Olaf Bräutigam zeigt auf ein Poster, es zeigt einen Sportwagen, bullig, elegant, futuristisch. „Den hätten wir fast gebaut,“ sagt der Geschäftsführer Verkauf von Saab Rostock. Den Saab AeroX. Sein Prototyp erregte auf dem Genfer Autosalon des Jahres 2006 Aufsehen, stellte er doch eindrucksvoll die Leistung der Autobauer aus dem schwedischen Trollhättän unter Beweis. Und verwies im Design auf die lange Tradition der „Svenska Aeroplan Aktiebolaget“, die vor fast 80 Jahren mit dem Bau von Flugzeugen begonnen hatte. Ein bemerkenswertes Auto. Aber was nützte das noch. Saab schrieb Verluste, brachte nur noch schleppend neue Modelle auf den Markt, hatte sein Image als Hersteller solider, kultiger und langlebiger Autos abgegeben und der neue Besitzer, der große amerikanische Konzern General Motors, tat nichts, um die Kunden wiederzugewinnen. Der Geschäftsführer Technik Jens Hapke erregt sich heute noch: „Früher hieß es zur ersten Durchsicht einfach: Ölwechsel, Filter tauschen, fertig. Und plötzlich diese Pillepalle-Reparaturen: Hier haben wir ein Dichtungsring gewechselt, da einen Schlauch ausgetauscht... Die Kunden waren zu Saab gekommen, weil sie genau diese Probleme nicht haben wollten.“ Jeder dieser kleinen Enttäuschungen sprach sich rasend schnell herum, denn Saab-Fahrer sind kommunikative, geradlinige Leute, die sich Luft machen müssen. „Produktionskosten zu sparen ist eine gute Idee,“ sagt Jens Hapke. „Aber nicht, wenn danach die Kunden abspringen.“
Die Konzernzentrale in Detroit ist weit weg, vom Kultstatus der Marke Saab kommt dort nur wenig an, der Verkaufsboom des legendären Saab 900 Cabrio in Kalifornien im Jahre 1987 ist eine Sage aus längst vergangener Zeit. Im Januar 2009 stellt die Konzernspitze fest, dass sich GM gesundschrumpfen muss und natürlich würde auch die kleine, unbequeme, verlustreiche Marke dran glauben müssen: Saab - das erste Auto mit serienmäßigem Turbolader, serienmäßigem ABS, serienmäßigen Airbags, serienmäßigem Seitenaufprallschutz. „Das ist skandinavische Lebensart“, erläutert Olaf Bräutigam. „Das Jantegesetz ist dort die Grundlage des gleichberechtigten Umgangs miteinander: Niemand ist besser oder mehr wert als der andere. Also bekommen auch alle Kunden von Saab das Höchstmaß an Sicherheit. Ohne Aufpreis.“
Die Autobauer scheinen auch das Energieproblem gelöst zu haben: Seit ungefähr fünf Jahren verkauft Saab in seinem Heimatland fast ausschließlich Modelle mit Bioethanol-Motoren. „Aus nachwachsenden Rohstoffen produziert, sauber in der Verbrennung, billiger auf dem Markt und - mit mehr Power als herkömmliches Benzin“, sagt Olaf Bräutigam. „In vielen Ländern gibt‘s das schon lange. Aber in Deutschland werden die Tankstellen immer noch von der Erdöl-Lobby beherrscht.“ Keine Nachteile? Olaf Bräutigam zuckt mit den Schultern: „Die Autos kosten rund 1000 Euro mehr, der Verbrauch bei Bioethanol liegt höher. Aber die Vorteile bleiben.“ Er habe auch die Kunden schnell überzeugen können, vor allem, weil die Bioethanol-Motoren auch mit normalen Benzin fahren können und keine kürzere Lebensdauer haben. Nur eins habe sie bisher abgeschreckt: Der Mangel an Bioethanol-Tankstellen. In Rostock bietet die Avia-Tankstelle an der Stadtautobahn Bioethanol an, bundesweit sind es inzwischen rund 300, Tendenz stark steigend.
Genau die Situation, in der Saab durchstarten könnte. Olaf Bräutigam nickt: „Das werden wir auch.“ Denn Saab hat einen neuen Besitzer, der selbst Kultautos baut: Der Niederländer Victor Muller baut die Spyker-Sportwagen und hat GM nach einem verrückten, nervenaufreibenden Poker schließlich die schwedische Marke abgekauft. „Es war beeindruckend, welche Initiativen sich im vergangenen Jahr gründeten, um die Marke Saab zu retten“, erzählt Olaf Bräutigam. „Saab-Konvois, Internetplattformen, eine Rettet-Saab-Hymne und so viel weiteres unglaubliches Engagement.“ Er und sein Partner Jens Hapke seien - bei aller Liebe - öfter drauf und dran gewesen, hinzuschmeißen. „Aber es fand sich immer wieder Leute, die Saab nicht sterben lassen wollten. Das machte auch immer wieder Hoffnung.“
Vor ein paar Wochen schließlich die Versammlung der Saab-Händler in Frankfurt am Main: Victor Muller stellte sich vor und hinterließ einen guten Eindruck. Ebenso wie der neue Neunfünfer, der ab Juli als Limousine in den Autohäusern steht - in den Varianten für Benzin, Diesel und Bioethanol.

Trotzdem: Noch vor einem Jahr war der Markt tot. Und jetzt soll ein neues Modell alles wieder rausreißen? Olaf Bräutigam nickt: „In Trollhättän steht die modernste Fertigungsstrecke Europas, dort sitzen starke, innovationsfreudige und erfahrene Entwickler, hoch motivierte Arbeiter.“ Und: Selbst die Kunden, die irgendwann entnervt aus Saab ausgestiegen sind, schauen wieder voller Erwartung nach Schweden. Olaf Bräutigam deutet mit dem Daumen über seine Schulter an das Poster an der Wand: „Vielleicht ist auch der AeroX bald kein Prototyp mehr.“
Frank Schlösser
Bild unten: Der neue Saab 9-5: Mit ihm startet der schwedische Autobauer ab Juli in eine neue Ära.
Bild Textanfang: Jens Hapke (li.), Geschäftsführer Technik des Saab-Autohauses in Rostock, zeigt den Saab AeroX, derzeit ein Prototyp. Olaf Bräutigam, Geschäftsführer Verkauf, mag den UrSaab aus dem Jahre 1947 mit dem Querschnitt einer Tragfläche. Fotos: FS/Saab
Bild oben: Der UrSaab aus dem Jahre 1947: Unverkennbar seine Herkunft aus der Flugzeugschmiede.