
Christine Gräfin von Brühl las im Grand Hotel Heiligendamm aus ihrem aktuellen Buch „Die preußische Madonna - auf den Spuren der Königin Luise“. Bereits erschienen aus ihrer Feder sind „Noblesse Oblige - Die Kunst, ein adliges Leben zu führen“ und „Out of Adel“.
Vor der Lesung fand sich Muße, um bei einem Tee mit der Autorin über Etikette, alte Werte und Traditionen des Adels zu plaudern.
Christine Gräfin von Brühl, die Slawistik, Geschichte und Philosophie studiert hat, entstammt natürlich der Welt der Blaublütigen. Einer ihrer Urahnen war Heinrich Graf von Brühl, Sächsischer Premierminister unter August dem Starken. Jenem Heinrich Graf von Brühl verdankt Dresden nämlich seine bekannte gleichnamige Terrasse. „Ich werde häufig nach diesem Bezug gefragt und
musste schon oft für Film- und Fernsehteams die Terrasse elegisch abschreiten“, lächelt die 48-Jährige, die als Diplomatentochter in Ghana geboren wurde, in London, Brüssel, Bonn und Singapore aufwuchs. Eine äußerst interessante Frau mit einer spannenden Biografie.´„Ich meinte, mit 30 schon so viel erlebt zu haben, dass es für ein ganzes Leben reicht.“ Reichte aber nicht. In eben jenem Alter, kurz nach dem Fall der Mauer, zog sie nach Dresden, wo sie nach Magisterabschluss und Doktorarbeit als Journalistin für die „Sächsische Zeitung“ schrieb. In ihrem Buch „Out of Adel“, einer „leichten“ Autobiographie, wie Gräfin von Brühl sagt, heißt es dazu u. a.: …„Hier startete ich mutterseelenallein mein eigenes, losgelöstes und unabhängiges Leben…. Ich wohnte zur Untermiete in der Dresdner Neustadt, heizte meine zwei schmalen Zimmer mit einem Kohleofen…“ Untypisch Adel. Doch dessen nicht genug.
In jener Zeit lernte sie Henrik Schrat kennen und lieben. Schrat, ein Künstler aus Thüringen, also ‚Ossi‘. Und natürlich bürgerlich. Fast hätte sie sich mit ihrer großen Liebe aus der eigenen Familie hinauskatapultiert. „Eine Adelige heiratet einen Adligen, das ist in diesen Kreisen nun mal so,“ sagt die streng katholisch erzogene Gräfin. Der Familienzwist lag auf der Hand. Auch „ihrem Schrat“, wie sie ihn nennt, beizubringen, dass sie einer adligen Familie entstamme, sei nicht ganz leicht gewesen. „Zumal ich nie geglaubt hätte, ein Künstler würde eine konventionell-konservative Ehe wollen.“ Inzwischen ist der familiäre Frieden gerettet. Christine Gräfin von Brühl und Henrik Schrat haben ihre Namen behalten. Mit den beiden Kindern lebt das bürgerliche Ehepaar in einer Berliner Etagenwohnung im Zentrum der Hauptstadt. Aber – trotz Ehe mit einem Bürgerlichen, nein, gebrochen habe sie mit dem Adel nicht. „Das wäre ein Verleugnen meiner Herkunft.“
Der Familienzusammenhalt der Blaublütigen ist wichtig. „Man pflegt seine Verwandtschaft und weiß sehr gut, wer mit wem, auch über viele Generationen hinweg, verwandt ist.“ Kaum eine soziale Gruppe halte so zusammen. Wohl deshalb kommt auch der „Gotha“, die „Bibel“ der Adligen, nicht aus der Mode. Dazu heißt es in „Noblesse Oblige“ unter anderem: …„Jeder kennt ihn, jeder hat ihn, jeder nutzt ihn, und das möglichst oft. Familien, die hier nicht erwähnt sind, gehören nicht dazu… Gerade bei Festen… wird eifrig im ‚Gotha‘ geblättert….“ Und große Familienfeste, zu denen meist auch alle kommen, werden gepflegt. Selten gehe das unter 100 Leuten ab, meistens sind es mehr. „Auch bei uns Brühls“, weiß die Gräfin.
„Adlige bekommen nicht nur Kinder, sie bekommen viele Kinder und das in rascher Folge“, stellt Christine Gräfin von Brühl fest. Auch heute noch? „Natürlich, daran hat sich nichts geändert,“ kommt spontan. Erst seitdem sie eigene Kinder habe, wisse auch sie es zu schätzen, in großer Runde am Tisch zu sitzen, „und darüber zu reden, dass Schwierigkeiten und Probleme, die man mit Kindern haben kann, einfach zum Leben gehören. Ein tolles, warmes und kostbares Gefühl.“ Der Kinderreichtum der Adelsfamilien sei Grund, dass studierte Frauen häufig auf ihren Beruf verzichten. „Wie soll das auch funktionieren, mit größtenteils vier oder mehr Kindern.“
Exzellente Umgangsformen, Fremdsprachen lernen, gepflegte Konversation, Reiten, Golfen, Ballett- und Klavierunterricht, korrekte Kleidung wie Perlenkette, Twinset, Lodenmantel, gestreifte Hemden und so weiter - nichts habe sich beim Adel bis heute geändert. „Natürlich gibt es Ausnahmen, aber eher selten“. Dabei ist der Adel nicht unbedingt altmodisch. Christine Gräfin von Brühl tritt mit „Noblesse Oblige“ den Beweis an: „Die Adligen waren wahrscheinlich eine der ersten Bevölkerungsgruppen, die sich begeistert auf tragbare Handys stürzten, denn wer in einem Schloss oder einer Burg wohnt, ist heilfroh, wenn er nicht mehr Kilometer, und das in Eile, zurücklegen muss, um rechtzeitig das Telefon zu erreichen…“
Demokratie und soziale Marktwirtschaft bestimmen die heutige deutsche Gesellschaft. Mit der Weimarer Reichsverfassung wurden am 11. August 1919 alle Vorrechte des Adels in Deutschland abgeschafft. Er hat zwar ausgedient, ist aber immer noch nicht ausgestorben. Große Familien leben länger.
Oft ist zu hören, die Aristokraten seien arrogant, überheblich, ja abgehoben. „Ich erlebe das nicht so. Natürlich ist der Adel schon ganz gern unter sich, aber er wendet sich nicht ab. Das kann er sich im wahren Leben gar nicht leisten“, weiß die Gräfin. Schuld an eben diesem Empfinden seien auch die Medien, denn die Glamour-Presse spiegle das wirkliche Leben des Adels nicht wider. Bedienen eher Klischees. So schreibt Christine von Brühl: … „Wahrer Adel zeigt sich nicht den Reportern, oder wenn und unbedingt, dann nur, um wenigstens Geld damit zu verdienen wie Gloria Fürstin von Thurn und Taxis mit ihren Keksen und der Marmelade. Nein, die Klatschpresse ist bei Adligen nicht beliebt…“
2007 war es Florian Graf Henckel von Donnersmarck mit seinem großen Film „Das Leben der Anderen“, der den Adel öffentlich in rechtschaffenes Licht rückte. Dann spielte Karl-Theodor zu Guttenberg eine Zeitlang diese Rolle. „Viele Adlige finden es schade, dass er zurück getreten ist.
Mit ihrem Buch „Noblesse Oblige“ ist Christine Gräfin von Brühl beim Adel nicht gut angekommen, was sie nicht verwundert hat. „manche Rezensenten, vor allem jene mit einem ‘von‘ im Namen, haben die Ironie und den Humor meines Buches nicht entdeckt oder gar begriffen. Die Angst des Adels, die Unsicherheit, verspottet zu werden, ist einfach da. Der Adel hat keine Distanz.“
Aber ihre Eltern hätten ihr für das Buch „wahnsinnig“ den Rücken gestärkt. Eine Tatsache, die sie mit dem Leben versöhnt habe.
Heute lebt Christine von Brühl mit Mann und zwei schulpflichtigen Kindern ganz ohne Standesdünkel. Sohn und Tochter haben großes Interesse an Fremdsprachen. „Gute Bildung, die ist wichtig. Dafür tun wir alles“. Allerdings über den immer noch bei Adligen üblichen Handkuss grübelt die Gräfin. „Ich will meinem Sohn nichts überhelfen, was für sein Leben vielleicht nicht relevant sein wird. Das ist schwierig, und möglicherweise eine Gratwanderung...“
Regina Rösler (Text & Foto)
Christine Gräfin von Brühl - eine interessante Frau mit einer spannenden Biografie.