
Er müsse vorher schnell nach den Schafen schauen. Gerd Schäfer zieht sich die Jacke über, setzt sich den alten Filzhut auf und sagt entschuldigend: „Der Ostwind.“ Angela Schäfer erklärt: „Wenn der Wind so kalt bläst, sind die Tiere im Stress. Dann könnten die Lämmer schneller kommen.“ Zehn Minuten später sitzen beide im Wohnzimmer auf einer großzügigen Couch und lassen sich ausfragen.
Im Januar 2001 stand diese dreizeilige Anzeige in der FAZ: „Einfaches Schloss, 3 ha Park mit altem Baumbestand.“ Dazu eine Telefonnummer. Sie seien auf der Suche gewesen nach einem Refugium für das Alter, sagt Angela Schäfer. Auf keinen Fall wollten beide als alterndes Partylöwenpärchen in Düsseldorf bleiben. Schnell seien sie sich auch darüber einig geworden, dass es in Mecklenburg-Vorpommern sein sollte - Angela Schäfer hatte sich schon früher in diesen weiten Horizont verliebt, Gerd Schäfer mag die alten Dörfer hier: Lieber ein ehrliches Grau als der bunte, neureiche Kitsch, mit dem die Dörfer im Westen so oft verunstaltet wurden.
Es brauchte nur einen Besuch in Landsdorf bei Tribsees, dann sagten beide: Lass uns das machen. Das Gutshaus, so stellte sich heraus, war 1862 erbaut und wurde im Jahre 1905 um einen Nordflügel ergänzt. Es war in einem miserablen Zustand, aber man konnte seine neoklassizistische Idee erkennen. Gerade Flure, schlichte Räume, hohe Fenster. Große Wände. Die sind wichtig, denn die Schäfers haben einige Kunstwerke unterzubringen. Das neueste Blatt, eine Komposition heiterer Quadrate, haben sie gerade erst aus Berlin geholt: Mary Heilmann.
Gleich nachdem sie 1966 geheiratet hatten - sie hatten sich beide auf einer Kindstaufe kennen gelernt -, kauften sie sich in der berühmten Galerie von Alfred Schmela in Düsseldorf das erste Bild: Erwin Heerich. Ein paar Jahre später wurde der Künstler zur documenta eingeladen. Es sind diese beiden Seiten, die für beide den Reiz des Kunstsammelns ausmachen: Der ästhetische Reiz und ein Gespür für die Zukunft. Jetzt sind die Schäfers von berühmten Namen umgeben: Andreas Gursky, Mario Merz, Dieter Roth, Andreas Schulze, Thomas Schütte, Sigmar Polke, Norbert Kricke. Um nur einige zu nennen. Unauffällig, aber mehrfach gesichert stehen und hängen die Werke im Haus und im Garten.
An einer Wand der Diele auch die Serie der „Zechentürme“ von Bernd und Hilla Becher. „Wir kennen uns gut,“ sagt Gerd Schäfer. „Hilla Becher arbeitet ungebrochen weiter, seit Bernd Becher gestorben ist“. Gerd Schäfer atmet lange aus und geht an eine andere Wand: Dort hängt die Gasometer-Serie der Bechers. „Das ist in Düsseldorf-Bilk“, sagt Gerd Schäfer und zeigt auf die Uhr rechts unten. „Ich hab mich als Kind immer gefragt: Warum geht die nicht?“ Gerd Schäfer lacht: „Das ist der Blick aus meinem Kinderzimmer. Dort in Düsseldorf, gegenüber dem Gasometer, bin ich groß geworden. Die Uhr ist natürlich keine Uhr, sondern das Manometer, es misst den Gasdruck. Und weil da schon lange kein Gas mehr drin war, zeigte es halt immer die gleiche ,Zeit‘ʻ.“
1959 legte er in Düsseldorf sein Abitur ab, schrieb sich in Bonn für Jura und Kunstgeschichte ein. 1966 wird er von der juristischen Fakultät in Münster promoviert und begibt sich nach einem Zwischenspiel in der Rechtsabteilung von Mannesmann 1972 in die freie Advokatur. Er wird 1977 Mitbegründer der Kanzlei „Schäfer, Wipprecht, Schickert“ für Wirtschaftsrecht, die im August 2000 mit der Sozietät „CMS Hasche Sigle“ fusioniert: Dort arbeiten heute über 600 Anwälte und Steuerberater und über 1200 Angestellte in neun Standorten in Deutschland und vier Büros im Ausland. Gerd Schäfers Status in der Kanzlei nennt sich „of counsel“: „Es ist in den Statuten vorgeschrieben, dass man mit 65 Jahren sein Stimmrecht abgeben muss.“ Er ist pro Monat noch eine Woche in Düsseldorf, hat noch ein Büro, eine Sekretärin und ein paar ziemlich bekannte Mandanten aus der deutschen Industrie. „Aber das wird immer weniger,“ sagt Gerd Schäfer - und wenn da Bedauern sein sollte, dann ist es gut versteckt. Angela Schäfer arbeitete als Produktdesignerin, zuerst für Keramik und Porzellan, später stieg sie in die Modewelt ein und entwarf Modellhüte aus edlen Materialien, die in die ganze Welt verkauft wurden. Sie ist konsequenter als ihr Mann: Im Jahre 2003, mit dem Umzug nach Landsdorf, hat sie diese Tätigkeit aufgegeben. Inzwischen sind auch die beiden Söhne mit ihrer Familie bzw. mit der Freundin oft hier in Landsdorf.
Parallel zur Fertigstellung des Hauses ging es an den Garten. Die Schäfers kauften noch ein paar Hektar hinzu. So wurde der Park wieder komplett und von Weideland und einer Streuobstwiese ergänzt. Sie holzten den Wildwuchs ab, um die alte Sichtachse wiederherstellen zu können - natürlich mit den nötigen Ersatzpflanzungen. Sie gruben den verlandeten Teich wieder aus. Emma Sluminski konnte ihnen helfen, die alte Struktur wieder zu finden: Sie war bis 1945 Köchin der Großbauern Fritz und Marga Hahn und erinnerte sich an den ursprünglichen Zustand des Hauses und des Gartens. „Heute lebt sie im Pflegeheim - ist aber noch ganz gut beieinander“, stellt Gerd Schäfer zufrieden fest. Der Park, so versicherten ihnen Experten, sei heute durchaus mit den großen, international bekannten Anlagen vergleichbar. Über 100 verschiedene Rhododendren, Sumpfzypressen, Douglasien, Paulownien, Eichen, ein Taschentuchbaum, dazu ein großer Bestand verschiedener Linden, 20 Magnolien, ein 80 Meter langes Stauden- Border...
Am 25. und 26. Juni, zur diesjährigen Aktion „Offene Gärten“, ist auch ihr Park geöffnet für Besucher. Das Paar stellt sich auf großen Andrang ein, denn inzwischen hat das Gutshaus Landsdorf den Geheimtipp-Status hinter sich gelassen. Dazu tragen auch die jährlichen Konzerte der Festspiele MV bei, die Schäfers öffnen ihren großen Saal und natürlich gehört eine Hausherren-Führung durch den Park mit zum Programm.
Am 16. Juni gestaltet das Ensemble Zeitkunst aus Berlin einen Abend um den ungarischen Komponisten György Kurtág. Nicht ohne Stolz erzählt Gerd Schäfer, wie schnell die Karten für diese Konzerte ausverkauft sind: „Im vergangenen Jahr dauerte es einen Tag.“
Die ruhige Zeit des Jahres verbringt das Paar mit Lesen. Aber selbst das hat ein Ziel: Angela und Gerd Schäfer sind auf der Suche nach Schriftstellern, denen sie ihr Stipendium „Sinecure Landsdorf“ antragen können. Bisher sind Ralf Thenior, Heike Geißler und Judith Zander in diesen Genuss gekommen - wobei diese drei Monate natürlich mit Arbeit verbunden sind: Ein eigenes Projekt sollte vorangetrieben werden, eine Lesung in der „Anderen Buchhandlung“ gehört ebenso zum Programm wie eine Poetikvorlesung an der Uni Rostock. „Diese Verbindung ist uns wichtig,“ ergänzt Angela Schäfer. Sie hat den Kurator des Stipendiums, den Rostocker Germanistikprofessor Lutz Hagestedt, für die „Sinecure Landsdorf“ gewinnen können. Die Bekanntschaft kam über Düsseldorf zustande, und damit natürlich über Heinrich Heine: „Joseph Kruse, der Vorsitzende der Heinrich-Heine-Gesellschaft in Düsseldorf, ist ein alter Freund. Als er in Rostock eingeladen war, bin ich natürlich hingegangen. Er machte uns mit Lutz Hagestedt bekannt.“ Hagestedts Literaturseminare, die im Anschluss an die Poetikvorlesung in Landsdorf stattfinden, gehören zu den Höhepunkten des Hauses: „Da sitzen interessierte Laien, Journalisten und Leute aus dem Kulturbetrieb mit Germanisten und Studenten zusammen um unseren großen Tisch im Saal und diskutieren literarische Texte“, erzählt Angela Schäfer. „Erstaunlich, was da geschieht. Es dauert regelmäßig länger als geplant.“ Bis heute existieren über die Sinecure Landsdorf nur mündliche Absprachen. Gerd Schäfer winkt ab: „Man braucht nicht für alles Verträge und Unterschriften. Der Handschlag ist auch noch was wert.“ In diesem Jahr kommt der Schweizer Schriftsteller Rolf Lappert, der 2008 für seinen Roman „Nach Hause schwimmen“ den Schweizer Buchpreis bekam. „Auch diesmal hat uns Lutz Hagestedt auf den Autor aufmerksam gemacht“, sagt Gerd Schäfer. „Heike Geißler haben wir ihm vorgeschlagen. Sie stellte bei uns ihren dritten Roman fertig und schrieb ein Kinderbuch, dass auch bereits erschienen ist.“
Draußen fährt Wind in die Bäume. Gerd Schäfer wird unruhig, blickt unauffällig auf die Uhr. Er kennt inzwischen die herablassende Art, mit der seine Besucher aus dem Westen dem platten Landstrich begegnen. Vorurteile, die auch von Journalisten geprägt werden, die nach flüchtiger Recherche wieder abreisen. „Erst vor ein paar Monaten besuchte eine Autorin der FAZ zwei Nachbardörfer. Sie fand es tatsächlich erwähnenswert, dass diese Dörfer keine Tankstelle haben.“ Jetzt redet sich der Anwalt doch ein wenig in Rage. „Dass beide Dörfer nur 150 Einwohner haben, schrieb sie nicht: Natürlich baut da niemand, der rechnen kann, eine Tankstelle hin!“ Gerd und Angela Schäfer schwärmen lieber von der Kulturlandschaft Mecklenburg-Vorpommern. „Was bei literarischen und musikalischen Veranstaltungen geschieht, ist durchaus vergleichbar mit dem Rheinland oder dem Ruhrpott.“ In Hamburg oder in Düsseldorf Kultur zu machen, sei keine große Kunst: Dort leben so viele Menschen nah beieinander, dass man für Kultur nur das Haus verlassen müsse. „Hier muss man dagegen richtig weit fahren - zwischen Greifswald, Stralsund, Rostock, Schwerin, Neubrandenburg! Und trotzdem sind die Veranstaltungen voll! Die Selbstverständlichkeit, mit der die Leute in Mecklenburg und Vorpommern diese Strecken auf sich nehmen - für ein Konzert! Das ist auch eine Kulturtat.“
Trotzdem: Ruhestand auf dem Lande sieht anders aus. Das Engagement der Schäfers für ihr neues Zuhause ist mit Lokalpatriotismus nur unzureichend erklärt. Sie sind beide alt genug, um ohne schlechtes Gewissen die Beine hochlegen zu können. Warum also tun sie das? Gerd Schäfer denkt nach, blickt seine Frau hilfesuchend an, zuckt mit den Schultern: „Das gehörte bei uns einfach immer dazu. Es gibt keinen Grund, hier damit aufzuhören. Jetzt, wo wir endlich Zeit für uns haben.“ Dann erhebt er sich, entschuldigt sich wieder: Er müsse noch mal nach den Schafen sehen. „Sie wissen ja, der Ostwind.“
In der Nacht danach sind die Lämmer da: Kleine Rauwollige Pommersche Landschafe.
Frank Schlößer
Kunstsammler und Freunde der Kunst: Gerd und Angela Schäfer vor ihrem Refugium in Landsdorf. Foto: Frank Schlößer