Bis irgendwann tiefes Vertrauen entsteht…23.03.2012
In Schwerin stellten jüngst die Theologin Margot Käßmann und die Fotografin Monika Lawrenz ihr gemeinsames Buch „Stille und Weite“ vor. Rostock „delüx“ hatte die Chance für ein Interview mit Margot Käßmann.
Frau Professor Käßmann, Ihre Texte in „Stille und Weite” offenbaren Ihre unbedingte Liebe zur Natur. Was gibt Ihnen ein Spaziergang, vielleicht auch das Joggen am frühen Morgen, ganz persönlich?
Für mich war und ist der Abstand aus dem Alltagsdruck wichtig. Die Natur riechen, hören, sinnlich wahrnehmen, das klärt den Geist. Und gerade beim Joggen kommt durch den Rhythmus des Atems oft eine Leichtigkeit dazu, ein inneres Loslassen, das neue Freiheit der Gedanken ermöglicht.
Die Texte für „Stille und Weite” sind, wie Sie sagen, auf Usedom entstanden. Warum? Ist Usedom für Sie ein besonderer Ort?
Die Ostsee hat seit meiner Kindheit eine besondere Rolle gespielt, weil meine Familie aus Hinterpommern stammt und so viel davon erzählt wurde. Usedom ist sehr nahe an der Grenze, ich habe das Gefühl, den Wurzeln nahe zu sein.
Auf Usedom leben und lebten viele bekannte Maler. Oskar Manigk, unter anderem, aber auch einst Otto Niemeyer-Holstein, Karen Schacht. Wie sieht es mit Atelierbesuchen aus?
Ich freue mich daran, habe aber noch vieles, was ich sehen will, nicht gesehen. Aber, mich fasziniert was Maler oder wie bei Monika Lawrenz, eine Fotografin, auf einem Bild festhalten und weiter geben können. Ich bin eher kreativ mit dem Wort und bewundere die Kreativität des Bildes.
Viele Bibelsprüche finden sich in Ihren Buchtexten. Was hat Sie bewogen, sie einzubinden?
Ich lebe mit der Bibel. Und zu vielen Texten fallen mir spontan biblische Zusammenhänge ein. Die Bibel erzählt ja vom Leben von Menschen und wie sie in ihrem Kontext versuchen, das mit ihrem Glauben in einen Zusammenhang zu stellen. Genau das möchte ich in unserer Zeit tun.
Wie wichtig ist Ihnen die Schönheit der kleinen Dinge?
Sie lehrt uns bewusstes Wahrnehmen, denke ich. So eine Muschel beispielsweise ist ein Wunder, wenn wir genau hinschauen, sie erfühlen. Keine ist gleich. Die Freude über einen blühenden Zweig, einen alten Baum, ein Kornfeld tut schlicht der Seele gut.
Warum tragen Sie eigentlich in der Herbst- und Winterzeit Kastanien in Ihrer Manteltasche?
Es fällt mir so schwer, sie liegen zu lassen. Und in der Tasche spüre ich sie dann. Da kommt oft Heiterkeit auf, ein Gedanke, sie wird warm in der Hand. Das ist ein kleines, schönes Erlebnis mitten im Alltag.
Sie scheinen eine sehr lebhafte Frau, vielleicht sogar ein bisschen unduldsam zu sein. Wie finden Sie zu innerer Ruhe?
Das stimmt schon, ich bin ein eher ungeduldiger Typ. Genau deshalb tut mir ein Spaziergang im Wald oder am Meer so gut. Zeit haben, Abstand gewinnen, nicht Reden oder Schreiben, sondern Loslassen – das ist für mich eine Form von Meditation.
Was geht Ihnen durch den Sinn, wenn Sie Johann Sebastian Bach hören?
Er hatte die unfassbar große Gabe, Glauben erfahrbar zu machen. In der Tat ist er auf gewisse Weise der „fünfte Evangelist“.
Inwiefern ist Glaube erfahrbar?
Christlicher Glaube ist an die Bibel gebunden, dort findet er Grundorientierung. Aber es gibt neben dem Wort auch die sinnliche Erfahrung: Meditation, Bild, Musik, Pilgern, Schweigen. Mir ist wichtig, die Erfahrbarkeit hineinzunehmen in den Glauben, ihn zu hören,
zu spüren, oder wie im Abendmahl zu „schmecken und zu sehen wie freundlich Gott ist“.
Bei wem haben Sie Ihren Weg zur Religion gefunden?
Ich bin hineingewachsen in meiner Familie. Meine Großmutter hatte da sicher besondere Bedeutung, weil sie mit der Bibel lebte, Gesangbuchlieder beim Kochen sang, sich eine Lebensheiterkeit bewahrt hatte aus ihrem Glauben heraus auch in schwersten Zeiten.
Sie sagen, der liebe Gott hat viel Humor. Das kann ich nicht immer feststellen…
Oh doch! Wir rufen Gott oft nur in den schweren Zeiten. Aber manchmal, wenn ich zurück blicke, dann muss ich lachen und denke: Dass es so gekommen ist, das hat doch wirklich eine heitere Seite! Luther hat einmal gesagt, wenn Gott keinen Humor habe, wolle er gar nicht erst in den Himmel kommen – das kann ich gut nachvollziehen.
Es braucht Übung, mit Gott ins Gespräch zu kommen, sagten Sie zur Buchpremiere. Wie kann ich dieses Gespräch aus Ihrer Sicht üben?
Fangen Sie an! Jeden Tag ein Vaterunser oder ein Gebet zur Nacht. Das kann erst einmal schon reichen. Für mich ist das wie ein Gesprächsfaden, den ich mit einem Menschen aufnehme. Er wird mit der Zeit immer enger, bis irgendwann ein tiefes Vertrauen entsteht.
Was raten Sie Menschen, die - ähnlich wie Sie - große Brüche im Leben erfahren?
Brüche im Leben, die Erfahrung von Angst oder Scheitern lehren uns Tiefe, geben uns eine Balance weit weg von der Oberflächlichkeit. Wer solche Erfahrungen kennt, lebt intensiver, bewusster. Oft wissen wir das erst hinterher. In einer schweren Situation können wir erst einmal nur um die Kraft bitten, sie durchzustehen.
Wohin werden Sie Ihre nächsten Wege führen?
Ich werde in Berlin leben, oft und gern an die Ostsee fahren und mit großer Freude die neue Aufgabe als Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017 wahrnehmen.
Eine gute Zeit für Sie, Regina Rösler
Fotos: Monika Lawrenz (3)
Buchtipp:
Intensiver Dialog
Die Landschaftsbilder der Fotografin Monika Lawrenz sind es, die die bekannte Theologin Margot Käßmann begeistern. Und so gab es kein Zögern ihrerseits, als die Anfrage der im mecklenburgischen Woosten lebenden Fotografin kam, Texte zu eben ihren Aufnahmen zu schreiben.
Daraus ist ein Buch entstanden. Der Titel „Stille und Weite“. Ein Dialog zwischen Wort und Bild. 60 Farbfotos zeigen im wahrsten Sinne die Stille und Weite Mecklenburg-Vorpommerns. Sehr impressive und intuitive Bilder. Felder, Wasser, Strand, die Ostsee, Bäume. Auch Naturerscheinungen und Jahreszeiten. Und dazu die einfühlsamen, aphorischen Texte der Theologin Margot Käßmann, einer Frau, die sich trotz Brüche im Leben, einer ungeheuren öffentlichen Sympathie in Deutschland erfreut. Die 55-
Jährige beherrscht mit ihren sehr persönlichen, teils meditativen Texten die Kunst, optisch und geistig zu vermitteln.
Monika Lawrenz und Margot Käßmann verbindet eine langjährige Freundschaft. Das gemeinsame Buch „Stille und Weite“ haben beide ihren Töchtern gewidmet.
Margot Käßmann, Monika Lawrenz,
„Stille und Weite“,
Herder-Verlag Freiburg,
ISBN 978-3-451-32489-5
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