Das Hotel Louis C. Jacob liegt genau dort, wo Hamburg wohl am hanseatischsten ist - an der Elbchaussee. In dem stilvollen Haus, das heute zu den ersten Adressen der Stadt zählt, logierte im vergangenen Jahrhundert bereits der Impressionist Max Liebermann, allein um verschiedene Aus- und Ansichten von der Lindenterrasse zu malen. Heute schmückt eines jener Bilder die Lobby des Louis C. Jacob. Glanz - und wohl auch besonderer Stolz - einer inzwischen umfangreichen Kunstsammlung des Hausherrn Horst Rahe, zugleich Geschäftsführender Gesellschafter der Deutschen Seereederei.
Eigentlich wollte Rostock „delüx“ mit ihm im Angesicht des Liebermannschen Bildes plaudern. Doch Schauspielerin Hannelore Hoger kam uns zuvor, saß bereits zu einem Interview mit einer renommierten Programmzeitschrift unter eben jenem Liebermann. Aber in der Bibliothek des Louis C. Jacob ist es ebenso behaglich.
Herr Rahe, in Ihrem Hotel hat vor einigen Wochen der bekannte US-amerikanische Schauspieler Robert Redford geheiratet. Wie kommt’s?
Er heiratete eine Hamburgerin. Da das hier das schönste Haus am Platz ist, hat Robert Redford schon immer, wenn er in Hamburg war, bei uns gewohnt. Und weil es ihm ausgesprochen gefiel, hat er natürlich auch hier geheiratet. Aber in meinem Hotel haben schon ganz andere Persönlichkeiten gewohnt, auch, weil wir absolute Diskretion wahren.
Max Liebermann zum Beispiel vor -zig Jahren...
Zu seinem Aufenthalt gibt es übrigens eine lange Geschichte. Alfred Lichtwark, Hamburgs erster Kunsthallendirektor, gab bei Liebermann zwei Bilder mit Elbblick in Auftrag, und das mit dem Versprechen, beide Bilder zu kaufen. Aber wie das manchmal so ist, auch Mäzene springen ab. Das Geld reichte also damals nur für ein Bild. Es hängt heute in der Kunsthalle. Das, was hier bei uns im Hause zu sehen ist, galt zunächst viele Jahre als verschollen, auch durch die Wirren des zweiten Weltkrieges. Ein Hamburger Kunsthändler entdeckte eines Tages das zweite Elbblick-Bild und bot es mir bei Übernahme des Louis C. Jacob zum Kauf an. Allerdings wurde zunächst mit den wohl zwölf Liebermann-Sammlern im deutschsprachigen Raum Rücksprache gehalten. Elf stimmten damals gleich zu, gegen den zwölften Sammler musste ich auf einer Auktion bieten. Ganz kurz vor meinem Limit sprang er ab. Ich habe mich damals verpflichtet, das Bild öffentlich im Louis C. Jacob zu zeigen. Mein Versprechen ist also eingelöst.
Aber nicht nur die Malkunst des Max Liebermann scheinen Sie zu mögen.
Stimmt. Die Richtungen sind da schon sehr breit. Hier, in diesem Haus, hängen über 500 Arbeiten von Künstlern des 19. und 20. Jahrhunderts, die in Hamburg gelebt oder zeitweise gearbeitet haben. Sehr viele Bilder beispielsweise von Horst Janssen. Aber nicht nur im Louis C. Jacob hängt echte Kunst. Sie ist in allen meiner Häuser zu finden.
Welche Kunst bevorzugen Sie?
Nun, bei einem neuen Haus ist es stets regionale Kunst. Meistens Arbeiten von Malern oder Bildhauern, die ich persönlich kenne. So haben wir es unter anderem in unseren Hotels in Osnabrück, Rostock oder Travemünde gehalten. Die Kraniche für unsere Arkona-Hotels hat zum Beispiel Jo Jastram gegossen. Auch die „Afrikanische Reise“ vor den Silos 4 und 5 im Rostocker Stadthafen, heute Sitz von Aida-Cruises. Unser Konzept ist, das Schaffen der regionalen Künstler zu unterstützen und zu zeigen. Es ist nicht mein Anliegen, mit Kunst Geld zu verdienen oder zu spekulieren.
Schauen Sie eigentlich gern mal in den Ateliers der Künstler vorbei?
Aber ja. Bei Jo Jastram in Kneese sind meine Frau und ich häufig. Mit Inge und Jo sind wir befreundet. Oder in der Schweiz, im Engadin, meinem zweiten Wohnsitz, ist es Not Vital, der heute sehr stark in den USA arbeitet. Es treibt mich schon meine Neugierde in die Ateliers. Zudem gibt es heute sehr viel abstrakte Kunst. Die muss ich ja auch verstehen. Meine Gespräche mit den Künstlern erleichtern mir das Verständnis, öffnen neue, andere Sichten. Eine absolute Freude.
Seit zehn Jahren fördern Sie mit Ihrer Stiftung auch junge Musiker und Schauspieler an der Hochschule für Musik und Theater in Rostock. Warum tun Sie das?
Da muss ich Ihnen wieder eine Geschichte erzählen. Als ich 1993 in Rostock die Deutsche Seereederei übernommen habe, ging ich abends alleine bei einem Italiener essen. Am Nebentisch saß auch ein vereinsamter Herr. Und da ich ein bisschen kommunikativ bin, bat ich ihn, dass wir uns doch zusammensetzen und ein wenig plaudern könnten. Es war Professor Wilfrid Jochims, zu jener Zeit Gründungsrektor der HMT. Unser erstes gemeinsames Essen war der eigentliche Grundstein für meine Stiftung, denn ich bot mögliche Unterstützung unseres Unternehmens für talentierte junge Studenten an. Mit Gründung der Stiftung potenzierte sich alles. Das Stiftungsengagement macht heute viel Freude, ich bekomme sehr viel von den jungen Leuten zurück. Dafür gehe ich auch gerne mal betteln, denn gegenwärtig geben wir etwa 60 000 Euro im Jahr für unsere bislang 60 Stipendiaten aus. Sie alle musizieren heute in weltweit anerkannten Orchestern. Da muss ich auch andere Firmen ersuchen, den einen oder anderen Euro zu spenden.
Gute Gespräche, wie wichtig sind sie Ihnen eigentlich?
Geselligkeit, Gedankenaustausch sind für mich unabdingbar. Ich weiß nicht, wie viele hunderte von Menschen ich in meinem Leben kennen gelernt habe und noch kennen lernen werde. Das ist schon spannend.
Und wer war bislang der spannendste Mensch darunter?
Ich denke, es war meine Frau Wera, damals vor ewigen Jahren in Köln. Aber im Ernst, ob nun Angela Merkel, Willy Brandt, die englische Königin. Ich vermag es im eigentlichen Sinne nicht zu sagen.
Werden Sie Memoiren schreiben?
Nein. Memoiren zu schreiben, halte ich für gefährlich. Die positiven Dinge im Laufe eines Lebens werden stets viel positiver gesehen, das Negative häufig verdrängt. Angebote gab es allerdings schon viele.
Wir sprachen über Kunstneigungen. Bleibt da überhaupt noch Muße für andere Dinge?
Doch, doch. Ich golfe, fahre Rad, laufe Ski und habe bis vor einem Jahr noch intensiv Tennis gespielt. Und dann sind da noch meine elf- und zwölfjährigen Enkel, für die ich mir vor allem in der Schweiz viel Zeit nehme. Wandern, schwimmen, einfach spielen oder ins Theater gehen, gehören dazu. Ich kann sie verwöhnen, ich muss sie nicht erziehen.
Holen Sie bei den Enkeln vielleicht nach, was Sie aufgrund beruflicher Belastungen bei Ihrer Tochter versäumt haben?
Nach Aussagen meiner Frau und meiner Tochter, würde ich mir immer noch nicht genug Zeit nehmen. Aber es ist schon so, als meine Tochter klein war, begann zugleich die Aufbauphase meines Unternehmens. Da kommt die Familie natürlich häufig zu kurz. Es gibt manchmal schwer Kompromisse.
Herr Rahe, wie fühlen Sie sich eigentlich? Sie feierten gerade Ihren 70. Geburtstag.
(Lächelt) Es tut nicht weh.
Es ist zu hören, Sie würden es genießen, in Zeitnot zu leben. Was ist dran?
Das unterstellt man mir immer. Durch die unterschiedlichen Standorte meines Unternehmens mag diese Auffassung bei dem einen oder anderen existieren. Aber das ist nicht so. Natürlich ist mein Terminkalender noch immer randvoll. Für mich ist alles eine Frage der Organisation. Aber als Kaufmann geht mir immer noch Sorgfalt vor Eile. Privates, Beruf, Hobbys und Neigungen – ich habe das große Lebensglück, alles zu verbinden.
Also nichts mit dem so genannten Lebensabend?
Was ist eigentlich Lebensabend? Natürlich, alles ist endlich, auch das Leben. Ich finde es fürchterlich, wenn man in einem gewissen Alter anfängt zu sagen, es lohnt sich nicht mehr, ein Haus zu bauen oder sich einen neuen Anzug zu kaufen. Ich muss Ihnen deshalb noch diese Geschichte erzählen: Als ich nach Hamburg kam, habe ich sehr früh den Reeder Alfred C. Toepfer kennen gelernt. Toepfer war damals Anfang 80. Ich kaufte zwei Schiffe von ihm, die er dann zurückcharterte. Als es um die Charter ging, kämpfte Toepfer um jedes Prozent. Nach seiner Unterschrift fragte ich ihn nach den Gründen dafür. Seine Antwort: ‚Herr Rahe, wenn ich so nicht mehr kämpfe, dann werde ich auch nie 90.’
Und wie alt ist Alfred C. Toepfer geworden?
99 und bis zu seinem 98. Lebensjahr ging er täglich ins Büro. Ob ich das allerdings schaffe, habe ich ja nicht allein in der Hand. Jetzt fühle ich mich topfit und werde wohl noch eine Weile arbeiten. Lust habe ich jedenfalls nicht, morgens den Staubsauger zu schwingen und nachmittags auf dem Golfplatz zu stehen.
Herr Rahe, danke für das Gespräch, sagt Regina Rösler