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| Inniger Kuss auf die Glatze. |
Bills Kuss ist sehr intensiv, zärtlich und stürmisch zugleich. Sein Bart kitzelt, seine Schnauze ist bemerkenswert warm, sein Atem so sauber wie die Ostsee an diesem Herbsttag. Ich hatte erwartet, dass er nach Fisch riechen würde, denn Bill frisst nichts als rohen Fisch. Genau wie die anderen acht Seehunde, die hier an der Mole der Yachthafenresidenz Hohe Düne seit ein paar Monaten ein neues Zuhause gefunden haben: Moe, Luca, Malte, Filou, Nick, Henry, Marco und Sam. Sie leben in der größten Seehundanlage der Welt: 60 Meter lang, 30 Meter breit und fünf bis sechs Meter tief – je nach Wasserstand. Alles Jungs. Geht das gut? „Klar“, sagt Guido Dehnhardt. „Ein paar Raufereien gibt es immer, nichts Ernstes. Dafür gibt es auch keinen Grund: Es sind ja keine Weibchen da.“
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| Das ist Liebe! |
Prof. Dr. Guido Dehnhardt ist der Chef der Seehundstation, seit Juni hat er den Lehrstuhl für „Sensorische und Kognitive Ökologie“ der Biowissenschaftlichen Fakultät der Uni Rostock inne. Die Tiere stammen aus verschiedenen Zoos und sind sein Eigentum, mit Mitteln der Volkswagenstiftung und der Deutschen Forschungsgemeinschaft wird der ehemalige Bochumer Wissenschaftler wichtige Grundlagenforschung betreiben. Während die Tiere sich an ihre neue Umgebung gewöhnen, ist Guido Dehnhardt dabei, mit seinen neun Doktoranden und Diplomanden ein altes Fahrgastschiff zu einer wissenschaftlichen Station herzurichten. Im Oktober beginnt er mit der Arbeit. Die Versuche, die er mit den Seehunden durchführen wird, sind nicht geschlechtsspezifisch: Es geht darum, zu erforschen, wie sich Seehunde in ihrer Umwelt orientieren – wozu ihre Sinnesorgane in der Lage sind und welche Leistung das Gehirn der sanftmütigen Tiere für diese Aufgabe vollbringt. Da steht zuerst die Frage, ob die häufig wechselnden Verbände, in denen die Tiere zusammenleben, wirklich so „anonym“ sind wie bisher angenommen: „Bisher glaubt man, dass die Tiere einander nicht wieder erkennen können,“ erläutert Guido Dehnhardt. „Wir haben aber durchaus Anzeichen dafür, dass sie miteinander sehr individuell umgehen und sich z.B. erinnern, mit wem sie gestern gespielt haben. Sie erkennen nicht nur die anderen Seehunde, sondern auch uns.“ Eine These, die in komplizierten Versuchen mit Daten bewiesen werden muss.
Die Seehunde werden für diese Arbeit mit Fischen belohnt. Sie sind trainiert, zutraulich und so fleißig, dass die Wissenschaftler die anderen Seehunde in einem kleineren Areal der Anlage absperren müssen, damit nur ein oder zwei Tiere mitarbeiten. „Sonst kämen wir völlig durcheinander.“
Weitere Versuche befassen sich mit einem einzigartigen und bisher unterschätzten Sinnesorgan der Seehunde: „Wir wollen die Barthaare verstehen“, sagt Guido Dehnhardt. „Mit ihnen können die Seehunde im Wasser Bewegungsspuren von Fischen registrieren, die schon Minuten vorher ihren Weg kreuzten: Minimalste Schwingungen von Flossen werden aus der Bewegung heraus registriert, ihre Richtung festgestellt und dann wird die Verfolgung aufgenommen.“ Diese Erkenntnisse könnten die Grundlage sein für den Bau von Robotern, die sich unter Wasser selbständig orientieren, bewegen und verschiedene Arbeiten verrichten. Hinzu kommen chemische Sensoren, die ebenfalls nachgebaut werden könnten: Dimethylsulfid (DMS) ist ein Stoff, der im Meer von allgegenwärtigen Algen hervorgebracht wird, von ihm stammt der typische Meeresgeruch. „Die Seehunde sind für DMS rund eine Million Mal empfindlicher als der Mensch – das hilft ihnen enorm bei der Nahrungssuche: Wo DMS ist, gibt es Plankton, wo Plankton ist, gibt es Fische.“ Die Seehunde registrieren auch den Salzgehalt des Wassers und stellen diese Werte in Beziehung zur Dichte und Temperatur – wieder eine wichtige Komponente, die bei der Orientierung hilft. Weitere Rätsel geben die Ohren auf: Die Landsäugetiere brauchen ihre Ohrmuscheln, um Geräusche präzise im Raum orten zu können. „Die Seehunde haben auf ihrem evolutionären Weg vom Land zurück ins Meer nur Ohrlöcher übrigbehalten, bestimmen aber dennoch ganz genau, ob ein Geräusch von oben oder unten, von hinten oder vorn kommt. Wie machen sie das?“ Ganz zu schweigen von dem enormen Kreislaufsystem und der bemerkenswerten Dämmwirkung, die es den Seehunden ermöglicht, im kalten Wasser zu leben. Man sieht es Guido Dehnhardt an: Der Wissenschaftler ist selbst nach den vielen Jahren der Forschung von den Tieren fasziniert.
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| Bin ich nicht süß? |
Dabei ist das weite Thema der Orientierung unter Wasser nicht alles: Seehunde leben zwischen den Welten. Im Wasser sind sie Jäger, an Land Fluchttiere. Ihre Augen sind an beide Lebensräume angepasst, kompensieren die unterschiedlichen Brechungswinkel ebenso wie enorme Lichtdifferenzen. „Das ist eine enorme Leistung. Seehunde besitzen Pupillen, wie man sie von Katzen kennt: ein senkrechter Spalt, den man bei Tageslicht an Land kaum wahrnehmen kann“, erläutert Guido Dehnhardt. „Sie sehen bei Tag an Land sehr gut, vergleichbar mit einer Katze. Im Wasser sind sie jedoch auch bei wenig Licht hervorragend.“
Mit ihrem Geruchssinn können die Tiere unter Wasser nichts anfangen, dennoch ist er gut entwickelt. „Er hilft ihnen sicher nicht nur bei der Suche nach lukrativen Nahrungsgebieten (siehe DMS), sondern auch, ihre Partner an Land zu erkennen – ob nun Menschen oder andere Seehunde.“ Normalerweise ergreifen die Tiere bei Menschengeruch sofort die Flucht. Doch die Tiere des Robbenforschungszentrums haben sich an die schlecht schwimmenden Zweibeiner gewöhnt. So sehr, dass die Wissenschaftler sich gern Gäste einladen, die ihren Tieren hautnah kommen können. Sie reagieren zuverlässig auf die Signale einer Bootsmannspfeife, lassen sich streicheln und blicken neugierig, klug und heiter in die Augen der Menschen. Mit ihnen zu schwimmen oder zu tauchen ist ein sehr schönes und ungewöhnliches Erlebnis. „Das Angebot an Besucher der Region, uns bei der Arbeit zuzuschauen, behindert unsere Forschung nicht. Und wir Wissenschaftler haben auch ein natürliches Interesse daran, den Menschen diese Tiere nahe zu bringen: Man schützt, was man einmal kennen gelernt hat.“
Bill ist der sanftmütigste unter den Seehunden der Forschungsstation in Hohe Düne. Er hat mich mit seiner Schnauze durchs Wasser geschoben. Die unglaubliche Energie dieses Tieres am eigenen Leibe zu spüren - das ist eine Erfahrung, die lange nachklingt. Wie auch sein Kuss auf meiner Glatze. Danke, Bill.
Informationen über Seehundstation Hohe Düne gibt es unter www.msc-mv.de
Frank Schlösser