Ihr Temperament ist ihm schon zu Anfang aufgefallen und das gefiel ihm. Bei einer Ausgrabung in der israelischen Wüste im Jahr 2007 arbeiteten Studenten aus Deutschland und Israel zusammen.
Schon das erste Gespräch, so erinnert sich Nufar Levanon lachend, drehte sich um Kinder: „Ich fand es unmöglich, dass Alexander seinen Sohn auch Alexander nennen wollte.“ Schon entwickelte sich eine angeregte Diskussion – auf englisch. Denn sie sprach damals kaum Deutsch und der gebürtige Malchiner zu der Zeit kaum Hebräisch.
„Ich hatte keine Ambition, eine Frau zu suchen“, sagt Alexander Lemke. „Denn ich war nur für vier Wochen im Land.“ Und es entwickelte sich doch schnell ein Flirt. „Wir haben uns ausgegraben“, lachen beide. Er habe gesagt, er wolle sie anrufen, als er nach Deutschland zurückkehrte, aber geglaubt, nein, geglaubt hat sie ihm nicht. Und doch mailten und skypten die beiden ohne Ende. „Wir waren realistisch und sagten, wir sind kein Paar. Wir wollten mal gucken, wie es wird“, erinnert sich Alex, der gerade an der Universität Rostock für sein Theologieexamen büffelt.
Alle drei Monate haben sie sich dann gegenseitig besucht. Schnell wurde beiden klar, dass es mehr ist als eine Romanze. Bei ihrem ersten Deutschlandbesuch hat Nufar noch gedacht, dass es eine interessante Erfahrung sei, aber „die Wochen waren wunderschön“, sagt sie mit glänzenden Augen. Alex wagt ein Auslandssemester im israelischen Beer Sheva und nimmt an einem Studienprogramm für Ausländer teil. „Das war eine tolle Erfahrung, zum einen die Zeit mit Nufar zu verbringen. Aber auch zu erleben, dass man selbst in einem anderen System gute Leistungen bringen kann. Das, wo doch die deutsche Bildung so madig gemacht wird“, sagt der 28-Jährige. Wüstenwanderungen und das Erleben einer anderen Kultur faszinierten den Mecklenburger - genauso wie Nufar zuvor in Deutschland von Wäldern, wilden Schwänen und Schilfrohr begeistert war. Für sie ist das Dorf Luplow bei Neubrandenburg, in dem Alex Eltern leben, ein „Märchenort“ –„ so stelle ich mir die Landschaft bei den Gebrüdern Grimm vor“, schwärmt die 26-Jährige, die inzwischen sehr gut Deutsch spricht. „Im Deutschkurs hier habe ich den Akkusativ verstanden“, lacht sie. Und sie reden zumeist nur noch Deutsch miteinander. „Jetzt bin ich im Hintertreffen“, räumt Alex ein, der seine Hebräischkenntnisse vertiefen will.

Nach seinem Auslandssemester folgte eine einjährige Durststrecke, in der sie sich immer nur alle drei Monate besuchten, denn die beiden erkannten, dass sie sich weiter ernsthaft um ihr Studium kümmern mussten. Nufar machte ihren Abschluss als Archäologin. „Wenn wir es nicht schaffen, dann passen wir nicht zusammen“, sagten sich die beiden. Aber ihnen gelang es, auch diese Zeit zu überbrücken. Regelmäßig verabredeten sie sich abends am Computer zum skypen. Ihre Freundinnen wunderten sich schon, wenn Nufar nicht ausgehen wollte, nur um mit ihrem Freund 2500 Kilometer weit weg zu reden. „Der tägliche Austausch war wichtig, um diese Zeit zu überstehen“, sagt Alex heute. Seit letztem Jahr sind sie dauerhaft zusammen. Es sei gut, „die Nähe zu spüren“, findet er. „Zusammen sprechen, kochen und das Leben genießen; einfach, dass er da ist, das ist toll“, schwärmt sie.
Nufar konnte ihre Ungeduld kaum zügeln und wartete sehnsüchtig auf den Heiratsantrag. Bestimmte Anzeichen gab es schon, so zum Beispiel, als er ihren Ringfinger messen wollte. Beim nächsten Wiedersehen fragte sie, wo denn der Ring sei, aber er ließ sie warten. Am 25. Mai 2010 stellte er ihr dann bei einer kleinen Wanderung auf einem Hügel bei seinem Heimatort die ersehnte Frage. „Wir lagen im Gras, ich war durstig und wollte was trinken“, lacht sie heute. Er packte dann einen Sekt aus. Er gab ihr ein Fernglas, denn am Grundstück seiner Eltern hatte Alex ein Schild gemalt. Auf hebräisch stand dort: „Willst du mich heiraten?“. Nur leider hatte er das Fragezeichen vergessen. Dies kommentierte Nufar lakonisch, dass er sich seiner Sache sehr sicher zu sein scheint. „Ich liebe an ihr, dass sie kein Blatt vor den Mund nimmt“, kommentiert es der eher ruhige Theologiestudent gelassen.
Die standesamtliche Trauung folgte am 10. Dezember in Rostock, im September werden sie in Luplow einen feierlichen Gottesdienst erleben und auch in Israel groß feiern. Von beiden Eltern fühlten sie sich immer unterstützt. Nufar hilft es auch, dass ihr Mann immer so sicher war, dass es was wird mit der Liebe. Sie selbst war anfangs viel unbefangener. Sie dachte immer, wenn es ihr nicht gefalle, geht sie eben zurück in ihre Heimat. „Wir haben uns nie etwas vorgemacht“, sagt Alex. Die Sprachbarrieren und die kulturellen Unterschiede machen es nicht leicht. „Wir müssen noch mehr reden als andere Paare.“ Und er hat ihr gesagt, sie könne jederzeit nach Hause fliegen, wenn sie es will. Die deutsche Bürokratie, um die Erlaubnis zur Heirat zu bekommen, war ein Belastungstest für die junge Liebe. „Ich hatte von Tuten und Blasen keine Ahnung“, räumt Alex ein.
Das Ziel der beiden ist klar: nächsten Sommer, wenn Alex sein Examen bestanden hat, soll es für ein Jahr nach Israel gehen. Dann aber wird der Lebensmittelpunkt Mecklenburg sein. Alex will Pastor werden – und das geht für ihn nur in der Region. „Mir ist klar, dass der Glaube bei ihm an erster Stelle steht, auch wenn ich bei ihm an erster Stelle fühle“, sagt Nufar, die ihn nach Kräften unterstützt und sich auf ein Leben auf dem Land an seiner Seite einstellt. Das dies nicht leicht wird, ist ihr klar, denn die Jüdin weiß nicht, wie die Gemeinde sie aufnehmen wird. Aber über ihre Zukunft macht sie sich nicht so viel Gedanken. Die Landeskirche hat sich entgegenkommend gezeigt, dass Alex eine Frau „anderer Konfession“ geheiratet hat.
Uneins sind sie sich nur über die Zahl der Kinder, die sie sich wünschen. Drei, sagt Nufar wie aus der Pistole geschossen, „eine Fußballmannschaft“, sagt ihr Mann. Auch über mögliche Namen diskutieren sie gerne. Käthe und Hans, lehnt sie ab; er wehrt sich gegen Jossi und Rachel. Sie lachen gerne zusammen, auch wenn Alex findet, dass Nufar einen derberen Humor habe. Sie entgegnet prompt: „Manchmal sagt er zu mir, ich soll nicht so schreien, dabei bin ich nur begeistert über etwas!“ Und eigentlich findet sie es gut, wenn sie das „Beste aus beiden Ländern“ nehmen. Alex will etwas „rüpelhafter“ werden, Nufar vielleicht etwas ordentlicher und pünktlicher.
Missverständnisse passieren auch immer wieder, aber das nehmen die beiden gelassen. Zu Beginn ihrer Liebe, erinnert sich Nufar lachend, sagte Alex am Strand von Tel Aviv „Kuss“, und sie war ganz entrüstet. Denn das Wort „Kuss“ ist ein arabisches Schimpfwort. Oder als er ihr in einem besseren Restaurant den Stuhl zurückschieben wollte, war sie ganz irritiert und setzte sich auf einen anderen. Solch eine höfliche Geste kannte sie nicht. „Wir israelischen Frauen sind schon mit dem Standardprogramm zufrieden: der Mann soll treu sein und die Frau nicht schlagen“, sagt sie augenzwinkernd.
Alex liebt an seiner Frau, dass sie warmherzig, offen und direkt ist. Nufar hingegen braucht viel länger, um zu beschreiben, was sie an ihrem Mann liebt – und auch das ist typisch für ihr unterschiedliches Temperament. Er sei stark von außen und könne auch weich sein. „Er liebt mich so, wie ich bin. Was andere an mir nervig finden, findet er süß“, freut sie sich.
„Bei uns funktioniert es so gut, weil wir doch ähnliche Hintergründe haben. Wir haben gleiche Wertvorstellungen“, findet Alex. Und Nufar ergänzt: „Es fließt. Es ist leicht. So soll eine Beziehung sein!“
Renate Heusch-Lahl
Glücklich verheiratet: Nufar aus Israel und Alexander aus Mecklenburg. Foto: Daniel Vogel