Ein wenig müde kommt David Garrett die große Treppe im Hotel Westin Grand in Berlin runter, über die Schulter den Geigenkoffer mit der „Strad“ - wie er seine Stradivari mit respektloser Zuwendung nennt. Es ist gestern mal wieder länger geworden: Zugaben, Zugaben, Zugaben. Doch die Urlaubswochen bei seinem Bruder in New York sind in Reichweite. Er lässt sich ein Wasser bringen, dann strafft er sich.
David Garrett, Sie spielen den „Hummelflug“ von Rimski-Korsakow in unerreichten 66,26 Sekunden. Wie wichtig sind solche Rekorde für einen Geigenvirtuosen?.jpg)
Das ist ein Spaß. Virtuosität hat zwei Seiten. Auf der einen Seite muss man Herausforderungen ernsthaft annehmen. Um viele Stücke überhaupt bewältigen zu können, ist natürlich die technische Seite wichtig. Man muss täglich ernsthaft üben und sich künstlerisch mit dem Stück auseinandersetzen, um seine eigene Interpretation von Beethoven, Bach und Mozart zu finden. Das ist die bekannte, die akzeptierte Seite der großen Künstler. Andererseits war den großen Virtuosen auch der Humor immer wichtig. Der Spaß an der eigenen Fingerfertigkeit. Man nimmt sich dabei selbst nicht so ernst, man spielt. Das kennt man auch von Pablo de Sarasate, Henryk Wieniawski und Niccolo Paganini.
Nun sind ja von diesen Virtuosen des 19. Jahrhunderts keine Aufnahmen überliefert.
Aber Äußerungen von Bekannten und Konzertbesuchern. Und natürlich vermitteln auch die Kompositionen dieser Künstler ihr Können: Wer das spielerisch bewältigen konnte, der musste einfach verdammt gut gewesen sein.
Wie weit darf ein Virtuose gehen, wenn er einen Komponisten interpretiert?
Das A und O ist die Partitur, die Vorgabe des Komponisten. Aber einen guten Musiker oder Sänger sollte man an seiner Interpretation wiedererkennen. Er muss seinen eigenen Charakter, seinen eigenen Ton finden und den Mut haben, ihn vor dem Publikum zu vertreten. Isaac Stern, Arthur Grumieaux, Nathan Milstein - das sind Beispiele für Geiger, die ein eigenes Konzept entwickelt haben. Sie haben sich immer ans Skript gehalten, aber sie haben mehr getan als das: Sie haben ihre Richtung, ihre persönliche Note hinzugefügt. Das ist entscheidend. Die Interpretation soll die Komposition bereichern.
Der kanadische Pianist Glenn Gould spielte Bachs Goldberg-Variationen zweimal ein: Die Aufnahme von 1955 dauert 38 Minuten, die von 1981 ist gute 13 Minuten länger. Würden Sie soweit gehen?
Nein, das glaube ich nicht. Ich steigere mich da auch nicht so hinein, ich brauche den Überblick, das Ausprobieren. Aber zu Glenn Gould passt es: Wenn er sich Bach zugewandt hat, dann kniete er sich zu 120 Prozent rein und hat nichts anderes mehr gesehen. Er war auch als Persönlichkeit ein schriller Typ, ein Neurotiker, ein Freak. Das akzeptiere ich, denn er war auch ein toller Pianist. Aber ich lasse mich nicht so sehr einnehmen. Ich bin ja auch erst 30.
Wie wichtig ist Ihnen das Instrument? Ihnen würde auch eine Elektrogeige gut stehen...
Der schönste Ton, ein Ton, der auch ins Herz geht, kommt immer aus einem traditionell gebauten Instrument. Eine gut gemachte Geige ist eine menschliche Stimme. Man kann auch Luciano Pavarotti oder Christina Aguilera nicht elektronisch reproduzieren. Ich benutze keine Elektrogeigen. Trotzdem mag ich Nigel Kennedy.
Ich kann mir sie beide gut in einem Irish Pub vorstellen. Kennen Sie sich?
So bescheuert das ist: Wir sind uns noch nie über den Weg gelaufen. Nigel Kennedy hat sich auch rar gemacht in den letzten Jahren. Von allen Cross-Over-Geigern finde ich Nigel Kennedy mit Abstand am besten. Er ist unglaublich talentiert, authentisch und er hat mit dieser Spielfreude dem Cross-Over ja auch den Weg geebnet, gegen Widerstände, die es heute gar nicht mehr so gibt.
Haben Sie Vorbilder?
Nicht mehr, nein. Als Kind, als Anfänger - da sind Vorbilder wichtig zur Bildung, zur Motivation. Und natürlich übernimmt man - bewusst oder unbewusst - manches aus dem, was man von anderen hört. Aber irgendwann engen die Vorbilder einen ein. Und dann muss man sich von ihnen lösen und einen eigenen Zugang finden. Sonst wird man zu einem Kopisten. Und dann wird es schlimm.
Wer entscheidet eigentlich, was wie auf Ihren Platten landet?
Nur ich. Ich nehme Ratschläge an, das ja. Aber auf der Platte steht mein Name. Das bedeutet: Ich wähle aus, ich arrangiere, ich spiele. Ich rufe meinen Manager an und sage: „Das habe ich vorbereitet, hör dir das mal an.“ Und wenn er dann nein sagt zu einem Stück und ich finde es trotzdem toll, dann sag ich „fuck you“ und wir machen es trotzdem auf die Platte.
Gibt es im musikalischen Bereich heute etwas, woran sie scheitern? Was haben sie auf ihrer Geige bisher nicht hinbekommen?
Nein, da ist mir noch nichts begegnet. Sicher: Für manche Stücke muss ich lange üben. Aber ich hab auch den Ehrgeiz, dann meinen Schlaf zu opfern, um es hinzubekommen.
Für ihr Konzert am 11. November in Rostock hat sich auch einer ihrer Geigenlehrer angekündigt...
Saschko Gawriloff will kommen?
Ich hörte, dass er heute in Warnemünde lebt. Das wird sicher ein schönes Wiedersehen.
David Garrett, danke für das Gespräch!
Text/Foto: Frank Schlößer (1), Agentur (1)