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Bis irgendwann tiefes Vertrauen entsteht…Essen ohne Schnickschnack - Lutz SeverinAngekommen - Mathias FreiheitKlassenmaß für Kurvenhatz und Windschnitt - Der 3er BMW„Play Golf – Have Fun”Pure Verführung - Klosterladen in Bad DoberanLiebe Leserin, lieber Leser,
Bis irgendwann tiefes Vertrauen entsteht…
Essen ohne Schnickschnack - Lutz Severin
Angekommen - Mathias Freiheit
Klassenmaß für Kurvenhatz und Windschnitt - Der 3er BMW
„Play Golf – Have Fun”
Pure Verführung - Klosterladen in Bad Doberan
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Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser,

„wer nach den Sternen greift, der muss durch die Wolken. "Mir scheint, nein, ich weiß es, dieser Spruch ist Lebensmaxime von Dr. Mathias von Hülsen. Ein hehres Ziel des Intendanten der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern. Doch ohne geht es nicht. Wie sonst könnten sich die Festspiele MV zur prägenden Marke unseres Bundeslandes entwickelt haben. In der von Hülsen’schen Wohnung am Schweriner Pfaffenteich plauderte ich mit ihm und seiner Ehefrau Dorothy – aber nicht nur über die Festspiele. Ein wunderbar bodenständiges Paar.


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Mein Sohn, der Frontmann von RAMMSTEIN

01.10.2009

Eine Liebeserklärung – von Gitta Lindemann

Mein erstes Konzert mit Rammstein.  Ich saß zwischen dunkel gekleideten Menschen, die ich mir anders gedacht hatte. Sie waren unaufgeregt und redeten über Studienaufträge, sie vertrieben sich die Zeit mit  erstaunlich klugen Gesprächen. Der Beginn des Konzertes verzögerte sich um eine halbe Stunde. Soviel Zeit brauchten die Jungs, um zu überlegen, ob Anstößiges im Programm ist, was der Mutter missfallen könnte. Ich war heimlich gekommen, er hatte es damals nicht gewollt. Aber er hatte mich entdeckt. Später, in  größeren Sälen und Stadien, war ich selbstverständlicher Gast. Ob damals in einem kleinen Saal oder jetzt in gewaltigen Arenen – das Erlebnis bleibt gleich. Ich  stehe zwischen den anderen und die Musik hastet auf mich zu, dröhnt und wirft sich auf, stößt sich an  Wänden, stürzt in den Himmel, fällt zurück und setzt sich auf die Brust, der Atem wird flacher. Ich bin eingekeilt in Musik und starr. Vor Bewunderung. Der Dompteur auf der Bühne ist mein Sohn.

Er dirigiert die Massen mit einer Handbewegung, er schlägt sich die Stirn wund und er brennt und er jagt seine rollende Stimme durch Raum und Zeit. Was  für eine Verantwortung. Für all diese Menschen, die ihm begeistert zujubeln und ihm folgen würden, wohin er sie auch führen würde.
Da hab ich Angst um ihn. Was tut er sich an, welche Überwindung muss es ihn kosten, sich so auszuliefern. Abend für Abend, Land um Land, Kontinent um Kontinent.

Aber er ist entspannt, wenn ich vor dem Auftritt backstage bin und er sich um mich kümmert, als wären wir zu Hause.

Zu Hause, das ist Mecklenburg. Seine Heimat, seine Wurzeln, sein Kraftquell.
Schon als Junge – in den Ferien – jagte er durch die Landschaft, stand in der Frühe auf und ging mit den Melkern aufs Feld zu den Kühen. Schlief im Freien unter dem weiten Himmel,  hörte  die Äpfel fallen oder die Enten in den Teich switschen. Im Herbst durchkämmte er die Wälder nach Pilzen, im Winter  lange Spaziergänge durch hohen Schnee, mit der Katze in der Jacke, weil die nicht mehr springen mochte von Schneehügel zu Schneehügel.

Und die Menschen. Erzähl mal von früher – das hat er zu seinem Vater gesagt und zu den Gästen im Dorfkrug. Wie haben sie hier gelebt  vor seiner  Zeit. Er sitzt – damals wie heute – mit den
Leuten aus dem Dorf zusammen und kann stundenlang zuhören, wie sie in ihrer breiten Mund­-
art und mit trockenem Humor Geschichten hervorquellen lassen.

Er ist beliebt,  sie suchen seine Gesellschaft. Das hat nichts mit seinem Beruf zu tun. Sein Vater hat über ihn ein Buch geschrieben, darin berichtet er von seinem Erstaunen, dass seine Freunde ihm alles zutrauten. Einer will von ihm sein Moped repariert haben, der Vater fragt verwundert –  meinst du, er kann das? Der Junge sagt: Till kann alles. Der Vater denkt ungläubig: Vor allem Unsinn. Er ist überrascht, dass die Karre in Kürze wieder läuft. „Er kann alles – wie viel Vertauen, wie viel Zutrauen“, schreibt sein Vater.
Vertrauen – das ist das Wort. Und trauen, er traut sich. Er geht auf Grenzen zu und überschreitet sie. Was könnte geschehen, wenn... diese Frage kennt er nicht. Er probiert, er testet sich aus. Seine Texte sind keine Frage des Mutes, sie sind in ihm. Denn: über sich redet er nicht, über seine Sehnsüchte, seinen Schmerz, das schreit er heraus in seinen Gedichten. Ein Freund hat geschrieben: „Es sind Wunden aus Verzweiflung und Hoffnung. Fluchtgedanken voller Einsamkeit aus einem Herz voller Mut und Sehnsucht geschossen.“
 
Als seine Großmutter starb, war er an ihrem Bett, hat sie gestreichelt, bis in den Tod. In einem Gedicht kann er den Schmerz so sehr anders verarbeiten, so, dass es wehtut beim Lesen. Wo nimmt er die Ideen her, hab ich mich und ihn gefragt. Sie sind einfach in ihm. Aber manchmal bleibt die Gnade der Einfälle auch aus. Dann ist es schlimm. Dann verschließt er sich, schließt sich weg, dann stehe auch ich im Regen. Immer aber gibt es die Familie, die inzwischen angewachsen ist. Und er ist jetzt der Familiensachverwalter, er achtet darauf, dass keiner ausschert.

Es gibt viele Gründe, zusammen zu sitzen. Da kommen seine Freunde und die Familie wird hinzu gebeten, da  gibt es Weihnachten und Ostern und Geburtstage oder einfach nur einen schönen Abend, um gemeinsam unterm Sommer-Sternenhimmel zu sitzen und  zu erzählen.

Oder er hat Lust zu kochen, das kann er vorzüglich, vor allem Wildgerichte und Fisch. Er probiert neue Gerichte aus und wenn es uns allen vorzüglich schmeckt, mäkelt er herum, da hätte aber noch...

Manchmal lädt er uns in sein großes Auto und wir fahren an die See oder gehen paddeln,  immer die ganze Familie. In unseren Bötchen sitzen wir und lassen uns treiben durchs Wasser, über uns schattiges Gezweig. Dann sucht er einen Rastplatz auf einer Wiese und hievt alle an Land. Aus der Kühltasche holt er Bouletten und Brot und Gummitiere für die
Kinder und Wasser und Pro Secco, er selbst geht Angeln, während wir vespern. Abends gibt dann Fisch mit viel Knoblauch. Dann ist er ganz bei sich.

Dies ist eines seiner Leben, das andere auf der Bühne, sein „Job“, wie er sagt. Manchmal fallen sie zusammen. Wenn wir z.B. am Strand in Costa Rica sitzen und drei junge Männer kommen auf ihn zu und bitten um ein Autogramm. Das ist ihm peinlich. Aber artig und freundlich setzt er die Unterschrift.
Meine schönste
Erinnerung:

Er holt uns ab in San Rose und wir fahren über endlose Straßen und holprige, staubige Wege, trotzdem wird er immer schneller und schneller, ich sage, warte doch, ich will den Sonnenuntergang sehen; er aber gibt Gas und fährt und fährt, schließlich einen Berg hinauf und hält endlich an und wir sehen: Die Sonne überm Meer. Wie sie glutrot untergeht. Diesen Augenblick sollten wir von hier oben aus erleben!

Wir sind angekommen, und er kocht und summt dabei vor sich hin. Es wird dunkler und dunkler, über uns nur noch der Sternenhimmel und wir sind allein mit uns und unseren Gesprächen, die dauern bis spät in die Nacht. Wir haben herrliche Wochen, fahren durchs Land, schwimmen und schweben hoch überm Dschungel, halten uns fest  an einem endlos scheinenden Seil. Tief unter uns das grüne Dickicht, über uns der Himmel und weit hinten das Meer und bei mir ein großes Angstgefühl im Magen. Beim Anlegen der Sicherheitsgurte wurden mir plötzlich meine über 65 Jahresherzschläge bewusst.

Ohne ihn hätte ich  mir dieses Abenteuer nicht zugetraut. Er schafft Vertrauen. Ich erinnere mich, wie wir – da war er 14 oder 15 – bei einem Spaziergang über die Felder durch eine  Bullenherde mussten. Ich hatte Angst, er wahrscheinlich auch, aber er ging auf die Tiere zu und rief mir zu, ich solle einfach hinter ihm bleiben.

Dann mussten wir über einen Bach, ich stellte mich schusselig an, er legte ein Brett drüber und half mir ans andere Ufer.

Bis vor kurzem hatten sich zu den Feiertagen fünf Generationen um seinen Tisch versammelt. Er holte seine Großmutter im Rollstuhl mit seinem Auto ab und fütterte sie und das Ur-Urenkelkind kroch auf ihren Schoß. Familienalltag. Sein Rückhalt.

Ebenso wie die Natur.  Er geht unter dem weiten Himmel am See entlang und kennt die Tiere, die hier leben. Er beliest sich und erklärt uns dann erstaunliche Sachen. Er kennt die meisten Länder der Welt, und sie kennen ihn. Als ich in Moskau war, wollten mir viele junge Menschen die Hand drücken, weil ich ja die „Rammsteinmutter“ war und ein Mann in meinem Alter erklärte mir mit Begeisterung die Einzigartigkeit dieser Band. Auf den Videos von den Gastspielen in aller Herren Länder sieht man, wie andächtig und inbrünstig die Zuschauer die Texte auf  Deutsch mitsingen. In Mexico City ist das nicht anders als in Tokio, Rio, Manchester oder in Budapest. Das alles erlebt er. Aber das  ist nichts gegen einen  mecklenburgischen Sonnenaufgang überm Moor, sagt er, wenn du siehst, wie die Rehe aus dem Gebüsch kommen und du in dieser großen Stille die unterschiedlichen Tiergeräusche wahrnehmen kannst. Dieser unvergleichliche Himmel, die Wolken und Modderklumpen an den Schuhen, diese Landschaft erdet ihn und macht ihn auch demütig.

Ich bin – wie so viele – gern mit ihm zusammen. Dass er berühmt ist, spielt keine Rolle.  Nur manchmal fällt es mir mit  leisem Erstaunen auf: was für ein Mensch.
 
Wenn ich nicht zufällig seine Mutter wäre, mit diesem Mann wäre ich gern befreundet.

Die Autorin, Gitta Lindemann, ist Journalistin und war von 1992 bis 2002 beim Norddeutschen Rundfunk in Schwerin als Kulturchefin von NDR 1 Radio MV tätig. Am
17. Dezember wird „Rammstein“
in der Rostocker HanseMesse gastieren.