Für Luftblasen bin ich nicht01.07.2011
Rostock „delüx“ traf Bengt Pihl im neuen Scandlines-Büro, das jüngst im Bayerhaus am Berliner Kurfürstendamm eröffnete.
Herr Pihl, Hand aufs Herz, wie schnell sind Ihnen die letzten knapp 365 Tage vergangen, denn im August ist es ein Jahr her, dass Sie Geschäftsführer der Scandlines GmbH wurden?
Viel zu schnell. Wenn es viel zu tun gibt, dazu noch Spaß macht, dann verläuft die Zeit noch viel schneller.
Mögen Sie zurückblicken? Waren es stressige Monate?
Ich blicke gerne zurück. Aber Stress, nein, den hatte ich nicht. Ich bin es über viele Jahre gewohnt, in verantwortungsvollen Positionen zu arbeiten. Natürlich dauert es, die Mitarbeiter kennenzulernen. Und es ist eine Herausforderung, weil wir ja mit unserem Unternehmen in drei Ländern arbeiten, aber das ist kein Problem. Ich habe früher in einer Firma gearbeitet, da waren wir in 45 Ländern tätig, insofern bin ich es gewohnt, mit verschiedenen Kulturen und Sprachen umzugehen.
Man sagt Ihnen einen modernen, unkonventionellen Führungsstil nach.
Stimmt. Nun, in der Vergangenheit wurde Scandlines von drei staatlichen Unternehmen Dänemarks, Schwedens und Deutschlands geführt. Ein gewisses bürokratisches Denken ist daher immer noch vorhanden. Ich kann das verstehen. Diese Leute bringen natürlich auch viel Erfahrung und Kenntnis ein, besonders in technischen Bereichen. Ich unterschätze das nicht. Aber wir müssen in die Zukunft denken und nicht verharren oder abwarten. Ein weiteres Problem war in den vergangenen Jahren die Unkontinuität in der Scandlines-Geschäftsführung. So etwas ist nicht gut für die Mitarbeiter. Es bringt Unruhe, ja Misstrauen. Viele Brücken wurden zerstört, die ich wieder aufbauen möchte. Auch mit Unkonventionalität.
Viele Jahre war Scandlines mit seinem Firmensitz in Rostock präsent. Dann zog das Gros der Abteilungen nach Puttgarden auf die Insel Fehmarn. Welchen Stellenwert räumen Sie Rostock in Zukunft ein?
Nun, da gab es schon ein paar Fehlentscheidungen. Verschiedene Abteilungen habe ich jetzt wieder nach Rostock geholt, unter anderem IT, Einkauf, Buchhaltung. Das sind Zeichen für Rostock. Wir haben unser Haus und Grundstück auf der Mittelmole in Warnemünde verkauft, suchen derzeit geeignete Büroräume. Das alte Bürohaus auf der Mittelmole hat zwar einen fantastischen Ausblick, ist aber aus heutiger Sicht nicht mehr für moderne Kommunikation geeignet.
Apropos Zukunft. Was halten Sie von Visionen?
Visionen sollte man haben. Sie sind sicher nicht sofort umsetzbar. Aber man muss strategische Mittel nutzen, damit Visionen nach einigen Jahren sichtbar sind. Für Luftblasen bin ich nicht. Meine Vision ist, Scandlines als eine erfolgreiche Fährgesellschaft in den kommenden Jahren zu entwickeln. Unsere neue Strategie, die wir gerade erarbeitet haben, konzentriert sich daher vor allem auf die Säulen Mitarbeiter, Kunden und Umwelt.
Ziemliche Baustellen. Wie schaut es mit freier Zeit aus?
Man muss als Chef Vertrauen in die Mitarbeiter haben, und wenn man das hat, kann man auch delegieren. So halte ich es. Vielleicht sollte ich noch mehr Golf spielen gehen… Aber das ist auch Arbeit…
Sport?
Das ist wohl 30 Jahre und 30 Kilo her. (Lacht) Da bin ich zum Beispiel auch den Stockholm-Marathon gelaufen. Diese damalige sportliche Zeit gibt mir heute meine Grundkondition. Gern gehe ich früh am Morgen ins Fitnesscenter. Da habe ich Zeit. Ich bin ein Frühaufsteher.
Scandlines investiert 230 Millionen Euro für Schiffsneubauten und den Hafenausbau in Rostock und Gedser. Warum diese Konzentration auf diese Relation?
Eine Erklärung ist die feste Verbindung zwischen Roedby und Puttgarden, die kommen wird. Dazu mag man stehen wie man will, aber sie wird für unsere Fährverbindung Puttgarden-Roedby einschneidend. Die andere Erklärung ist die wachsende Bedeutung des östlichen Korridors für Passage- und Frachtverkehre. Wir sind überzeugt, dass solche Länder wie Polen, Tschechien, und Slowakei wachsen werden.
Die Scandlines-Fähren verkehren im Ostseeraum. Was verbindet Sie ganz persönlich mit der Ostsee?
Ich bin an der Ostsee, im südostschwedischen Simrishamn geboren. Meine erste Ostsee-Fährschiffsreise war in den 1960er Jahren übrigens nach Bornholm. Später bin ich in Helsingborg aufgewachsen. Und so ist mir die Verbindung zwischen dem schwedischen Helsingborg und dem dänischen Helsingör natürlich sehr nahe.
Empfinden Sie als gebürtiger Südschwede so etwas, ich würde meinen Seelenverwandtschaft, mit den Norddeutschen?
Man sagt ja, dass es zwischen den Südschweden und den Norddeutschen mehr Ähnlichkeiten gibt, als zwischen Dänen und Schweden. Es ist auch ein Riesenunterschied in der Mentalität zwischen den Nordschweden und den Südschweden. Von Helsingborg bis nach Stockholm sind es über 600 Kilometer, von Helsingborg bis nach Rostock gute 200 Kilometer, mehr nicht. Also viel näher. Und damit sind Ähnlichkeiten vorhanden, zum Beispiel in der Essenskultur aber auch in der Sprache. In Mecklenburg schnackt man, wir Südschweden snackar. Das sagt man nicht in Stockholm. Dort heißt es vi pratas.
Sie haben viele Jahre im Ausland gelebt und gearbeitet, unter anderem in Amerika und Argentinien, seit 2004 nun in Berlin. Fühlen Sie sich als Weltbürger?
Diese Frage ist schwer zu beantworten. Es gibt in allen Ländern viele schöne Seiten, die mitnehmenswert sind. Aber ich meine, ich fühle doch wie ein Nordeuropäer. Vielleicht bin inzwischen auch schon ein Berliner, auch weil ich Hertha Berlin-Fan bin.
Das, also der Fußball, passt ja, denn Scandlines ist seit vielen Jahre auch Hansa Rostock verbunden.
Natürlich. Außerdem haben viele Fußballer aus meiner Heimatstadt Helsingborg in Rostock gespielt. Gut finde ich, dass Hansa jetzt wieder aufgestiegen ist. Besser wäre es noch, wenn Hansa in die erste Bundesliga aufstiege, dann bekommt unser Unternehmen ganz viele Fußball-Reisende, beispielsweise mit Bussen. Fußball verbindet über Ländergrenzen. Jetzt bringen wir uns auch im Sponsoring bei Hertha in Berlin ein. Berlin braucht eine Fußballmannschaft in der ersten Liga, zumal eines unserer neuen Fährschiffe Berlin heißen wird. Das andere dann übrigens Copenhagen.
Aber nicht nur bei den Fußballfans scheint es Reise-Reserven von Schweden nach Deutschland zu geben.
Deshalb haben wir unsere Werbung gerade auch in Südschweden verstärkt, werben unter anderem im Großraum Malmö mit großen Aktionen für Reisen nach Mecklenburg-Vorpommern und nach Berlin bzw. Brandenburg. Da ist bislang noch zu wenig geschehen.
Herr Pihl, danke für das Interview.
Regina Rösler
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