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Bis irgendwann tiefes Vertrauen entsteht…
Essen ohne Schnickschnack - Lutz Severin
Angekommen - Mathias Freiheit
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Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser,

„wer nach den Sternen greift, der muss durch die Wolken. "Mir scheint, nein, ich weiß es, dieser Spruch ist Lebensmaxime von Dr. Mathias von Hülsen. Ein hehres Ziel des Intendanten der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern. Doch ohne geht es nicht. Wie sonst könnten sich die Festspiele MV zur prägenden Marke unseres Bundeslandes entwickelt haben. In der von Hülsen’schen Wohnung am Schweriner Pfaffenteich plauderte ich mit ihm und seiner Ehefrau Dorothy – aber nicht nur über die Festspiele. Ein wunderbar bodenständiges Paar.


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„Damit die Seele Schritt halten kann“ Wüstenwanderer Achill Moser im Interview

27.03.2009

Er hat 25 von 30 Wüsten der Erde bereits durchquert. Wüstenwanderer Achill Moser, 54 Jahre alt, führt ein Doppelleben zwischen Stadtvilla und Beduinenzelt. Wenn es ihn packt, lässt er Frau und Kinder, Handy und Navigationsgerät zurück und läuft los. 20.000 Kilometer hat der Autor und Abenteurer bereits zurückgelegt – zu Fuß. Daheim hält er es nie lange aus. So oft er kann, setzt sich der Mann ohne Führerschein in die Bahn Richtung Rostock. Hier besucht er regelmäßig Freunde oder präsentiert Dia-Shows in die Nikolaikirche. ROSTOCK DELÜX traf Achill Moser in seinem Haus in Hamburg-Lokstedt und legte mit dem Weltenbummler die Füße vorm Kamin hoch.

Achill Moser, ich bin Reinhold Messner nie begegnet, aber Sie sehen ihm schon ein bisschen ähnlich. Mögen Sie den Vergleich?
Achill Moser: (lacht schallend) Na ja. Ich schätze ihn und das, was er macht sehr. Aber ich formuliere es mal vorsichtig: Ich glaube es ist schwierig, mit ihm längere Zeit gut auszukommen. Er will immer der Beste sein. Es gibt Kollegen, ich will da jetzt keine Namen nennen, aber die kommunizieren nach einer gemeinsamen Tour nur noch über ihre Rechtsanwälte. Schrecklich!

Ihre letzte Wanderung, die nordafrikanische Längsquerung der Sahara, zog sich über 5000 Kilometer. Warum legen Sie solch eine Wahnsinnsstrecke zu Fuß zurück?
Achill Moser: Genau genommen waren es sogar 7000 Kilometer. Ich habe nämlich noch einen kleinen Abstecher gemacht. Bei dieser Reise ging es mir um den alten Karawanenweg, die Menschen, die Landschaften. Im Geist wandere ich die Route vom Atlantik bis Nil des Öfteren noch einmal ab. Immer dann, wenn mich hier etwas so sehr nervt, dass ich cholerisch aus der Haut fahren könnte. In meinem Kopf laufe ich dann einfach mit dem Kamel im Schlepptau los. Das macht mich hier, bei meiner Familie, ein bisschen menschlicher und ruhiger. (lacht)

Apropos, Sie bummeln permanent zwischen zwei Welten. Wie kommt Ihre Familie damit klar?
Achill Moser: Meine Frau hat gar keine Angst, wenn ich weg  bin. Sie war auch schon bei vielen Reisen dabei. Und soweit es möglich ist, nehme ich sie und die Jungs für die ersten paar Wochen, die auch ein geübter Wanderer wie ich zum Akklimatisieren braucht, mit. Wir versuchen, das vermeidlich Außergewöhnliche so gewöhnlich wie möglich für die eigene Familie zu machen.

Sie und Ihre Frau führen also eine ganz gewöhnliche Fernbeziehung?
Achill Moser: Wir sind zwar erst seit 1,5 Jahren verheiratet, leben aber schon seit 25 Jahren zusammen. Natürlich hat sich meine Frau mit einem Single-Dasein auf Zeit arrangieren müssen. Ich bin immer ohne Handy unterwegs. Manchmal, wenn es in der Oase ein Telefon gibt, melde ich mich von unterwegs. Aber eigentlich  nicht so gerne. Es fällt mir einfach sehr schwer, nach dem Auflegen, Sehnsüchte und Zweifel am eigenen Tun wegzuschieben.

Manchmal sind Sie Monate unterwegs. Darunter leidet doch eine Partnerschaft, oder?
Achill Moser: Das, was Rita und ich haben, ist unglaublich wertvoll und keine Selbstverständlichkeit. Meine Frau ist unglaublich stark. Sie arbeitet als Physiotherapeutin im Uniklinikum Hamburg. Vor ein paar Jahren hat sie sich – auf eigenen Wunsch - auf die Kinderkrebsstation versetzen lassen. Manchmal kommen uns die kleinen Knirpse mit ihren Eltern besuchen. Glauben Sie mir, das ist oftmals viel bedrückender als die Wüste. Es zeigt, wie schmal der Grat zwischen Freude und Leid, Glück und Trauer, Leben und Tod ist.



Dann sind Ihre Wüstenwanderungen also Verdauungsspaziergänge, ja?
Achill Moser: Ich bin in einem klitzekleinen Zimmer in Hamburg aufgewachsen und habe immer unter der Enge gelitten. Mit 17 konnte ich auch die politische Begrenztheit der 60er Jahre nicht mehr ertragen. Also habe ich die Flucht angetreten. Bin immer wieder losgelaufen. Sieben Mal flog ich von der Schule, weil ich so lange unterwegs war. Es war eine Flucht. Das Fremde und Exotische haben mich anfangs gar nicht so sehr interessiert. Ich bin in der Hoffnung gegangen, irgendetwas zu finden, was auf mich wartet, was mich glücklich macht.  Eine bessere Welt. Ich wollte auf keinen Fall in das vorgestanzte Gleis meiner Eltern.
 
Das, was uns glücklich macht, suchen wir alle. Haben Sie es denn gefunden?
Achill Moser:(lacht). Ja, das hört sich immer so locker an. In der Wüste zählt das Elementare: ein Glas Wasser, ein Fladen Brot, ein wärmendes Feuer – ein paar offene und nette Worte. Wenn man mit Menschen zusammenlebt, die so gut wie gar nichts haben, lernt man Demut, Dankbarkeit und Hilfsbereitschaft zu schätzen. Und diese Dinge nimmt man mit nach Hause. Natürlich nicht sofort, das ist ein Prozess. Die Rücksichtslosigkeit der Europäer macht mich oft wütend. Sie rasen mit Geländewagen durch die Wüste und verletzen dabei die natürliche Landschaft, fügen ihr riesige Narben zu, die noch viele Jahre später zu sehen sind.

Gehen Sie deshalb zu Fuß?
Achill Moser: Ich gehe, um aus der Hektik und Schnelllebigkeit der Zeit auszusteigen. Und nur zu Fuß erlebt man seine Umwelt hautnah. Ich habe in der Kaisud-Wüste im Norden Kenias Turkana-Krieger getroffen, die vor einer Ortschaft, ihrem Reiseziel, halt machen. Sie warten einen Moment, damit ihre Seelen sie einholen. Denn: Nur zu Fuß hält die Seele Schritt. Wenn mehr Menschen zu Fuß gehen würden, wäre vieles einfacher, gerade das politische Leben ein anderes. Übrigens muss man in der Wüste wie ein Kamel laufen und atmen wie ein Kamel, sonst bleibt man auf der Strecke. 16 Stunden im Gleichschritt das ist wie ein Mantra.

Und warum haben sie ihr Leben den Wüsten verschrieben?
Achill Moser: Mich hat von Anfang an die Schönheit und Vielfalt dieser Riesensandkiste fasziniert. Dort gibt es alle Farben, die man sich nur vorstellen kann. Und diese unglaubliche Stille. Dort ist wirklich nichts. Man hört nur das Rauschen des Blutes in den Ohren. Außerdem geht man bei Wüstenwanderungen auch immer durch innere Wüsten. Plötzlich bahnen sich ungeahnte Gedanken den Weg, zeigen, dass dort eine schwer begehbare Wüste in dir ist. Sich selber auszuhalten, sich selber ausgeliefert zu sein, ist für mich immer noch das Schwerste. Ich hab auch schon in der Wüste geheult, weil ich mich selbst kaum ertragen konnte.

Das hört sich nach Selbstgeißelung an?
Achill Moser: Natürlich tut es weh, wenn man den Blick fürs Wesentliche schärft. Schließlich sind wir alle verstrickt in Fehler und alte Muster. Und unter der unbarmherzigen Wüstensonne brechen diese Dinge auf. Sich selbst ausgeliefert zu sein, ist ein echter Naturschock für jeden zivilisierten Menschen. Ich bin in der Wüste ausgeraubt worden, hatte giftige Skorpione und Hornvipern im Rucksack, aber die größere Gefahr ist das eigene Ich. Es kann einen zusammenfalten. Die Einsamkeit, die immer wieder so viel Glück beschert, macht mir dann schwer zu schaffen.

Was rettet Sie vor Ängsten oder schwermütigen Grübeleien?
Achill Moser: Musik von Sting, Hélène Grimaud und Katie Melua. Und ein imaginäres Gegenüber mit dem man sprechen kann, weil man sich in dieser endlosen Weite klein wie eine Ameise vorkommt. Das hört sich komisch an, aber ich habe dann einen unsichtbaren, netten Papagei auf der Schulter sitzen. Er begleitet mich und hält Wache wie ein Schutzengel.  Anders hält man das nicht aus. Und nicht umsonst sind die drei Religionen Judentum, Christentum und Islam in der Wüste entstanden.

Haben Sie einen Bezug zur Religion?
Achill Moser: Ich bin christlich aufgewachsen. Ganz klassisch mit Taufe und Konfirmation. Aber mit Anfang 20 habe ich, was glaube ich völlig normal ist, die Bindung zur Religion auf der Suche nach realen und beweisbaren Dingen verloren. In den letzten Jahren bin ich aber wieder zur christlichen Religion zurückgekehrt. Was mir viel Kraft gibt bei diesen Reisen, ist der Gedanke: Ich bin allein, aber nie ganz allein.
 
Sie sind ja nicht immer allein. Letztes Jahr sind Sie mit Ihrem Sohn Aaron durch die Wüste Sinai gewandert. Hand aufs Herz, da gab es doch auch mal Reibereien?
Achill Moser: Auch mein Jüngster hat große Lust am Wandern. Wenn die Schule mitspielt, nehme ich ihn für eine Etappe mit. Ehrlich wir streiten uns nicht. Wir verstehen uns so gut, dass wir auch zusammen schweigen können, ohne dass es unangenehm oder peinlich ist. Mit meinen Jungs klappt das sehr gut. Das vertraute Schweigen ist überhaupt das Schönste, deshalb reise ich auch so gerne mit Nomaden.

Wo sind sie denn mehr bei sich, hier oder in der Wüste?
Achill Moser (seufzt, legt die Stirn in Falten und rührt in seiner Teetasse): Es gibt in der Wüste viele Situationen, wo man sich nach Hause sehnt, Familie und Freunde unbändig vermisst. Aber ich fühle mich unterwegs einfach freier. Daheim steht man mit all der Arbeit – auch wenn’s Spaß macht - immer unter einem gewissen Druck. Draußen lebt man natürlich ganz anders. Ich muss schon sagen: Das Nomadentum finde ich ziemlich klasse.

Achill Moser, herzlichen Dank für das Gespräch.         Susanne Peters

BU: Achill Moser braucht nicht viel: In der Wüsten reichem ihm Sterne und Kompass zum Navigieren, Wasser und ein wärmendes Feuer. Von seinen strapaziösen Wüsten-Touren erholt er sich am liebsten vor dem Kamin in seiner Hamburger Stadtvilla, im Kreis seiner Familie.
Foto: Susanne Peters