht der Welt. Als Schwede, versteht sich. Dort geht er zur Schule, absolviert anschließend eine Wirtschaftslehre, um später als Inhaber eines Bürobedarfimportunternehmens vor allem mit deutschen Geschäftspartnern erfolgreich zu sein. Zwischendurch besucht er immer wieder die Oma in Marlow, lernt so, wie kaum ein anderer Schwede, das Leben in der DDR kennen, auch die permanente Wohnungsnot. Wissen, das ihm mit der Wende zugute kommen soll.
1992 bekommt Friedemann Kunz als Ururenkel des Firmengründers die inzwischen heruntergewirtschaftete Fabrik, in der zuletzt nur noch Sesselgestellteile gefertigt wurden, zurück. Der damals 37-jährige hat eine tolle Idee. Er will fortan mit Fertighäuser handeln. So wie er sie in Schweden kennen und schätzen gelernt hat. Die ersten lässt er sich noch als „Leihgabe“ aus Skandinavien kommen. Schon ein Jahr später baut er selbst welche. Und inzwischen kaufen die Schweden bei ihm.
„Das freut mich natürlich. Wenn Fertighausexperten, wie die Skandinavier, meine Häuser wollen, dann sagen sie damit doch, dass sie die besser, als die eigenen finden“, schmunzelt der Unternehmer. Und zeigt, wie zum Beweis, seine eigenen 4-Wände. „Nur der Grundriss ist aus dem Katalog. Bungalowstil, oder mehrstöckig, obendrauf ein Dach. Fertig. Bei der Raumaufteilung hat jeder Kunde freie Hand. Da kann er mit unseren Architekten so viele Striche ziehen oder auch so wenige, wie er will“, erklärt Friedemann Kunz sein Erfolgsrezept.
Bei sich zu Hause, im mehrstöckigen Typ 770, hat er fast alle Wände weggelassen. So fällt der Blick aus der Sesselecke direkt auf die Küche. Viel gekocht wird beim Junggesellen zuhause derzeit allerdings nicht. Stattdessen kommt angenehmer Duft aus dem Kamin. Auch dafür wurde ein Plätzchen gefunden. Brennholz gibt es gratis. Täglich fallen beim Zuschnitt ganze Berge davon an, so viel, dass auch noch die Produktionshallen und das Hotel damit beheizt werden können.
Während andere über hohe Gas- oder Ölpreise grübeln, hat der Unternehmer des Jahres 2005 den Kopf frei für künftige Strategien. Und so gerade die Antwort auf die selbst gestellte Frage gefunden, wie seine Montagetrupps denn nun auch auf den letzten noch verbliebenen weißen Flecken in Deutschland loslegen können. Musterhäuser sollen die Menschen dort auf den Geschmack bringen.
Darauf muss angestoßen werden. Auf dem Tresen der Hausbar mitten im Wohnzimmer steht schon seit Tagen, noch immer als Geschenk verpackt, eine chinesische Likörspezialität. Die hat Sohn Henrich aus Shanghai mitgebracht.
Dort hat der 24-jährige einen Teil seines Marketingstudiums absolviert. Oma Margarete hat alles im Blick. Von Ehemann Erich gemalt schaut sie von der Wand über den Tresen hinweg auf die vielen alten Möbel aus Familienbesitz, die dem individuell ausgebauten Fertighaus eine ganz besondere Atmosphäre verleihen.
Hat der Schwede denn nie bei Ikea eingekauft? Der 54-jährige muss längere Zeit überlegen. Die Frage hat ihm noch keiner gestellt. Irgendwo muss im Haus ein Bett stehen. Aber das hat er eigentlich nie gewollt. Alles andere, wie es sich entwickelt hat, schon. Und überhaupt, zur Ruhe setzen will er sich noch lange nicht.
Jürgen Drewes