In der Galerie „Eigen & Art“ in Berlin Mitte trifft Rostock „delüx“ Gerd Harry Lybke, international erfolgreicher Galerist und Entdecker von Neo Rauch.
In den Räumen hängt schwarzweiße Architekturfotografie von Maix Mayer.
Gerd Harry Lybke, schön sind diese Fotos aber nicht.
Darauf kommt es auch nicht an. Wichtig ist, dass Maix Mayer – und nur Maix Mayer – diese Fotos machen kann, so streng, so schlicht und so gerade. Maix Mayer hat eine Fragestellung, die er seit Jahren konsequent weiterverfolgt - und hoffentlich nie eine Antwort findet. Seine Bilder sind Verunsicherungen und - im besten Sinne - fragwürdig. Darauf kommt es an. Hinzu kommt, dass ich Maix Mayer schon seit Anfang der 80er Jahre kenne, seine Entwicklung begleite und ihn inzwischen lesen kann: Ich erfasse ihn sofort in seinen Bildern. Die Besucher müssen dagegen Zeit mitbringen.
Wie haben Sie Maix Mayer kennengelernt?
Beim Boofen, falls Ihnen das was sagt.
Mir schon, aber unseren Lesern müssten Sie es erklären...
Also – Boofen geht so: Man wartet den Sommer ab, nimmt sich einen Schlafsack oder eine Decke und verzieht sich für ein Wochenende ins Elbsandsteingebirge, wandert, genießt die Aussicht und eine Flasche Rosenthaler Kadarka und zum Schlafen legt man sich in eine der vielen Sandstein-Nischen. Unter solch leichtlebigen Existenzen wie ich eine war, war das Boofen zu DDR-Zeiten eine recht verbreitete Art der Freizeitgestaltung in
Sachsen.
Und da lief Ihnen Maix Mayer über den Weg...
Beim Boofen geschehen wunderbare Dinge! Ich spielte Flöte und eine Mundharmonika antwortete mir. So balzten wir ein wenig hin und her, dann kam mir ein Mädchen mit langem Haar aus der Dämmerung entgegen. Ich war hin und weg. Weil auch ich damals lange Haare trug, war auch Maix Maier hin und weg. Unsere Enttäuschung darüber, dass sich hier zwei Männchen umsonst anbalzten, hält bis heute an. Ich hab ihn dann in Rostock besucht, dort studierte er damals Meeresbiologie. Er wohnte in einer Abrissbude der Strandstraße. In einer wüsten Gegend, die immer nur das Nachtjackenviertel genannt wurde. Das war eine heiße Zeit.
Zurück zu den schönen Bildern. Ist denn Dürers Hase für Sie ein schönes Bild? Oder die Mona Lisa?
Dürer und da Vinci waren wichtige Künstler, das weiß ich. Aber was die Kunstgeschichte betrifft, bin ich – wie die meisten – ein freundlicher Laie. Würde ich beginnen, als Kunstantiquar zu arbeiten, würde ich mich damit mehr beschäftigen und mir Wissen und eine Meinung aneignen. Aber ich vertrete Künstler, die mir als Menschen lieb und teuer sind. Sie vertrauen mir und ich kenne sie so gut, dass ich aus deren Sicht agieren kann. Das ist wichtig.
Wie wird man eigentlich Künstler bei Gerd Harry Lybke?
Gar nicht. Das ist eine Langzeitbeziehung und mit 17 internationalen Künstlern bin ich so ziemlich am Ende meiner Kapazitäten. Ich kann mir auch die rund 30 Bewerbungen nicht ansehen, die mir täglich ins Haus flattern. Aber ich bin natürlich in Museen und Galerien, sehe mich um – und wenn ich dann wirklich einmal wissen will, wer hinter bestimmten Arbeiten steckt, dann finde ich auch den Kontakt.
Stellen Sie auch Künstler aus, die Sie privat nicht leiden können?
Nein, so etwas hat sich ziemlich früh als Irrweg herausgestellt. Wenn ich von den Werken eines Künstlers so überzeugt bin, dass ich sie verkaufen möchte, dann muss ich auch die Künstler mögen. Ich bin Galerist, nicht Kunsthändler.
Und wenn einer Ihrer Künstler plötzlich nur noch unverständliches Zeug produzieren würde? Oder: gar nichts?
Dann setze ich mich mit Ihnen auseinander und wir stehen diese Krise gemeinsam durch. Meine Galerie kann nur so gut sein wie die Künstler. Sie wird reflektiert, wenn die Künstler reflektiert werden. Sie ist gut am Markt, wenn die Künstler gut am Markt sind. Also müssen die Künstler ihren Weg gehen und ich muss ihn mitgehen, auch durch die Krisen und durch alle Veränderungen. Nehmen Sie Carsten Nicolai, er hat mit
Holzschnitten angefangen und macht heute sagenhafte
multimediale Installationen. Oder Jörg Herold – früher war er Stukkateur, heute arbeitet er als Dokumentararchäologe und macht Objektkunst auf der BUGA Schwerin.
Kenn ich alle beide nicht. Ist das schlimm?
Nö, das ist nicht schlimm. Mir begegnen auch immer neue Namen von bildenden
Künstlern, von denen andere sagen, dass man sie kennen müsste. Manchmal stellt sich dann heraus, dass ich ihre Werke schon gesehen habe, ich mich aber an die Namen nicht
erinnere. Aber selbst mir als Galeristen begegnen ständig unbekannte Namen. Und Sie sind Journalist...
Können Sie noch ein Bild genießen?
Jedes Mal, wenn mir Künstler ihre neuen Bilder, Plastiken oder Installationen zeigen, bin ich begeistert. Ganz echt. Ich kenne die Künstler und die Vorgeschichte der Werke, ihre künstlerischen Konflikte. Deshalb finde ich die Arbeiten
auch interessant. Aber das hat eben wenig mit Ästhetik
zu tun.
Dann würde Ihnen eine kunstgeschichtliche Ausbildung für Ihre Arbeit als Galerist zeitgenössischer Kunst gar nichts nützen?
Richtig. Das ist so simpel wie beim Fußball: Ein schönes Tor weckt in dem Augenblick Begeisterung, in dem man es sieht. Wird ein Tor mit Ach und Krach reingedrückt, dann wird es gezählt, bleibt aber ohne Begeisterung. Wenn sie Fan sind und sich auskennen, dann finden Sie die Tore der eigenen Mannschaft natürlich besonders schön. Und mit jemandem, der sich nicht für Fußball interessiert, müssen sie sich nicht über die Schönheit des Fußballs unterhalten, das ist witzlos. So ist es auch in der Kunst.
Trotzdem: Als guter Verkäufer entscheiden Sie doch, welches Bild dem Sammler letztendlich gefällt.
Das klappt nicht. Wenn ein Künstler uns beiden, dem Sammler und dem Galeristen gefällt, dann finden wir auch beide sofort sein stärkstes Werk heraus - unabhängig voneinander. Das ist oft erprobt. Etwas anderes ist es, wenn wir den Künstler nicht auf Anhieb mögen. Aber dann ist auch das Kaufinteresse naturgemäß nicht so ausgeprägt.
Die Kunsthalle in Rostock verzichtet seit ein paar Jahren auf Eintrittsgeld. Wie finden Sie das?
Das finde ich gut und richtig. Wenn große Ausstellungen
zeitgenössischer Kunst gezeigt werden, kann man mal über Eintrittsgelder reden. Aber grundsätzlich sind die Sammlungen der Museen aus Steuergeldern oder Schenkungen finanziert worden, also sollten sie auch für die Bürger kostenlos zugänglich sein. In private Galerien können Sie dagegen ohne Eintritt rein. Obwohl dort Privateigentum hängt.
Was halten Sie von der Kunsthalle in Rostock?
Als Gebäude ist sie gut geeignet, Kunst auszustellen. Die Räume haben menschliche Ausmaße und werten die Objekte auf. Die Rundgänge zu öffnen war eine gute Idee. Heute würde man die Kunsthalle wahrscheinlich eher im Zentrum bauen, aber grundsätzlich liegt sie dort am Schwanenteich wunderschön. Bisschen marode ist sie geworden. Aber das sind die großen Galerien in London auch.
Wo liegen die Zukunftschancen der Kunsthalle?
Bei moderner Kunst aus den Anrainerstaaten der Ostsee - also anknüpfen an die DDR-Tradition der Ostsee-Biennalen. Denn für die ist die Kunsthalle eigentlich gebaut worden und das kann sie auch heute noch leisten. Finnland, Russland, Lettland, Litauen, Estland, Polen, Schweden - auch Norwegen und Island: Dort gibt es überall ganz dynamische, hochmoderne Künstlerszenen, die in Deutschland kaum registriert werden. Eine Riesenchance für ein dauerhaftes, sehr eigenständiges Profil!
Welches Bild hängt eigentlich über Ihrer Couch?
Ich habe zu Hause keine Kunst.
Glaub ich nicht.
Ist aber so. Ich bin Galerist, nicht Sammler. Ein Sammler will natürlich von mir die besten Stücke haben. Soll ich dem sagen: „Tut mir leid, aber dieses Bild ist so gut, das behalte ich für mich. Sie können die anderen haben.“ Das geht nicht.
Gerd Harry Lybke, danke für das Gespräch.
Frank Schlößer
BU´s
1. Galerist Gerd Harry Lybke nutzt jede Gelegenheit, seine Künstler zu präsentieren: Hier steht er vor der Foto-Serie „rg“ von Maix Mayer: Gebäude des Architekten und Ingenieurs Ulrich Müther auf der Insel Rügen. Foto: Frank Schlößer