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Ehrfurcht und Neugier bewahren - Ranga Yogeswar
Die Kunst wird sich ihre Wege suchen
Dann eben Greige…
Küchenkünstler (8): Markus Görner, Schloss Teschow - Die Kartoffel macht‘s
Liebe Leserin, lieber Leser,
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Editorial

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Die Kunst wird sich ihre Wege suchen

12.12.2011
Sie ist die Urenkelin  Richard Wagners und die Ur-Urenkelin von Franz Liszt: Nike Wagner. Rostock „delüx“ hatte die Chance,  die  promovierte Publizistin, Dramaturgin und Leiterin des anerkannten  Kunstfestes „Pèlerinages“ Weimar  zu einem  Gespräch im Berliner Hotel „Savoy“ zu treffen.

Frau Wagner, wie fühlt es sich an, Nachfahrin in einer derart bekannten Familie zu sein?  Ist es Bürde oder Freude?
Die Freude überwiegt. Ich bin hineingeboren -  spät zwar -  in eine der großartigsten  Künstlerkonstellationen, die es im 19. Jahrhundert gab. Richard Wagner und Franz Liszt, zwei Freunde, die auf ihre Weise die Musikgeschichte beeinflusst haben und sich auch familiär miteinander verknüpften. Zu den Nachkommen solcher Musiker zu gehören, ist Zufall und Glück. Aber selbstverständlich auch ein Anspruch.

Öffnen sich mit Ihrem Namen manche Türen leichter?
Ein bekannter Name hilft, da ist ja auch Neugier im Spiel. Solange ich Festival-Leiterin bin, nutze ich das Herkunfts-Privileg, um die Sache der Kunst voranzutreiben, um Geld einzuwerben, um Publikum zu gewinnen.

Sie sind  Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung  und Mitglied der Literaturklasse der Sächsischen Akademie der Künste.  Ihre Vorfahren waren aber Musiker.
Meine Promotion habe ich in Literatur gemacht. Ich bin Autorin und Essayistin, insofern liegen diese Mitgliedschaften durchaus auf der Hand.

Und warum in Sachsen?
Warum nicht in Sachsen? Alte Kulturlandschaft mit tausend neuen Impulsen. Mein Interesse gilt ohnehin den neuen Bundesländern, weil es da so viel aufzuholen und zu entdecken gibt für mich. Hier spüren wir die Umbrüche, das Aufeinandertreffen der verschiedenen Sozialisationen, hier sind viele Zentren unserer Kulturgeschichte. Denken Sie nur: nächstes Jahr ist Lutherjahr – Wittenberg, übernächstes Jahr Wagner- und Völkerschlachtsjahr –Leipzig. Und ein van-de-Velde Jahr in Weimar.

Ihr Interesse an den neuen Bundesländern scheint damit auch ursächlich für die Leitung des Kunstfestes Weimar, dem Sie seit 2004 vorstehen. Oder warum stimmten Sie der Anfrage des Präsidenten der Stiftung Weimarer Klassik  zu?
Sein Angebot war unwiderstehlich und der Mythos Weimar spielte dabei eine ausschlaggebende Rolle.  Weimar passte aber auch zu meiner bisherigen beruflichen Laufbahn. Eigentlich Germanistin, bin ich in vielen Küns­ten zuhause. Also – ich legte mein Konzept mit Schwerpunkt Musik vor, es wurde akzeptiert – und dann begannen die Freuden und Leiden des Veranstalterlebens.

Ihr Ur-Urgroßvater  war zu seiner Zeit Weimar gute zehn Jahre ziemlich verbunden. Was hat Franz Liszt eigentlich in die thüringische Kleinstadt gezogen? Goethe, Schiller?
Da gab es viele Faktoren. Zunächst müssen wir ihn aber bewundern:  Da dreht sich ein weltberühmter Pianist auf dem Höhepunkt seiner Karriere  auf  dem Absatz herum und lässt sich in Weimar nieder, um dort ganz Komponist zu sein, dazu Dirigent, Theaterleiter, Musikmanager. Ein psychologisch fast rätselhafter Entschluss, denn Liszt entsagte damit dem Podiums- Glanz und entschied sich für die Provinz.

Weimar bot aber eben auch große Vorteile: er bekam ein Orchester in die Hand und konnte die Stücke aufführen, die er fördern wollte und – ganz wichtig - er konnte seine neuen Orchesterwerke ausprobieren. Das Instrumentieren war er als Pianist ja nicht gewöhnt. Seine Weimarer Zeit zwischen 1848 und 1861 wurde denn auch unendlich fruchtbar. Die „Sinfonischen Dichtungen“, die h-moll-Sonate und vieles mehr.  Und Liszt wusste mit dem „label“ Weimar umzugehen: damit war es unter Umständen einfacher, die Aufmerksamkeit der Welt auf sich zu ziehen als in einer Großstadt.  Und Liszt ist es gelungen, Publikum und Künstler aus ganz Europa hierher zu ziehen, den „Lohengrin“ uraufzuführen, Musikfestivals zu veranstalten, große Bildungsprogramme zu entwerfen.

Und trotzdem ist er gescheitert. Sie selbst haben mal geäußert, Weimar war zu klein für Liszt, er selbst zu groß für diese Stadt.
Das ist evident. Sein „Neu“-Weimar musste eine Utopie bleiben in einer so kleinen und auch kleingeistigen Stadt. Es liefen aber auch die kulturpolitischen Dinge schief. Liszt wollte das Hoftheater vorrangig für die Musik, aber die Schauspiel-Fraktion war stärker. Sie konnte an die Goethe-Tradition anschließen. Die Verteilung der Gelder war damit entschieden und Liszt nahm seinen Hut.

Das Leben scheint eigenwillig. Nach über 150 Jahren stehen nun Sie, seine Ur-Urenkelin an der Spitze eines Weimarer Kunstfestes, das Sie nach einem seiner Klavierzyklen „Pèlerinages“ titeln. Erleben Sie Ähnlichkeiten mit jener Zeit Franz Liszts?
Zumindest hängen meine Probleme als Festspiel-Leiterin auch mit der kleinen Größe Weimars zusammen. Man tritt sich gegenseitig auf die Füße. Und die Stadt ist zerrissen. Einerseits muss Weimar mit seinem kulturellen Über-Ich, seinem „Mythos“ leben – und das erzeugt ihren gewissen Konservativismus. Auf der anderen Seite  muss sie mit Kultur Geld verdienen und tendiert deshalb zu Kulturtourismus und Unterhaltungskultur.
Alles andre fällt leicht zwischen die Stühle, vor allem fürs Zeitgenössische muss man sehr werben. Dennoch gibt es hier ein gutes Publikum, man muss versuchen, es von der Qualität und Originalität der Veranstaltungen zu überzeugen.  Das braucht Zeit und Geduld – wie bei Liszt. Wie bei Liszt gibt es auch heute die Grabenkämpfe mit der Politik - Kämpfe um die Verteilung der Gelder und um die Einsicht, dass Weimar in Kunst investieren muss.
Trotzdem ist es wunderbar,  dass jeder, der seit postgoetheschen Zeiten nach Weimar kommt, sich verpflichtet fühlt, Weimar zu verehren. Liszt erging es so, mir ergeht es auch so.  Der Charme dieser Stadt mit ihrer Puppenstuben-Atmosphäre ist unglaublich. Eines Tages werde ich weiterziehen wie viele; aber ich kann gut verstehen, dass Liszt auch zurückkam nach Weimar.

Jetzt entschuldigen Sie bitte den Ausdruck Bauchladen. Aber mit  Musik, Theater, Tanz, Ausstellungen, Literatur, neue Medien und Film bieten Sie auf dem Weimarer Kunstfest nahezu alles auf, was Kunst und Kultur ausmacht.
Sicher, in gewisser Weise ist es ein Bauchladen. Aber vergessen Sie nicht: der Bauchladen ist genau sortiert. Ich binde die Veranstaltungen durch ein jährlich wechselndes  Motto dramaturgisch sinnvoll  zusammen. Das exzentrische Spezialfestival kann man in einer Großstadt machen, einer kleinen Stadt sollte man breitgefächert vorführen, was „momentan läuft“. Zudem will man verschiedene Publika ansprechen – die Jungen erreicht man eher über Tanz und Performance, die „typischen“ Weimarbesucher über Kammer- und Sinfoniekonzerte. 

Theater oder auch Orchester haben es in Deutschland  gegenwärtig schwer, wirtschaftlich  zu überleben. Fusionen sind in Mode.  Sparen wir uns bei der Kunst noch zu Tode?
Bei wirtschaftlich engen Zeiten wird es gefährlich für das föderale Kultur-System. Die Kommunen können mit dem Zwiespalt, wo sie sparen sollen -  im sozialen Bereich oder an der Kultur – wirklich schlecht leben. Natürlich wird dann beim Kulturellen gestrichen, weil angeblich nicht „lebensnotwendig“ und „freiwillige Leistung“.  Zugleich drängt alles in die Mainstream-und Massen-Kultur weil nur da Gewinn zu machen ist. Die Kunst wird sich ihre Wege suchen. Aber die Rentabilitäts-Kriterien werden immer ärger angewandt.

Nahezu jedes Bundesland in Deutschland rühmt sich eigener Festivals. Haben wir vielleicht nicht doch zu viel Kultur in Deutschland?
Zu viel gibt es nicht. Dennoch muss man sich die Landschaft genau anschauen. Scheinbar boomt die Festival- und Eventkultur. Von den permanenten Bildungseinrichtungen dagegen – wie etwa der Universitäten, Schulen, Museen - hört man nur Klagen. Sie sind eben unspektakulär. Mögen die bunten Festivals so notwendig sein wie die Hochschulen – es ist doch sehr zwiespältig, dass die Chancen, Kunst zu fördern, immer mehr zur Aufgabe der Privatwirtschaft wird: die Banken und Unternehmen  finanzieren Jugend-Akademien, künstlerische Ausbildungen laufen mehr und mehr über  privat finanzierte „workshops“.

Große Wagner-Aufführungen werden vor allem mit Bayreuth assoziiert. Allerdings trauen sich auch kleinere Theater an Wagner-Opern. In der Vergangenheit auch das Volkstheater Rostock. Wie ist Ihnen ums Gemüt, wenn Sie sich in einem -  salopp gesagt -  Provinztheater eine Wagner-Oper anschauen?
Ich bin erstaunt oder gerührt oder genervt, je nachdem. Die Geschichte hat gezeigt, dass frische Impulse gerade auch aus den Provinztheatern kommen. Derzeit rühmt man zum Beispiel das kleine Erl in Tirol für seine mutigen Wagner-Aufführungen. Wagner ist aufwendig, aber keineswegs nur Hauptstadt- und Bayreuth-Kultur. Jedes mittlere Stadttheater hat seinen Wagner im Spielplan, vor allem den „Ring“. Vielleicht ist da auch sportlicher Ehrgeiz dabei – zumindest aber die Gewissheit, dass Wagner die Kassen füllt.
 
Welche Oper Ihres Urgroßvaters schauen oder hören Sie sich am liebsten an?
Ich gehe wenig in Wagner-Aufführungen. Es sei denn, es ist eine Inszenierung, die ungewöhnlich zu sein verspricht.  Dann kann es jede sein. Mich interessiert der interpretatorische Ansatz oder der Dirigent.

Sie, die Literatin, die aus einer großen Familie kommt,  sind mit einem Musikwissenschaftler verheiratet. Wie schaut Ihr Familienleben heute aus? Wie wichtig ist ihnen das Familienleben überhaupt?
Familie ist mir wichtig, aber das „Familienleben“ im gemütlichen Sinn gibt es nur selten; ich bin zumeist auf Reisen. Bester Treffpunkt für Familiäres ist eigentlich das Kunstfest  Weimar – da sind plötzlich alle Verwandten an einem Ort...

Ihre Tochter Louise Wagner scheint die Gene ihrer Großmutter in sich zu haben. Denn auch Großmutter Gertrud war Tänzerin und Choreografin, genauso wie die Enkelin heute.
Meine Tochter ist in der Tat Choreografin geworden und macht eigenwillige, experimentelle Sachen. Aufführungen ihrer „strukturierten Improvisationen“ haben neulich in Berlin großes Interesse erregt.

Sucht Ihre Tochter Rat bei Ihnen?
Schon, aber nicht mehr als nötig.

Weihnachten werden die Wagners aber in Familie verbringen. Oder?
Aber sicher. Weihnachten ist Familientreff in der Wiener Wohnung und der Heilige Abend wird traditionell gestaltet. Mit Weihnachtsoratorium, Baum und Beschenkungszeremonie. Dann wird endlos gekocht, gefeiert und ein Mitternachtsrundgang in die umliegenden Kirchen gemacht.

Ich danke Ihnen dafür, dass Sie Zeit für unser Gespräch fanden.
Regina Rösler

Bildunterschrift:
Bild 1: Nike Wagner wuchs als drittes Kind von Wieland Wagner und seiner Frau Gertrud Reissiger auf.  Seit sieben Jahren leitet die promovierte Dramaturgin das Kunstfest Weimar. Foto: Stephen Lehmann
Bild 2: „Dialog“ auf Augenhöhe: Nike Wagner und ihr Ur-Urgroßvater Franz Liszt.  Foto: Peter Rigaud

Buchtipp:

Die Geschichte ihrer  Familie hat Nike Wagner aufgeschrieben und zugleich analysiert. Unter dem Titel „Wagner Theater“ erschien es 1999 bei Suhrkamp Taschenbuch. Wer sich mit Macht und Mythos der Wagner-Familie ausführlich beschäftigen möchte, dem sei das Buch empfohlen. Ein kluges gleichsam intellektuelles Werk mit ausgesprochener Authentizität und dem absoluten Wissen um Zusammenhänge und Hintergründe. Nike Wagner analysiert den Wagnerkult, betrachtet die Familie, ihre politischen  und historischen Verflechtungen.

Nike Wagner, „Wagner Theater“, mit zahlreichen
Abbildungen, 435 Seiten, Suhrkamp Taschenbuch,
ISBN 978-3-518-39579-0.