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Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser,

„wer nach den Sternen greift, der muss durch die Wolken. "Mir scheint, nein, ich weiß es, dieser Spruch ist Lebensmaxime von Dr. Mathias von Hülsen. Ein hehres Ziel des Intendanten der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern. Doch ohne geht es nicht. Wie sonst könnten sich die Festspiele MV zur prägenden Marke unseres Bundeslandes entwickelt haben. In der von Hülsen’schen Wohnung am Schweriner Pfaffenteich plauderte ich mit ihm und seiner Ehefrau Dorothy – aber nicht nur über die Festspiele. Ein wunderbar bodenständiges Paar.


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Mecklenburger Adelswappen (1): Graf und Gräfin von Bassewitz Unter des Keilers Schutz: Von Uruguay an die Ostsee

27.03.2009

Fische, Hasen, Störche, verschnörkelte Schlüssel oder auch mal ein schief hängendes Drehtor... wer Adelswappen aus Mecklenburg betrachtet, findet manches Detail, das Rätsel aufgibt. Dahinter stecken oft abenteuerliche Erzählungen, in jedem Falle reichlich bunte Historie, die in dieser Serie erzählt werden soll. Denn Geschichte wird erst dann lebendig, wenn man etwas über die Menschen weiß, die sie mit geschrieben haben.

Das Wappentier der Grafen von Bassewitz ist der Keiler, das männliche Wildschwein. Wer in Dalwitz, einem Nachbardorf von Prebberede, über die Kopfsteinpflasterstraße zum Gutshaus fährt, wird dort gleich von zweien dieser stattlichen Tiere empfangen. Die metallenen Wächter sitzen mit gar grimmigem Blick auf ihren Pfeilern an der Einfahrt.

Drinnen im Haus lodert einladend ein Kaminfeuer. Heinrich und Lucy, Graf und Gräfin von Bassewitz sitzen davor, der zweijährige Henning Friedrich schiebt einen kleinen Blech-Trecker über das Parkett, seine drei Monate alte Schwester liegt daneben auf ihrer Decke.
17 Jahre ist es her, dass die Familie, deren Vorfahren 1945 enteignet wurden, den damals voll­kommen maroden land­wirt­schaft­­­lichen Betrieb zurückkaufte. Heinrich von Bassewitz hatte zuvor in Uruguay als Entwicklungshelfer gearbeitet und dort seine heutige Frau Lucy kennen gelernt. Die südamerikanische Industriellentochter zog mit ihm in die mecklenburgische Schweiz, wo sie sich plötzlich als Besitzerin einer Ruine ohne Telefon, ohne Heizung, dafür aber mit einem Adelstitel wiederfand. Sie lacht: „An die Gräfin musste ich mich erst mal gewöhnen. Aber meine Schwiegermutter hat mir erklärt, dass das in Deutschland einfach nur wie ein Doppelname behandelt wird.“ Ein Doppelname allerdings, auf den sie auch Wert legt. „Manche nennen mich einfach Frau von Bassewitz. Ich finde, das ist so, als ob man jemanden, der Meier-Schulze heißt, nur Schulze nennt.“

Auf dem gläsernen Tisch vorm Kamin liegt die aktuelle Ausgabe der „Hola“ eine der bekanntesten Illustrierten der spanischsprachigen Regenbogenpresse. „Frau Gräfin“, auch so wird die 40-Jährige gelegentlich genannt, winkt ab. „Das klingt zwar schön – nicht umsonst lesen die Leute so gerne all diese Klatschzeitschriften über Königinnen und Prinzessinnen – aber es ist wiederum nicht zeitgemäß.“

Wenn Heinrich Graf von Bassewitz an seine Jugend zurückdenkt, die er im Ruhrgebiet in Düsseldorf, Köln und Bonn zugebracht hat, dann muss er schmunzeln. „Mit dem Geburtsjahr 1954 war ich der kleine Bruder der 68er-Generation. Adel war uns damals vollkommen egal.“ Erst im Laufe der Jahre erwachte das Interesse an der Geschichte seiner Familie. Und die hat vom Raubritter über einen großen Politiker, der mit dem russischen Zaren so manches einträgliche Geschäft machte, bis hin zum erfolgreichen Unternehmer viel zu bieten.

Mit einer großen Lupe in der Hand geht der heutige Dalwitzer Gutsherr hinüber ins Fernsehzimmer, wo an der Wand ein Stammbaum hängt. „Bernhardus de Bassewicze“, so steht es in winziger Schrift an der untersten Wurzel, daneben die Jahreszahl 1254. Das war vermutlich der Beginn des Adelsgeschlechts. Heinrich Graf von Bassewitz ist Realist: „Die erste Generation, die Vermögen schafft, ist dabei oft nicht gerade zimperlich. Klavierspielen lernt erst die übernächste.“

Doch auch Heldentum ist überliefert. So sagt eine alte Legende, dass der Ritter Bernd von Bassewitz einst seinen mecklenburgischen Fürsten Nikloth gerettet habe, indem er ihn aus einem von Feinden umzingelten Sumpf herausführte. Sein Trick: Er nutzt die Fährte eines Keilers zur Orientierung. Seit dieser Zeit, so heißt es, trage die Familie den springenden Keiler im Wappen. Der „Basse“, das ist letztlich nichts anderes als das männliche Wildschwein. Und „Witz“ ist vom russischen „vitsch“, der Sohn, abgeleitet.

Den Grafentitel erwarb erst später Henning Friedrich von Bassewitz. Er war zunächst Ministerpräsident beim Herzog von Holstein Gottorp. Doch nachdem er dessen Hochzeit mit Anna Petrowna, der einzigen Tochter von Peter dem Großen von Russland vermittelt hatte, wurde er Berater der Zarin Katarina I, Freund und Saufkumpan des Großfürsten Menschikow und erhielt in Estland riesige Güter zum Lehen. Am Ende allerdings musste er aus Russland fliehen, so dass er seine letzten Lebensjahre in Prebberede verbrachte. Der Geschichten gäbe es noch viele zu erzählen. Doch Heinrich Graf von Bassewitz, seines Zeichens Doktor der Agrarökonomie, zitiert seinen Vater: „Der hat immer gesagt: Für den Grafen kann ich nichts, aber den Doktor, den hab ich mir erarbeitet.“
 
Die nach Dalwitz zurück gekehrte Adelsfamilie hat darüber hinaus noch allerhand mehr geschaffen. Auf etwa 700 Hektar Land halten sie Kühe, Ochsen, Schafe, Freilandhühner und Criollos, eine kleine, kraftvolle Pferderasse, die sie aus Südamerika mitgebracht haben. Dazu gehören weitere 700 Hektar Acker, 700 Hektar Forst, Ferienwohnungen auf dem Gut und eine eigene Biogasanlage, mit der nicht nur alle Hofgebäude beheizt werden, sondern in Kürze auch das ganze Dorf. Mit artgerechter Tierhaltung und ökologischem Landbau hat Graf von Bassewitz dem Anwesen den Ruf eines Vorzeigegutes verschafft, das selbst Prinz Charles schon präsentiert wurde.

Der Keiler ist dabei vom Wappentier längst zum Logo und ein wenig auch zum Maskottchen der Familie geworden. Graf von Bassewitz grient: „Wir machen uns einen Spaß daraus.“ Nicht nur die Tasse, aus der er gerade seinen Kaffee trinkt, ist verziert mit dem Bild eines Wildschweins. Das Borstenvieh tummelt sich fast überall im Hause. Es ziert Siegelring und Manschettenknöpfe, Briefbögen, den Kaminsims, Jacken oder Leberwurstdosen aus eigener Produktion. Der kleine Henning Friedrich besitzt eine ganze Sammlung knuddeliger Stoffschweine. Gräfin Lucy von Bassewitz hat sich sogar auf die hinteren Taschen ihrer Jeans eine Basse sticken lassen. Das Tier ist stark und es bringt Glück, soviel stehe fest. Beides wird auch für die Zukunft noch gebraucht. Denn Heinrich Graf von Bassewitz hat eine Vision: „Eines Tages sollen alle Gebäude wieder in Nutzung und der Park wieder hergerichtet sein.“ Zu guter Letzt möchte er noch einen Parkplatz vor dem Dorf bauen, so dass die Straße, die über den Hof führt, zur Fußgängerzone wird. Katja Bülow

Wappen in ihrer klassischen Form gibt es seit der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Das Wort „Wappen“ hat dabei die gleiche Herkunft wie „Waffen“. Dr. Steffen Stuth, der stellvertretende Leiter des Kulturhistorischen Museums in Rostock, erinnert: „Ursprünglich waren das die Bilder, die Ritter auf ihren Schildern und Helmen hatten.“ Gerade zur Zeit der Kreuzzüge, als auch Turnierkämpfe hoch in Mode waren, dienten deren Farben und Kennzeichnungen dazu, dass das Publikum auch aus weiter Ferne erkennen konnte, wer noch im Rennen und wer bereits verletzt oder getötet war. Später dienten Wappen in erster Linie als Besitzmarkierung. Als Siegel konnten sie außerdem wie eine Unterschrift verwandt werden.