Ihre Häuser stehen zumeist in Gegenden, von denen es landläufig heißt, hier sagen sich Fuchs und Hase „Gute Nacht”.
Den Tierarzt, die Architektin, den Orthopädie-Mechaniker, den Universitätsprofessor oder den Agraringenieur zu besuchen, braucht eine genaue Wegbeschreibung. Die Straßen zu ihnen werden schließlich immer enger, Katzenkopfpflasterung prüft die Funktionalität der Stoßdämpfer.
Die Gehöfte der Besagten, ihre Bauernhäuser, sind in jedem Falle in die Jahre gekommen. Die Bauernhausbesitzer sind einstige Städter oder haben schon immer auf dem Lande gelebt. Oft spielt der Zufall eine Rolle, dass sie sich in baulicher Historie ansiedelten. Oft ist aber auch nachgeholfen worden.
Eckard Meyer fuhr mit seinem NSU-Motorrad, Baujahr 1951, durch die Lande, suchte, wurde fündig in Neu Karin, nahe Kröpelin. Ganz am Ende des Dorfes. „Es hat nach uns gerufen, es wollte in die Hand genommen werden”, romantisiert der gelernte Möbeltischler seine erste Begegnung mit der lange leer gestandenen Vollbauernstelle, aus deren Dach damals Holunder-Äste wuchsen. Nun lugt ein vertraulich dichtes, ein nicht billiges Rohrdach über steinerne Trockenmauern, eine Wildhecke schirmt ab und gibt gleichzeitig den Blick frei.
Der gebürtige Rostocker wohnt dort mit Ehefrau Annika und den kleinen Kindern Josephine-Marie und Julian Albrecht. Charlotte und Margarete, die 17-jährigen Zwillinge aus erster Ehe, besuchen ihn gern und oft. „Sie sind doch hier richtig hineingeboren worden”, findet Eckard Meyer, der die verlassene Vollbauernstelle 1989 erwarb.
Ganz anders, oder auch ebenso, die Ansiedlung von Hendrik und Sabine Kindermann in Penzin. Der Heilpraktiker mit einer Praxis in Rostock und seine Uni-beschäftigte Frau haben ihr großes Hallenhaus erst seit drei Jahren. „Warum Geld wegwerfen, wenn man was Eigenes haben kann”, begründet sie den Erwerb. Vorher hatte man zur Miete gewohnt, auch in einem Dorf. Die Nachbarin der Kindermanns ist Imke Thielk. Deren Bauernhaus existiert in Familien-Tradition, war schon 1978 vom Vater gekauft worden. Mit ihren fünf Brüdern hegt und pflegt sie den Besitz, der ihr auch das Lebens-Credo liefert. „In Rostock wohne ich, in Penzin lebe ich“, sagt die blonde Frau, die Landesbeauftragte der IG Bauernhaus ist und von den Verbandsmitgliedern als „die Seele vom Geschäft” bezeichnet wird.
Auch das vergleichsweise kleine Büdnerhaus, das Hans-Wolf Fischer und seine Frau Rita in Neu Wiendorf bei Schwaan bewohnen, ist vor Jahrzehnten erworben worden. Man sieht es. Alles schmuck. Eins nach dem anderen gemacht.
Der ehemalige Weltklasseschwimmer und Sportlehrer hat wahnsinnig viel eigene Arbeit in Wohnhaus und benachbarte Scheune gesteckt, letztens den Wohnraum neu gedielt.
Bewerkenswert aber ist seine Arbeit am Dach. Beim Verlegen des selbstgeborgenes Rohres hat er inzwischen eine solche Meisterschaft erworben, dass die deutschlandweite Interessengemeinschaft Bauernhaus ihn mit der höchsten Auszeichnung, mit dem Julius-Kraft-Preis für Denkmalpflege würdigte, und Ehefrau Rita zurückgelehnt versichert: „Es macht überhaupt nichts, wenn die Störche im Frühjahr kommen und für den Nestbau das Rohr auch bei uns am First rausziehen”. Hans-Wolf hat Erfahrungen und Geschick, das wieder auszubügeln.
Fischers Bauernhaus ist, eigenen Angaben zufolge, rund 200 Jahre alt. Das von den Meyers in Neu Karin gut das Doppelte.
Ein Riesengehöft, mit vielen Morgen Land drum herum. „Das ist eines der wenigen Häuser in Mecklenburg-Vorpommern, die schon den 30-jährigen Krieg erlebt haben“, versichert Eckard Meyer, und lässt sich nicht anmerken, dass er damit den Besucher schon ein wenig verblüfft.
Die Zeitangabe ist nicht Spekulation. Dendrologische Untersuchungen, also Bohrkerne aus dem tragenden Eichenholz des Kerngerüsts, besagen, der Ursprung des Hauses im Stillen Winkel lässt sich auf die Jahre zwischen 1590 und 1630 datieren.
Viele Generationen haben seitdem darin gewohnt, große Familie fanden Platz. Auch heute können schon mal 50 Geburtstagsgäste anrücken, wie jüngst, als Annika Geburtstag feierte.
Kindermanns Hallenhaus in Penzin, nur halb so alt, war ein sogenanntes Rauchhaus, was auf die einstige, die hüstelnde Wärmeversorgung durch ziehende Rauchschwaden verweist. Rabenschwarz darum auch die Balken, und Hendrik Kindermann; „Die sind so hart, dass du keinen Nagel reinkriegst, aber auch keine Chance für den Holzwurm“.
Immer wieder hat es im Laufe der Jahrhunderte in solchen Häusern bauliche Veränderungen gegeben, nur die Deckenhöhe ist um die zwei Meter geblieben. „Darum lieben Kinder auch solche Häuser“, sagt Meyer, „sie kommen sich darin nicht so klein vor“. Der Puppenstubeneffekt.
Für die Bauernhäuser ist es ein Glück, dass es Leute gibt, die sich für sie interessieren, und die es nicht leid sind, viel Geld, viel eigene Arbeit rein zu stecken. Die einstigen Hofstellen im Außenbereich sind oft zu groß, um sie sinnvoll zu nutzen.
Gäbe es nicht Menschen, die um ihres eigenen Wohlbefindens willen, eines Glückgefühls sich einbringen, viele dieser rohrgedeckten Fachwerkhäuser mit Lehmwänden- und Decken wären platt, nicht mehr da.
Zumeist wird Schritt für Schritt saniert, nur wenige sind in der Lage, aus der sogenannten Portokasse zu finanzieren. Darum auch ihr enges Verhältnis zum Besitz, zum Geschaffenen.
Längst sorgt bei den Fischers eine Zentralheizung für Wärme. Der Kachelofen aber ist nicht abgerissen. Wenn die Holzscheite knistern, sagt Rita Fischer: „Das ist eine andere Wärme“. Baumaterial Lehm, ob nun zwischen strohgewickelten Schleten in den Wänden oder als Deckenschüttung, sorgt für ausgesprochen gutes Klima, kühlend im Sommer, die Wärme speichernd in der kalten Jahreszeit. „Wir kennen auch keinen Schimmel“, sagt Hendrik Kindermann, „weil Lehm atmet.“
Bei ihnen in Penzin wird nun zum Winter ein sogenannter Franklin-Ofen mit 15 kW, die Kombination von gusseisernem Kamin, Ofen und Herd installiert. Das „Klamöttchen“, mit begehbarem Schrank, ist längst fertig. Es wird auch Kreativ-Zimmer genannt, weil Sabine darin malt und Handarbeit macht: „Selbstgestrickte Wollsocken sind hier hochgeschätzt“.
Viel Leben findet bei ihnen draußen statt, wie bei den anderen. Das Haus ist Rückzug, „Es ist wie eine Glucke“, meint Eckard Meyer, nachdem er vom Brunnen, von der Sodwippe, am Trageholz die Eimer zur Tränke seiner Gotland-Schafe heran geschleppt hat. „Hier bietet sich uns Lebensraum, wie sonst nirgendwo“.
Im Hause Kindermann sind vier Katzen, ein Hund und eine Schar Hühner, auch welche, die grüne Eier legen. „Die sind besonders cholesterin-freundlich versichert der heilpraktizierende Diplom-Psychologe, und drängt dem Besucher beim Abschied nachgerade die Beute frischer Nesträuberei auf.
Hans-Wolf Fischer: „Es ist für uns ein Glücksmoment, über die weite Fläche hinter dem Haus zu sehen, wie die Sonne untergeht“. Auf dem Gartentisch steht dann eine Flasche Rotwein, und flugs finden sich auch die Schwarz‘ens aus der Nachbarschaft ein, die auch ein Bauernhaus besitzen und der IG angehören.
Jedes Bauernhaus ist verschieden, ihre Besitzer auch, nennt man sie besondere Leute, stimmen sie zwar nicht zu, halten aber auch nicht dagegen. Spezis sind sie allemal, sie leben in der Natur, mit der Natur, für die Natur.
„In unserem Verband haben wir in Mecklenburg-Vorpommern 150 Mitglieder“, sagt Imke Thielk. Man könne auch beitreten, ohne schon ein Haus zu besitzen. Von den rund 6000 IG-Mitgliedern in Deutschland leben unverhältnismäßig viele im deutschen Norden. „Der Verband ist uns ein wichtiges Netzwerk“, unterstreicht die Landes-Chefin, wegen Beratung, Exkursionen und Erfahrungsaustausch. Wichtig ist ihr: „Weil auch viele Kinder mit ihren Familien dabei sind, ist uns um unsere Zukunft nicht bange“.
Die Nagelprobe von Neu Karin: In dem mittelalterlichen, mehr als 400 Jahre alten Hallenhaus der Meyers lebt auch der Jüngste, Julian Albrecht. Und der ist etwas mehr als 400 Tage alt. In die Nachbarschaft sind jüngst ein Berliner Kunsthändler und der Bildhauer Jan Wilde-Gropius gezogen. Einige Stellen sind noch vakant.
Jürgen Rösler
Bildunterschriften:
Meyer 1: Fischers 200-jähriges Bauernhaus in Neu Wiendorf bei Schwaan.
Meyer 2: Freude im Stillen Winkel von Neu Karin. Für Eckard und Annika Meyer und für die Kinder ist der Traum vom Landleben nicht wie eine Seifenblase geplatzt.
Meyer 3: Annika Meyer-Kunz und die Zwillinge Charlotte und Margarete vor einem Bild von Karl Kunz, den die Nazis als „entarteten “ Künstler diskriminierten.
Fotos: Thomas Ulrich