Er schreibt und bleibt ruhelos
Skizzen zum 80. Geburtstag von Konrad Reich
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| Der Verleger, Konrad Reich,wird 80 Jahre, hier mit Ehefrau Lydia. Foto:Dietmar Lilienthal |
Es ist noch zu früh, um über Konrad Reich zu schreiben. Dr. Jürgen Grambow beharrte noch an seinem 60. Geburtstag darauf, mit einem umfangreichen Porträt über den großen Verleger weiterhin zu warten. Dann ist er im Jahr darauf gestorben. Konrad Reich sprach an seinem Grab im Aprilsonnenschein des Jahres 2003, und wer dabei war, wird es nie vergessen. So ist uns versagt geblieben, was der bedeutende Essayist, Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Grambow über einen Mann geschrieben hätte, den er vermutlich gründlicher studiert hatte, als damals jeder andere Lektor im Rostocker Hinstorff Verlag.
Der Nestor aller Verleger Norddeutschlands wird am 29. Juni 2008 80 Jahre alt. Wie der einmalige Tag sich für Konrad Reich gestaltet, weiß zum Zeitpunkt dieser Niederschrift nur der Jubilar.
Laudatoren haben zu seinem 75. Geburtstag gut gearbeitet. In den vergangenen fünf Jahren war es um Konrad Reich so bestellt, wie immer seit Jahrzehnten: Er arbeitet. Schreibt, entwickelt und verwirklicht Pläne, ist Ratgeber und Förderer für andere Menschen und muss immer noch zu jedem Urlaub von seiner Frau Lydia überredet werden. Sein Terminkalender gereicht jedem Chef einer größeren Firma zur Ehre, seine Korrespondenz könnte einer Sekretärin einen Halbtagsjob sichern. Gar nicht zu reden von der gut gehenden „Schriftstellerei“ in seinem Arbeitszimmer, von dessen Fenster man auf St. Petri und „seine“ Stadt einen traumhaft schönen Blick hat.
Rostock und Reich – das ist eine Lebensliebe. Die begann Anfang der 1950er Jahre, als der junge Buchhändler sich aus seiner Geburtsstadt Magdeburg nach Rostock begibt. Mit 25 Jahren leitet Reich 1953 schon die Leopoldsche Universitätsbuchhandlung. Er wird später Leiter der Zweigstelle des Volksbuchhandels für den Bezirk Rostock, der jüngste in der DDR.
1953 ist sein Jahr. Er ist zur richtigen Zeit am richtigen Ort und trifft mit zwei Männern zusammen, die sein Leben beeinflussen werden – bis heute: Ehm Welk und Peter E. Erichson. Welk, damals 69 Jahre alt, ist schon ein berühmter Schriftsteller und wird „der große Heide von Kummerow“ genannt. Peter E. Erichson gilt 1953 mit 72 Jahren bereits als Verlegerlegende und ist in Rostock prominenter als der Oberbürgermeister; er ist seit 1907 (!) der Spiritus rector des Hinstorff Verlages. Die Patriarchen sind dem jungen und ungestümen Konrad Reich gewogen. Ihre feinen „Antennen“ müssen den Würdenträgern der Literatur des Nordens signalisiert haben, dieser Mann, den beide „mein Junge“ nennen, hat etwas, was man nicht lernen kann: eine naturgegebene Begeisterung für Literatur und Menschen, die sie herstellen und verbreiten. Dazu ist Reich ehrgeizig, willensstark und von gewinnender Ausstrahlung. Welks Haus in Bad Doberan und Erichsons Residenz-Baracke am Schröderplatz stehen dem hoffnungsvollen „jungen Freund“ gastfreundlich offen.
Den Verleger nennt Reich „meinen Ziehvater“ und ist „diesem Bündel aus Kraft, Können und Lebenslust in liebender Verehrung und Bewunderung verbunden“. Welk ist in den Erinnerungen des Jubilars sein „väterlicher Freund“, mit dessen Leben und Werk er sich bis in die Gegenwart beschäftigt.
1959 wird Reich mit 31 Jahren d e r Hinstorff - Verleger und der jüngste Verlagschef der DDR. Peter E. Erichsson gibt das ehrwürdige Verlagshaus ab; Hinstorff ist ein VEB-Betrieb.
Reich stellt neue Mitarbeiter ein und ein neues Verlagsprogramm auf. Ein Mann wird an seiner Seite mit überragenden Leistungen dazu beitragen, daß sich Hinstorff zu einem renommierter Verlag in der DDR, in der Bundesrepublik und im Ausland entwickelt: Dr. Kurt Batt (1932 – 1975). Der Cheflektor, international anerkannter Literaturwissenschaftler, Autor und Herausgeber ist in den Erinnerungen von Reich als „ein genialer Kopf“ bewahrt.
„Bei einigen Flaschen Rotwein haben Kurt Batt und ich vor über 40 Jahren das neue Verlagsprogramm `geschmiedet`. Wir waren dazu nach Weimar gefahren. Weimar schien uns damals für verwegene Ideen, Inspiration und Zurückgezogenheit ein guter Ort zu sein,“ blickt Konrad Reich zurück. Nach Rostock kehren die beiden Männer mit einer Verlagsnavigation zurück, die sich künftig als höchst geeignet erweisen wird, Hinstorff-Bücher in allen Richtungen der Windrose zu verbreiten: Gegenwartsliteratur, Literatur Nordeuropas, maritime Literatur, klassische Literatur deutscher Dichter, niederdeutsche- und regionalgeschichtliche Literatur.
Reich & Batt schufen „einen Autorenverlag,“ ein Haus, das Bücherschreiber, Fotografen und Illustratoren beständig begleitete und in dem ihr Werk bestens betreut war.
Franz Fühmann kam zu Hinstorff. Erich Arendt, Jurek Becker, Klaus Schlesinger, Rolf Schneider und Fritz Rudolf Fries und andere folgten. Hinstorff bekam bald schon attestiert ein „Nischenverlag für aufmüpfige Autoren der Gegenwartsliteratur“ zu sein. Die
Exporterfolge mit Editionen zur Gegenwartsliteratur, mit maritimen Sachbüchern in etwa 25 Nationen, mit viel gelobten Übersetzungen skandinavischer Autoren und mit großen Bild-Text-Bänden zur Regionalgeschichte machen das Verlagshaus und den Verleger nur zeitweilig unanfechtbar. Dann kam ein dicker Briefumschlag von einem gewissen Ulrich Plenzdorf aus Berlin. „Wir kannten den Mann nicht“, erzählt Reich. 96 Seiten, getippt auf einer offenbar alten Schreibmaschine machte der Verleger aus heute noch unerfindlichen Gründen aber doch am Tag des Posteingangs zu seiner Nachtlektüre: „Mir war schlagartig klar, wenn dieser Papierstapel ein Buch wird, tritt es eine Lawine los“. Reich rief das Fernamt an, und in dem Telegramm an Ulrich Plenzdorf standen nur vier Worte: Wir machen das Buch !
1973 erscheinen „Die neuen Leiden des jungen W.“ Das Buch wird ein Welterfolg. Es erscheint in 27 Ländern – bis nach Japan. Allein der berühmte Suhrkamp Verlag in Frankfurt am Main druckt 1,7 Millionen Exemplare. Bei Hinstorff gehen Vorbestellzahlen bis zu 400.000 Exemplare ein. Die DDR hat ihr bisher größtes Literaturereignis – und inszeniert daraus einen Skandal. Es lärmt und tobt an allen Fronten. Gegen das Buch und Ulrich Plenzdorf, gegen den Verlag und gegen den Verleger Konrad Reich, der die Veröffentlichung schon gegen erhebliche Widerstände durchgesetzt hatte.
Dann wird Wolf Biermann ausgebürgert. Zu den Unterzeichnern der Petition gegen den Landesverweis des Liedermachers gehört die Elite der Hinstorff - Autoren. Natürlich auch Ulrich Plenzdorf. Das bringt „die Führung“ auf den Gedanken, ob Konrad Reich „ seinen“ Verlag eigentlich noch „auf Kurs“ hält. Viermal wird er im Neuen Deutschland zur Selbstkritik aufgefordert. Reich bleibt seinen Autoren und seinen Grundsätzen treu. Er reicht 1978 bei der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel seine Abberufung ein. Rolf Michaelis schreibt dazu 1990 in der angesehenen ZEIT: Reich tat „das für die DDR Unerhörte“… „für den Leiter eines Verlages im Volkseigentum Schockierende“. Und weiter bestätigt DIE ZEIT Reich, dass er „einen der bedeutendsten Verlage Deutschland geleitet hat“. Er sei, so Autor Michaelis „der Siegfried Unseld (jahrzehntelang der Suhrkamp-Verleger; H.M.) des Ostens“.
Als „Widerstandstat“ hat Konrad Reich seine Entscheidung nie bezeichnet. Er sei seinem Gewissen gefolgt, sagt er und Punkt dahinter. Prerow ist für viele Jahre der Ort seiner „inneren Immigration“. Als freier Schriftsteller und Herausgeber hat der „Erfolgsmensch“ recht bald wieder Erfolg. Seine Ehm - Welk-Biographie (1976) erlebt eine Nachauflage nach der anderen; bis heute sind davon rund 130 000 Exemplare verkauft. Reich bringt mit Martin Pagel „Himmelsbesen über weißen Hunden“ heraus, „Seemannssprache in Wort und Bild“. Ein Bestseller. „Das große plattdeutsche Bilderbuch“ erscheint und seit 1979 bis in die Gegenwart der Kalender „Land und Meer“. Die Aufzählung muss sich hier begnügen.
1990 titelt die ehrwürdige Fachzeitschrift „Börsenblatt für den deutschen Buchhandel“ eine große Geschichte: „Die Rückkehr des Konrad Reich“. Der damalige Chefredakteur Hans-Lothar Schütz kommt persönlich nach Rostock, um seinen Lesern den gerade gegründeten Konrad Reich Verlag zu präsentieren. Nach 13 Jahren im Dorf auf dem Darß beginnen Konrad und Lydia Reich das Wagnis ihres Privatverlages als „Jungunternehmer“. Arbeitspensum und Tempo erreichen immer wieder physische Leistungsgrenzen. An der Seite des Ehepaares arbeiten im Verlag bald drei Mitarbeiter „der alten Hinstorff-Garde“, die mit ihrem Chef schon durch Feuer und Sturm marschiert sind. Konrad Reich übernimmt die Buchhandlung im Fünfgiebelhaus und macht sie zur „Universitätsbuchhandlung“. Er hat wieder eine große Mannschaft zu führen – und den Verlag immer noch.
Die Buchhandlung wird ein Treffpunkt für Kulturschaffende der Stadt. Reich erfindet die Veranstaltungsreihen „Literarische Nacht“ und „Literatur & Kunst in der Universitätsbuchhandlung im Fünfgiebelhaus“. Egon Bahr kommt, Erwin Strittmatter ist zu Gast, Erwin Geschonneck schmettert zu Kognak und Zigarre den Macky-Messer-Song. Valentin Falin, Walter Momper, Hildegard Hamm-Brücher, Fernsehmoderatorin Alida Gundlach und Rockbarde Klaus Renft stellen ebenso ihre Bücher vor, wie Showmaster und Schauspieler Ilja Richter oder der ehemalige SPIEGEL-Chefreporter und Talkshow-Moderator Hermann Schreiber…, über 100 Veranstaltungen, das Haus quillt oft über. Mit Richard von Weizsäcker, Günter Grass und Manfred Krug mussten es dann doch schon der Saal der Ostsee-Zeitung bzw. das Volkstheater sein.
Reich arbeitet, als gelte es den Karriereanfang zu schaffen. Urlaub: ein Fremdwort. Krankheit: gibt es nicht. Seine große Mannschaft bekommt langsam den Schliff, wie weiland seine Hinstorff-Truppe; aber die hatte ja dazu noch Corpsgeist.
Der Sessel eines preußischen Generals wurde von seinen Mitarbeitern in die Buchhandlung gebracht, als Konrad Reich sich überreden ließ, seinen Abschied von der Buchhandlung mit über 200 Gästen und einem Interview „ Zur Person & Sache“ zu feiern. Das war im Januar des Jahres 2000. Die Buchhandlung ist verkauft, heißt jetzt „Thalia“ und befindet sich in der Breiten Straße. Reich ist dort selten. Neulich, ja, da ist der „ literarische Entertainer des Nordens“, wie Elmar Faber seinen Verlegerkollegen nannte, noch einmal auf`s Podium gegangen, um Martin Walser in den Abend mit rund 300 Besuchern zu begleiten. Zu seinem Geburtstag legt er bei Hinstorff „ Ehm Welk. Der Heide vom Kummerow. Die Zeit. Das Leben.“ vor.
Konrad Reich sei ein Mann, „der nicht DDR-üblich war“, hat Ulrich Plenzdorf gesagt. Elmar Faber, der auch immer noch Bücher verlegt und davon nicht lassen wird, schrieb zu Reichs 75. Geburtstag auch, „…er hat Literatur aus Rostock weltläufig gemacht“. Dem baldigen Jubilar wurden schon vor fünf Jahren in seltener Einmütigkeit von Laudatoren und Journalisten ein bewundernswerter Fleiß, hohe humanistische Bildung, Stil und Haltung bescheinigt. Kein Zweifel besteht an Reichs Geschäftssinn, und einen Mangel an Selbstbewusstsein hat auch nie einer der Menschen an seiner Seite bemerkt. Konrad Reich ist Vater und Großvater, wie man ihn Kindern nur wünschen kann.
Seine engen Mitarbeiter haben erzählt, wenn im Chefzimmer Sturm war, hat das ganze Haus gezittert. Aber dann klarte es auch wieder schnell auf. Reich ist nie nachtragend, er kann verzeihen und trotz unübersehbarer Strenge und Korrektheit sehr gütig sein. Sein Ordnungssinn ist schon berühmt, und ein Abend, bei dem er Verlegerepisoden- und annekdoten erzählt, ist ein Fest für jeden dafür bereiten Zuhörer. Eine seiner stärksten Eigenschaften ist die Fähigkeit, sich für Menschen vorbehaltlos einzusetzen, wenn er tief überzeugt ist, daß seine Hilfe richtig ist. Konrad Reich kann Menschen ein Freund sein, der immer noch da ist, wenn andere schon gegangen sind.
Horst Marx