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Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser,

„wer nach den Sternen greift, der muss durch die Wolken. "Mir scheint, nein, ich weiß es, dieser Spruch ist Lebensmaxime von Dr. Mathias von Hülsen. Ein hehres Ziel des Intendanten der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern. Doch ohne geht es nicht. Wie sonst könnten sich die Festspiele MV zur prägenden Marke unseres Bundeslandes entwickelt haben. In der von Hülsen’schen Wohnung am Schweriner Pfaffenteich plauderte ich mit ihm und seiner Ehefrau Dorothy – aber nicht nur über die Festspiele. Ein wunderbar bodenständiges Paar.


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Pas de deux hinter der Düne

25.06.2010

Das harte Holz sieht nach    Arbeit aus. Abgegriffen, mit viel Handschweiß getränkt. Ein kurzes Stück Stange aus dem Ballettsaal der Komischen Oper Berlin, einst zum Alltag des Meistertänzers Roland Gawlik gehörend.  Längst  hatte er sie dort eigens abgebaut, mitsamt Halterung. Jetzt ist sie in der Wand des Wellness-Studios seiner Frau fest verankert.

Der große Gawlik ist in Dierhagen an der Ostsee zu Hause. Dort, gleich hinter den Dünen, wo er eigentlich schon über 40 Jahre „immer mal wieder war“, unter anderem die Choreographie „Carmina Burana“ an Helsinkis Oper vorbereitete. Mit Ehefrau Sandra lebt, wohnt und arbeitet er heute im Hause „SandLand“.

Freunde des Balletts werden sich erinnern. Ob nun Klassiker wie „Dornröschen“, „Schwanensee“, „Romeo und Julia“ oder  „Abraxas“, „La Mer“, „Undine“, „Spartacus“ oder „Schwarze Vögel“… die Liste ist noch viel länger - Gawlik tanzte sie auf großen Ballettbühnen.  „Ich habe auf mehreren Hochzeiten getanzt“, kommentiert der mehrfach geehrte Roland Gawlik trocken. National wie international.   Unter anderem in Finnland, Spanien, Norwegen, Frankreich, auch in der Sowjetunion, auf Kuba oder in Australien.  Der Meistertänzer mit dem besonders hohen Spann - „wie meine Tante Lisa meinte“ -  prägte gemeinsam mit seiner damaligen Partnerin Hannelore Bey wichtige Kapitel des modernen Tanztheaters in der einstigen DDR. Vor allem an Berlins Komischer Oper unter Professor Tom Schilling, der  von 1965 bis 1993 künstlerischer Leiter und Chefchoreograph des Hauses war. „Er war unser Meester“, lächelt der gebürtige Sachse Gawlik.

Jahre später, mit Zwischenstationen unter anderem an Berlins Staatsoper, arbeitete Roland Gawlik von 1996 bis 2008  als Ballettdirektor des hauptstädtischen Friedrichstadtpalastes. Ein Haus, das ihm nicht unbekannt war, denn auch dort hatte er in früheren Jahren bereits choreographiert.  „Es waren anstrengende und fleißige Berufsjahre.“ Maßstäbe habe er dort schon gesetzt. „Ich nutzte viele Möglichkeiten,  das Ensemble auf ein hohes Niveau zu bringen.“ Im Guten sei er schließlich in die zunächst freiberufliche Tätigkeit gegangen.
Und heute? „Ich genieße jetzt mein Leben“, gibt sich der Grauhaarige zufrieden. Er wirkt kraftvoll, gesund. Na gut, gertenschlank ist er nicht mehr, wenn man die inzwischen  in die Jahre gekommenen Schwarz-Weiß-Aufnahmen  der aktiven und gemeinsamen Bühnenlaufbahn mit Hannelore Bey heute anschaut. Allerdings, schwenkt er ein, dem Genuss sei er in seiner aktiven Tänzerzeit auch nie abhold gewesen. „Die Pfunde habe ich auf der Bühne und beim Training wieder verloren.“

Gawlik trägt Jeans und schwarzes T-Shirt.  Rentner? Unpassend. Absolut.  „Es ist aber so“, sagt Gawlik. Und zieht genüsslich an einer kubanischen Zigarre, Marke „Romeo und Julietta“, die kultisch in der Paffszene ist.  Ein aktuelles Urlaubsmitbringsel. „Ich war 1964 schon einmal mit Hannelore Bey auf Kuba. Jetzt wollte ich schauen, was aus der Karibikinsel geworden ist.“  Und?  Sie sei schon  ein weltoffeneres Land geworden. „Man kann sich heute dort freier bewegen. Das konnte man damals noch nicht. Bei allen Problemen, unter den karibischen Ländern ist Kuba für mich heute eines der sozial stärksten und gesündesten Länder, trotz Diktatur und Embargo“.

Liebevoll schaut ihn Sandra an. Ganz Tänzerin. Grazil, schlank, temperamentvoll, schön. Sie, die wesentlich  jüngere Frau an Roland Gawliks Seite - seit sieben Jahren sind sie verheiratet - kommt aus Süddeutschland. „Ich habe mich inzwischen an den ständigen Wind an der Ostsee gewöhnt“.
Kennen gelernt haben sich die Beiden  in Berlin.

„Roland  wurde  am Friedrichstadtpalast mein Chef“, sagt Sandra. „Viele meiner Ballettkolleginnen, die ihre Ausbildung in Berlin, Dresden oder Leipzig gemacht hatten, sprachen vom großen Gawlik. Ich, als Wessi-Tante, wusste natürlich von Gawlik gar nichts.“ Roland befindet heute, dass sie, die aus dem Schwabenland kam,   die Hübscheste im Berliner Ballett war. Und wie das Leben mitunter so spielt; man den ganzen Tag zusammenarbeitet… „Wir kamen uns allmählich näher. Plötzlich war es Liebe.“  Natürlich tuschelten die Ballettkolleginnen. „Unsere Beziehung war schon Hausgespräch.  Der Altersunterschied, und dann noch Ossi und Wessi.“  Roland und Sandra biegen sich heute vor Lachen. Nein, das sei alles für sie überhaupt kein Thema. „Sandra ist so was von integriert. Sie hat mehr soziales Empfinden als mancher Ossi, der jetzt im Wessiland lebt.“  Auch eine Art Liebeserklärung. „Uralt will ich mit ihr werden.“  Sie passe schon „auf mich  alten Sack auf“, von wegen gesunder Ernährung, ausgewogener Bewegung und so weiter. Auch Oscar, der zwei Jahre alte Bearded Collie sorgt für tägliche, lange Strandspaziergänge.

Trotzdem, die Nähe der gemeinsamen Zusammenarbeit gefiel Sandra damals nicht. „Ich kündigte am Friedrichstadtpalast und suchte für mich neue künstlerische Herausforderungen.“  Und dabei habe sie neben ihrer großen Lebensliebe Roland Gawlik eine zweite entdeckt, den französischen Cancan. „Ein Tanz, bei dem man alles aus sich rausholen muss. In ihm kann ich meine Tanzbesessenheit total ausleben.“  „Ganz Rampensau sein“ , wie ihr Ehemann ergänzt. An der Opéra-Comique in Paris tanzte Sandra Gawlik unter anderem viele Jahre als Solistin unter der Choreographie von Nadége Maruta, eine der weltbesten Cancan-Tänzerinnen und Choreographinnen.  Auch ein vierjähriges festes Engagement im MDR-Fernsehballett gehören zu dieser Zeit.

„Aber es ist ja klar, als Tänzerin ist irgendwann mal Schluss.“ Obwohl, ein Gastvertrag mit der Semperoper Dresden, wo sie als Cancan-Solistin  in der Lehàr-Operette „Die lustige Witwe“ über die Bühne wirbelt, ist noch aktuell. Auch Tanztheater am Strand gemeinsam mit dem Musiker Thomas Putensen wird es in diesem Sommer geben.
Inzwischen ist die Tänzerin zudem Yoga- und Pilateslehrerin und Masseurin, verwöhnt Feriengäste in Dierhagen unter anderem mit Hot Stone, Lomi Lomi oder klassischen Massagen. Sie ist die Shanti Devi Sandra – zu deutsch, die, die Licht und Frieden in alle Welt ausstrahlt – und hat  im ihrem Hause „SandLand“ ein eigenes Wellness-Studio (www.sandland-gawlik.de). Hier hält sie sich fit, um immer noch in den Spagat zu gehen, Räder zu schlagen und „auch für den Cancan
kreischen zu können.“ 

Ganz los lassen vom Berufsleben will auch Roland Gawlik nicht. Das würde nicht funktionieren, bei ihm, der Micha Barischnikow oder Pina Bausch gut kannte und mit John Neumeier befreundet ist,  ab und an Gast von dessen weltbekannten Choreographien an der Hamburger Oper ist. 
Gawlik backt heute  kleinere Brötchen, wie er sagt.  Am Theater in Schwedt  inszenierte er „Frau Luna“ und choreographierte „Nicht schummeln Liebling“. Das kleine Theater in der Oderstadt gehöre für ihn zu den aktivsten in Brandenburg. „Die Grenzen zwischen Sprech- und Musiktheater gehen hier inein­ander über. So etwas entspricht nun mal meinen Prinzipien des modernen Theaters.“
Anfang  Mai übertrug  Gawlik „seine“ „Frau Luna“ an  das Theater Stettin. Weitere Gastarbeit in Heilbronn stünde bevor, eine Adaption „Von ganz oder gar nicht.“ Alles mache er heute als Rentner, aus Spaß an  der Sache.  Sein alter „Meester“ Professor Tom Schilling komme stets zu seinen Premieren. „Begegnungen, die mich freuen und immer noch ehren.“ 

Zum Rostocker Volkstheater, von Dierhagen  im eigentlichen Sinne ums Eck, haben die Gawliks noch keinen Kontakt. „Es hat sich bislang auch nichts ergeben,“ sagt Roland.  Er sei offen nach allen Seiten. „Aber ich drängle mich nicht. Das habe ich noch nie getan; jetzt erst recht nicht. Ich kann mich hier, in Dierhagen, im SandLand, zurücklehnen und auf mich selbst besinnen. Ich habe in meinem Leben Glück gehabt.“ 

Regina Rösler

Bild oben: Vom Ballettsaal der Komischen Oper Berlin nach Dierhagen in das Wellness-Studio SandLand.Roland Gawlik mag sich von seiner Ballettstange nicht trennen.

Bild unten: Lieben das Leben in Dierhagen:Sandra und Roland Gawlik.

Bild 3: Ein Blick in die Vergangenheit gehört zur Gegenwart: Roland Gawlik mit Partnerin Hannelore Bey in „Undine” an der Komischen Oper Berlin.

Fotos: Thomas Ulrich mitte, Ein Porträt".Berlin, Henschelverlag Kunst und Gesellschaft, 1977 (1).