Lediglich acht Meter bergauf,
rundherum nichts als Seesand,
im Hintergrund die Ostsee –
Wilhelm Gerloff will sich halb tot
lachen, als er am Yachthafen in
Kühlungsborn plötzlich an einem
Weinberg steht. Informationstafeln
über die Rebsorten aber
beweisen, dass er sich nicht irrt.
Der Mann aus Rheinland-Pfalz
hat schon viel gesehen, aber
Weinstöcke am Strand, „das
schlägt dem Fass den Boden
aus“, macht der Winzer seinem
Erstaunen Luft.
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„Nein, nein. Das Fass brauche ich
schon mit Boden. Ich mache fast
alles selbst, pflanzen, schneiden,
düngen, ernten , keltern, später
kommt der fast fertige Wein ins
Barrique-Fass und ab geht es zum
Abfüllen nach Sachsen“. Peter
Weide lässt den Urlauber aus
einem der klassischen deutschen
Weinanbaugebiete nicht aus dem
Staunen herauskommen.
Als der Mecklenburger Gastronom
2004 mit Fertigstellung
des neuen Kühlungsborner
Yachthafens dort sein Restaurant
„Vielmeer“ eröffnete, stellte
sich die Frage, wie die auf der
Rückseite zur Promenade
abfallende Hanglage gestalten?
„Gerade zurück von einem
Urlaub am Rhein fiel mir nichts
Besseres ein, als im darauf
folgenden Frühjahr Wein anzubauen.
Es sah ja hier fast so
aus wie zu beiden Ufern des
Rheins. Halt alles nur viel
kleiner, Bonsaiformat“, blickt
der 47-Jährige zurück.
Dass ihn viele für verrückt
erklärten, störte den Gastronomen,
dem auch das Landhotel
Satow gehört, wenig. Wichtig
war ihm allein der Rat seines
Weinlieferanten Arno Speckert
aus Kallstadt bei Mannheim, der
allen Zweiflern immer wieder
erklärte:„Das wird schon was!“
Im Frühjahr 2005 wurden die
ersten 50 Rebstöcke gepflanzt –
Regent, Riesling und Muskateller.
Der Regent steht heute noch, die
beiden anderen Rebsorten haben
sich nicht bewährt.
Was kaum einer wusste – schon
vor mehreren hundert Jahren hatten
sich Mönche im benachbarten
Kloster in Bad Doberan überaus
erfolgreich im Weinanbau
versucht. Aber weil während der
Fastenzeit nur Bier alternativ als
flüssige Nahrung zu allen anderen
Lebensmitteln erlaubt war, verlegten
die sich dann doch mehr aufs
Brauen, statt aufs Keltern.
Die Lage in Kühlungsborn hat
sich inzwischen als nahezu ideal
erwiesen. Unterm Seesand gibt
ein nährstoffreicher Sumpf- und
Schlickboden den Rebstöcken die
nötige Kraft. Der Hafen im Norden,
die Weinhanglage windgeschützt
abfallend hinter der Promenade,
südlich gelegen. Da
bekommt der Wein volle Sonne.
„Mein Regent hat es schon auf 85
Öchsle gebracht“, lässt Hobbywinzer
Weide seinen Berufskollegen
aus Süddeutschland
wissen, der inzwischen schon
mal anerkennend nickt. „Das
hätte ich nicht gedacht. Im
Durchschnitt kommen wir in
Deutschland auf ein Mostgewicht
zwischen 70 und 80
Öchsle. Da haben Sie ja wirklich
eine gute Weinqualität erreicht.
Aber den würde ich jetzt auch
gernmal probieren.“
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| Weinbauer Peter Weide. |
Doch an dieser Stelle muss
Deutschlands nördlichster Weinbauer
passen. Die letzte Ernte hat
sein 225 Liter Barrique Fass zwar
voll gefüllt, aber kein einziger
Tropfen ist mehr übrig. Im Weingut
Jan Ulrich in Diesbar-Seußlitz
an der sächsischen Weinstraße
wurden 360 Flaschen abgefüllt.
Die Nachfrage unter Freunden und Bekannten war aber wesentlich
größer, als das Angebot. „Jeder
wollte probieren. Von wegen Essigwasser,
wie einige voraus gesagt
hatten. Die konnten plötzlich nicht
genug bekommen“, verleiht der
Hobbywinzer seiner Freude über
den Erfolg Ausdruck.
Der öffentliche Verkauf ist
ohnehin nicht erlaubt. Dafür
fehlt die Anerkennung, vor allem
auch als Weinanbaugebiet. Als
erste und bislang einzige im Land
erhielt vor sechs Jahren eine Interessengemeinschaft
um Schloss
Rattey, die Zulassung als Anbaugebiet
„Stargarder Land“. Damit
ist es Deutschlands kleinstes
und zugleich nördlichstes Anbaugebiet.
Peter Weide bleibt unterdessen
der Ruf, Deutschlands
nördlichster Winzer zu sein.
Dabei will er es allerdings nicht
belassen. Gerade hat er wieder
einige neue Rebstöcke rund um
den Kühlungsborner Yachthafen
gepflanzt. Diesmal Solaris, eine
Weißweinsorte, die vergleichsweise
früh reift. Jetzt sucht Peter
Weide nach einer geeigneten
größeren Fläche in der Region.
Hat er die gefunden, dann will
der Gastronom richtig durchstarten.
Im Bewusstsein, das ihm
damit noch ein langer Weg durch
die Genehmigungsbehörden
bevorsteht.
Der Kontakt zu Gästen, die
entlang der Bummelmeile am
Yachthafen mit kleinen Shops
und Boutiquen und vielfältiger
Gastronomie zwangsläufig auch
an seinem Weinberg vorbei
kommen, hat es mit sich
gebracht, dass sich inzwischen
Bücher rund um Wein bei Peter
Weide stapeln. „Viele wollen einfach
nur helfen, lassen mir entsprechendes
Material über
Anbau und Pflege aber auch
Wissenswertes aus Geschichte
und Gegenwart rund um die
Trauben zukommen“, erzählt
der Gastronom. So weiß er
inzwischen, das Mecklenburg
eine lange Weintradition hat.
Schwerin, Plau am See,Güstrow,
Neukloster, aber auch auf
Rügen und Usedom, überall
wurde seit dem Mittelalter
Wein kultiviert. Erst 1853 enden
entsprechende Aufzeichnungen
über den gewerblichen Anbau.
Ein Indiz dafür, dass mit Entwicklung
der Eisenbahn fortan
auch Wein über größere
Strecken transportiert werden
konnte und damit Lieferungen
aus den südlichen Anbaugebieten,
die dann doch nicht so
süffigen Angebote aus Norddeutschland
verdrängten.
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| Mit „Vielmeer“ wurde die Ostsee von draußen nach drinnen geholt. |
Inzwischen hat sich aber nicht
nur das Klima geändert, sondern
vor allem auch die Nachfrage
nach regionalen Produkten ist
spürbar gestiegen. „Warum soll
zu Fleisch und Wurst, zu Fisch
und Käse aus Mecklenburg-
Vorpommern nicht auch Wein
von hier auf den Tisch kommen?
Ich würde das gern bei mir in den
Restaurants anbieten. Schon
heute fragen die Leute ja
danach, wenn sie meinen
Weinberg sehen, und ich muss
sie dann enttäuschen. Da muss
sich was ändern.“
Dabei setzt Peter Weide auch auf
möglichst viele Mitstreiter. „Mir
schwebt eine Weinstraße Mecklenburg-
Vorpommern vor. Hört
sich zwar verrückt an, aber so was
erregt ja auch Aufmerksamkeit,
macht neugierig. UmSchloss Rattey,
auch in Loddin auf Usedom
und auf Rügen wird schon wieder
Wein angebaut, in Schwerin, im
Schlosspark, steht welcher – das
muss alles nur entsprechend vermarktet
werden. Zusammen mit
Restaurants, die sich auf Weinangebote
spezialisiert haben. Und
nicht zu vergessen, wir habenmit
der Hanse-Sektkellerei in Wismar
auch die nördlichste Sektherstellung
Deutschlands.“
Dabei kommt der „Vielmeer“-
Inhaber richtig ins Schwärmen.
Ein Glas guten Roten von seinem
Partner aus Sachsen in der Hand,
dazu Musik mit Segelfeeling
von der selbst herausgegeben
Vielmeer-CD, schweift der Blick
von einer Sitzbank im Weinberg
hinaus auf die Ostsee. „Ich habe
vor vier Jahren hier mit meinem
Restaurant das Meer von draußen
nach drinnen geholt. Der Erfolg
gibt mir Recht. Warum soll ich
nicht auch ein Stück erlebbare
Weingeschichte vom Süden
Deutschlands zurück nach Mecklenburg-
Vorpommern holen…“
Jürgen Drewes