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Bis irgendwann tiefes Vertrauen entsteht…
Essen ohne Schnickschnack - Lutz Severin
Angekommen - Mathias Freiheit
Klassenmaß für Kurvenhatz und Windschnitt - Der 3er BMW
„Play Golf – Have Fun”
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Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser,

„wer nach den Sternen greift, der muss durch die Wolken. "Mir scheint, nein, ich weiß es, dieser Spruch ist Lebensmaxime von Dr. Mathias von Hülsen. Ein hehres Ziel des Intendanten der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern. Doch ohne geht es nicht. Wie sonst könnten sich die Festspiele MV zur prägenden Marke unseres Bundeslandes entwickelt haben. In der von Hülsen’schen Wohnung am Schweriner Pfaffenteich plauderte ich mit ihm und seiner Ehefrau Dorothy – aber nicht nur über die Festspiele. Ein wunderbar bodenständiges Paar.


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„Ich bin nicht blauäugig“

23.03.2010

Herr Neumann, wir schreiben das Jahr 2020. Welchen Ruf hat die Kunsthalle?
Uwe Neumann: Wir sind d a s  Zentrum für zeitgenössische Kunst in Mecklenburg-Vorpommern. Wir strahlen weit nach Berlin und in den skandinavischen Raum rein, der eng zusammen gewachsen ist mit den baltischen Ländern.


Wer macht Ihnen denn heute, 2010, den Ruf als Zentrum  für zeitgenössische Kunst in MV streitig?
Die Kunsthalle ist der einzige Bau im Land, der diese Funktion erfüllen kann. Aber in den vergangenen Jahren stand sie sich selbst im Weg. Sie war lange dieses Zentrum, mit der Ostsee-Bienale und großartigen Ausstellungen, auch nach der Wende. Aber sie ist nicht mehr als solches wahrgenommen worden. Das lag vor allem am fehlenden Marketing. Uns ist es im ersten Jahr schon ganz gut gelungen, die Menschen wieder in dieses Haus zu führen. Und wir werden weiter daran arbeiten, die Kunsthalle ins Bewusstsein der Bewohner und Besucher dieser Stadt zu rücken.

Wird die Tradition der Ostsee-Bienale wieder belebt?
Wir sind mit einer Kuratorin aus Berlin am Entwickeln einer internationalen Kunstausstellung, die sich auf die südliche Ostsee bezieht - Litauen, Polen, Schweden und Dänemark. Daraus eine regelmäßige Veranstaltung zu machen – eine Bienale findet ja alle zwei Jahre statt – ist unser Ziel. Aber eine gute Bienale kostet eine, bis eineinhalb Millionen und ob wir das Geld auftreiben können...

Wann soll diese Ausstellung zu sehen sein?

Die Ausschreibung endet im Mai. Die Bearbeitung bei der EU – dort beantragen wir Fördermittel – dauert etwa sechs Monate. Dann die konkrete Vorbereitung – sie könnte Ende 2011, Anfang 2012  eröffnet werden.

Nun aber noch einmal ein Blick ins Jahr 2020.
Wir wollen d a s Museum für DDR-Kunst sein. Wir wollen mit jungen Kunsthistorikern, die da nicht nur politisch-ideologisch herangehen, sondern mit kunsthistorischem Sachverstand, zeigen, was in der DDR wirklich Kunst war. Das wird sicher heftige Diskussionen auslösen. Aber dem wollen wir uns als einziger Museumsneubau der DDR stellen. Wir haben ja schon eine bedeutende Sammlung von DDR-Kunst, die wir besser präsentieren wollen. Und mit gezielten Zukäufen noch vergrößern.

Das kostet Geld...
Vielleicht gelingt es uns, noch lebende Künstler oder ihre Erben zu Schenkungen zu bewegen. Indem wir ihnen zeigen, dass es uns ernst ist mit diesem Projekt – und dass wir mit ihren Gaben arbeiten. Die Ausstellung über Otto und Oskar Manigk war ein Beweis dafür  – sie war durch eine Schenkung möglich geworden.

... und Platz.
Deshalb muss unbedingt ein Anbau kommen. Wir wollen das gesamte Areal um den Schwanenteich als Zentrum für zeitgenössische Kunst im weitesten Sinne entwickeln, mit Anbauten, vielleicht sogar einem Theaterneubau. Auch darüber haben wir schon erste Gespräche geführt.

Der Park um den Teich soll zugebaut werden?
Nein. Punktuell sollen kleine Pavillons entstehen, ein Skulpturengarten. So eine Art Flanier- und Erlebnispark zum Thema Kunst.

Was gibt es 2020 neben DDR-Kunst und zeitgenössischer Kunst aus dem Ostseeraum noch zu sehen?
Sonderausstellungen über klassische Moderne. Es gab ja schon
Ausstellungen über Munch und Picasso in der Kunsthalle – das würden wir gern wieder beleben. Gern mit Bezug zum Ostseeraum. Und wir würden gern das „Sommerhaus der Berliner“  werden, das zeitgenössische Kunst aus der Hauptstadt zeigt. Die diesjährige  „Kunst! Berlin“ soll den Anfang machen. Als relativ kleines Haus sollten wir gelegentlich auch noch unbekannte Künstler zeigen. Mit Leipzig und Berlin liegen zwei Zentren der zeitgenössischen Kunst nicht weit weg – wir können gut junge Künstler von dort vorstellen. Wenn sich in dieser Richtung in MV mehr entwickelt, würden wir natürlich auch das zeigen.

Ihr Betreibervertrag mit der Stadt geht erst mal bis 2012. Was wollen Sie bis dahin erreichen?
Ein erkennbares Profil. Wir wollen mehr mit der vorhandenen Sammlung arbeiten, die Konzentration auf den Ostseeraum verdeutlichen, die zeitgenössische Position zeigen. Das ist uns schon gelungen, wie das Ausstellungsprogramm für dieses Jahr zeigt. Wir wollen uns noch mehr verankern im Rostocker Bewusstsein. Wir werden das Haus auch optisch verändern. In diesem Jahr steht die energetische Sanierung inklusive Dacherneuerung an, dank 900.000 Euro aus dem Konjunkturpaket II.

Sie haben mal gesagt, Sie wollen pro Jahr 50.000 Besucher in die Kunsthalle locken.
Ja. Dieses Jahr wird es schwierig, da wir wegen der Bauarbeiten zwei Monate schließen. Aber in den Folgejahren wollen wir das schaffen. Wir haben die Besucherzahl im vergangenen, unserem ersten Jahr, von 32.000 auf 44.000 gesteigert. So eine Steigerungsrate von 25 Prozent ist großartig und nicht jedes Jahr zu schaffen. 2020 soll die Kunsthalle ja viel mehr Möglichkeiten als heute bieten – da soll ganz klar die Zahl von 100.000 Besuchern überschritten werden..

Und der Eintritt bleibt frei?
Nein. Kunst, die nichts kostet, ist auch nichts wert. Das heißt, die Dauerausstellungen im Erdgeschoss sollen kostenlos bleiben. Für die Sonderausstellungen im Obergeschoss muss man Eintritt bezahlen. Aber auf jeden Fall weniger als für eine Kinokarte.

Sie betreiben die Kunsthalle seit einem Jahr. Was war leichter als erwartet, was schwerer?
Leichter war es, die Rostocker wieder für dieses Haus zu begeistern. Schwerer: Die Leitung dieses Hauses zu übernehmen. Unter anderem, weil der Leitungsposten über Jahre nur kommissarisch besetzt war. Viele Organisationsstrukturen waren und sind immer noch nicht, wie sie sein müssen.

Woher kommt eigentlich Ihr Inte­resse für Kunst?
Ich war lange leitendes Mitglied im Filmklub der Universität Rostock. Wir waren sehr aktiv in Sachen Jazz- und Filmveranstaltungen.  Das ist ja auch Kunst und ich habe dort, auf Macherseite, vieles über die Organisationsstrukturen gelernt. Dann bin ich seit langem selber gern und häufig Ausstellungsbesucher. Und in meiner Zahnarztpraxis habe ich mit Freude und auch Erfolg verschiedene Künstler ausgestellt.

Das reicht, um eine Kunsthalle zu betreiben?
Ich bin engagiert und ich bin inte­ressiert, aber ich bin promovierter Zahnarzt und kein Kunsthistoriker. Den nötigen Kunstverstand bringen andere mit ein: Ich habe hier im Haus den Kurator Dr. Ulrich Ptak. Dann reise ich viel, um mir Ausstellungen und Messen anzugucken. Dort kommt man ins Gespräch und wenn mir die Arbeit eines Kurators gefällt, versuche ich, ihn für eine Zusammenarbeit mit uns zu bewegen.

Aber wie locken Sie ihn ins nicht gerade als Kunstmekka bekannte Rostock?
Hauptsächlich mit der Kunsthalle. Das ist ein wunderbarer Baukörper, der Kunst wirklich leben lässt. Wolfgang Joop hatte Tränen in den Augen, als er sah, wie toll seine Ausstellung hier repräsentiert wurde. Dieser Bau ist wirklich unser As im Ärmel.

Apropos Wolfgang Joop. Voriges Jahr er, dieses Jahr der berühmte Modefotograf Paolo Roversi – soll es dabei bleiben, dass große Namen, die nicht eindeutig der Kunstszene zuzuordnen sind, Publikum in die Kunsthalle locken?
Ja. Wir würden gern einmal im Jahr jemanden zeigen, der diese Schnittstelle zwischen Mode und Kunst bedient. Solch’ prominente Namen bringen uns Publikum, das sonst nicht ins Museum geht.

Sie hätten sich nach dem Verkauf Ihrer Praxis entspannt zurücklehnen und das Leben genießen können. Warum haben Sie sich der kränkelnden Kunsthalle angenommen?
Weil sie geschlossen werden sollte. Sonst hätte ich das nicht getan. Aber es ist schon toll, das gestalten zu können. Und es befriedigt natürlich, Erfolge zu sehen.

Was ist das wirtschaftliche Ziel des Vereins?
Man kann mit so einem Museum kein Geld verdienen. Aber wir wollen so gut haushalten, dass wir a) die Konzessionsabgaben und b) gute Veranstaltungsmanager, Pressearbeit, Plakate, Ausstellungskataloge usw. bezahlen können. Allein für Ausstellungen haben wir im vergangenen Jahr 45.000 Euro investiert, davon 20.000 Euro für Marketing. Das ist übrigens etwas, das wir uns leichter vorgestellt hatten: den Kreislauf mehr Wahrnehmung – mehr Besucher – mehr Eintrittsgelder – mehr Sponsoren anzukurbeln. Wir haben ihn mit vielen  Aktivitäten und auch eigenem Kapital angeschoben und hoffen nun, die ersten Früchte ernten zu können. Mehr Geld im Rücklauf zu bekommen, um wiederum bessere Ausstellungen machen zu können.

Und Sie und Ihre Vereinsmitglieder arbeiten ehrenamtlich?
Ja. Aber das ist auf Dauer nicht machbar. Es bedeutet viel mehr Arbeit, als wir anfangs dachten – für ein Ehrenamt einfach zu viel. Man kann von niemandem verlangen – und es wäre auch nicht fair – für diesen Aufwand nicht entschädigt zu werden.

Und was kostet das alles die Stadt?
Sie bezahlt genauso viel wie vorher – den Betrieb der Kunsthalle, die sechs Angestellten. Die 15.000 Euro, die sie bislang für Ausstellungen übrig hatte, bleiben auch – aber davon kann man keine ordentliche Schau bezahlen. Allein die Werbekampagne pro Ausstellung kostet etwa 10.000 Euro. Das war mir vorher auch nicht bewusst – wie teuer eine gute Kampagne ist. Das alles müssen wir erwirtschaften.

Lieben Sie das Risiko?
Nun, ich würde mich schon als risikofreudig einstufen. Aber ich bin nicht blauäugig. Ich habe privates Geld investiert und im allerschlechtesten Fall müsste ich für die 75.000 Euro Konzessionsabgabe an die Stadt einstehen. Aber das ist ja nicht das Ziel. Wenn wir als Verein weiter gut arbeiten, Sponsoren gewinnen und Eintrittsgelder erwirtschaften, wird das nicht passieren.

Interview: Renate Gundlach

Zur Person:
Uwe Neumann
Geboren 1961 in Rostock;
1977-1981 Ausbildung zum und Tätigkeit als Facharbeiter für Nachrichtentechnik;
1981 Abitur (Volkshochschule);
nach dem Wehrdienst
Studium der Zahnmedizin
(1984-1989),
Universität Rostock, bis 2006 niedergelassener Zahnarzt;
seit 2009 mit dem Verein
„Pro Kunsthalle”,
Betreiber des Museums
am Schwanenteich;
verheiratet, zwei Kinder.

Fotohinweis: Foto: Renate Gundlach