Dummerstorf besitzt eines der ältesten Gutshäuser Mecklenburg-Vorpommerns. DDR Gebäudewirtschaft und postsozialistische Vernachlässigung hätten dem beeindruckenden Barockbau fast den Garaus gemacht. Jetzt erfüllt wieder Leben den einstigen Stammsitz der Adelsfamilie von Preen – und Musik, der bald auch Besucher lauschen können.
Um ein von Linden gesäumtes Rondell herum führt die Zufahrt auf das prächtige Gutshaus zu. Ganz wie zu Zeiten der adligen Erbauer, würfen nicht zwei Plattenbauten vom Typ WBS 70 ihre Schatten auf die runde Rasenfläche. Die Schatten sozialistischer Gebäudewirtschaft machten auch vor dem historischen Gemäuer nicht halt. Während Kuhstall und Scheune dem DDR-Wohnungsbau weichen mussten, wurden die einst herrschaftlichen Wohnräume ihrem neuen Zweck angepasst: Ein Landwirtschaftsbetrieb, Arbeiterwohnungen, später Post- und Sparkassenfiliale fanden ihr Domizil im Gutshaus Dummerstorf. Für großzügig geschnittene Räume, antikes Mobiliar, kunstvolle Verschnörkelungen war da keine Verwendung. Nach DDR-Ende und Besitzerwechsel fiel das Gutshaus Dummerstorf dann dem gleichen Schicksal anheim wie unzählige andere einst prachtvolle Gebäude auf DDR-Gebiet: Leerstand, Verwahrlosung, Verfall; Denkmalschutz nur auf dem Papier verordnet.
„Das Haus war eine totale Ruine, von außen eine Katastrophe. Und innen zugemüllt mit alten Kleidern, Abfall, Aktenschränken...“, erinnert
sich Stephan Imorde an seinen ersten Eindruck, als er das Gebäude vor zwei Jahren zum ersten Mal sah. „Aus der Entstehungszeit war nur noch die barocke Stuckdecke im oberen der zwei Säle erhalten.“ Doch er habe sofort gesehen, welche Möglichkeiten das Haus biete. Heute gehört er zu denen, die den repräsentativen Bau, eines der ältesten Gutshäuser im Land, wieder herrichten und mit Leben erfüllen.
Im Obergeschoss und im Kavaliershaus am Ostflügel rackern die Handwerker. Die Fassade ist weitgehend saniert, die Beletage und das Kavaliershaus am Westflügel sind schon bewohnt. Eine der beiden Wohnungen gehört Imorde und seiner Frau Nuria, einem Pianistenpaar. „Eigentlich hatten wir schon ein Haus gefunden, das wir herrichten wollten“, erzählt der Klavierprofessor, der vor zwei Jahren an die Rostocker Hochschule für Musik und Theater berufen wurde. Doch eine alte Freundschaft seiner Frau brachte ihn dazu, sich vor Unterzeichnen des Kaufvertrags noch ein anderes Objekt anzusehen.
„Während meines Studiums in Köln habe ich mich mit meinen Vermietern angefreundet. Sie wurden so eine Art deutsche Zieheltern für mich“, sagt die gebürtige Mallorquinerin. Diese Zieheltern heißen von Preen und sind Nachfahren der Mecklenburger Adelsfamilie, die das Gutshaus Dummerstorf 1714 bis 1717 erbauen ließ, zu ihrem Stammsitz machte und es 1905 aus wirtschaftlicher Not verkaufen musste. Die Kölner Nachkommen hatten gehört, dass der frühere Familienbesitz einen neuen Käufer gefunden hatte, der noch Mitstreiter suchte. „Sie riefen an und meinten, das könnte was für uns sein. Wir sollten es uns wenigstens mal ansehen“, erinnert sich Stephan Imorde. Also ließ er sich auf eine Besichtigung ein.
„Ich hatte eine halbe Stunde eingeplant. Daraus wurden dreieinhalb Stunden“, sagt er. Trotz des miserablen Zustands gefiel ihm das Haus, ebenso wie das Konzept von Christian Dede, der die Ruine gekauft hatte und heute in der zweiten von künftig vier Eigentumswohnungen lebt. Die zwei Säle, der Gartensaal im Erdgeschoss und der Stucksaal darüber, sind Gemeinschaftseigentum der Bewohner. Sie sollen nach ihrer Renovierung als öffentliche Spielstätte für Konzerte, Lesungen, Filmvorführungen dienen. Dafür wurde der Verein „Kultur im Gutshaus Dummerstorf“ gegründet, mit dessen Zielen sich auch die Käufer der zwei noch fertig zu stellenden Wohnungen einverstanden erklären müssen. „Der Verein soll keinen Gewinn erzielen. Vielleicht können wir aber über Spenden, die wir statt Eintrittsgeld bekommen, das Geld für die Restaurierung erwirtschaften“, hofft Imorde.
Seine Frau war schnell überzeugt – auch wenn die Prämissen ursprünglich andere waren: „Wir wollten ein frei stehendes Haus für uns allein, damit wir beide mit unserem Klavierspiel keine Rücksicht nehmen müssen auf andere. Und ich wollte gern ganz einsam wohnen, so wie Hänsel und Gretel mitten im Wald“, sagt Nuria Irueste. Dummerstorf mit seinen 1700 Einwohnern, „das ist für mich eine Metropole. Supermarkt, Arzt, Post gleich vor der Tür – das hatte ich, außer in Köln, nie.“ Doch diese Kleinigkeiten sind schnell vergessen ob all der Vorzüge des Wohnens im Gutshaus: „Wir fühlen uns hier in jeder Hinsicht sehr wohl. Wir leben völlig autonom und dennoch in einer sehr netten Hausgemeinschaft. Wir haben genug Platz, dass jeder ein Zimmer mit seinem Klavier hat und wir gleichzeitig üben können.“ Nuria Iruestes Klavierschüler spielen auf einem Steinway am Ende einer Flucht von drei Räumen, durch die man bis in die großzügige Küche sehen kann. Durch die Fenster, die vom Boden bis zur Decke reichen, schweift der Blick in den wunderschönen alten Gutspark mit seiner Lindenallee, der ebenfalls unter Denkmalschutz steht und von der Gemeinde unterhalten wird.
Apropos Gemeinde: „Wir bekommen ein sehr gutes Echo und auch Unterstützung“, sagt Stephan Imorde. „Zu Frühlingsbeginn haben wir zu einem Subbotnik aufgerufen, um den Gutspark aufzuräumen. 20 Leute kamen, um zu helfen, inklusive Bürgermeister“, erzählt er, stolz und dankbar zugleich. „Die Leute finden es offenbar gut, dass wir den Mut haben und das Risiko auf uns nehmen, dieses alte Ding wieder aufzumöbeln.“
„Selbstverständlich sind wir froh, dass sich jemand dieser Ruine angenommen hat“, sagt Bürgermeister Axel Wiechmann und ergänzt: „Dass sie auch noch öffentlich als Kulturstätte nutzbar werden soll, ist eine absolute Bereicherung für die Gemeinde. Wir hoffen sehr, dass dieses Konzept aufgeht.“ An Musikern, die im Gutshaus Dummerstorf auftreten, dürfte es dank der Kontakte des Pianisten und Professors Imorde nicht fehlen. Vielleicht kann er sogar seinen Traum von einem regelmäßigen Kammermusikfestival im Gartensaal verwirklichen. Bleiben die neuen Bewohner ihrem Zeitplan treu, kann es im Frühsommer 2011 mit der Kultur in Garten- und Stucksaal losgehen. Die Plattenbauten von nebenan werden auch dann noch ihre Schatten auf das Rondell vorm Eingang werfen – vielleicht als mahnende Erinnerung daran, dass das dann in neuem Glanz erstrahlende Gutshaus nur knapp einem viel längeren Schatten entgangen ist.
Text und Fotos: Renate Gundlach
BU – 1: Blick aus dem Gutspark auf die Rückseite des Gutshauses. Während das links angebaute Kavaliershäuschen bereits saniert und bewohnt ist, wird am Pendant auf der rechten Seite noch emsig gearbeitet.
BU – 2: Nuria Irueste, ihr Mann Stephan Imorde und auch Pointer-Rüde Basilio fühlen sich ausgesprochen wohl in ihrem neuen Zuhause.
BU – 3: Eines der wenigen Originaldetails hat Stephan Imorde im Treppenhaus entdeckt. ”Dort waren diese barock bemalten Bretter vernagelt, die früher wohl als Decken- oder Wandpaneele die herrschaftlichen Räume zierten”, meint der Professor.