„Malen zu dürfen, ist ein Privileg”
In Hamburg geboren, auch als „Berliner Malerin” vereinnahmt, wohnt sie jetzt mit ihrem Mann Friedrich Wilhelm in Dändorf, quasi am Eingang zum Darß: Antje Fretwurst-Colberg. Im kommenden Jahr feiern die beiden Goldene Hochzeit.
Auf ihren Bildern, das trifft für beide zu, tummeln sich nachgerade Schiffe, Boote, Dalben, Möwen. Unverkennbar. Auch bei ihrer letzten Ausstellung jüngst in der Ahrenshooper Strandhalle konnte die 70-Jährige nicht davon lassen. Drei Jahre hatte Antje Fretwurst-Colberg an dieser Themenausstellung gemalt.
Obwohl die bildgerahmte Aufreihung von Farben, Formen und Motiven mit „Ein Jazzfest” getitelt war, ohne Schiffsplanken ging es zumeist auch diesmal nicht. Die Jazzer lehnen da an der Reling, die Instrumente haben kleinwelliges Hafenwasser zum Hintergrund. Das ist schön. Das ist schön anzusehen, das ist unverwechselbar. Und das ist gute, bodenständige Kunst.
Jazz mag die dunkelhaarige Frau, versteht sich, sehr, nicht eine bestimmte Richtung. „Aber er muss gut sein“, postuliert sie. Es gäbe auch Jazz, der ihr auf die Nerven gehe. „Fremdgehen ist bei mir die Musik”, bekennt sie. Das könnte auch daran liegen, dass ihr seinerzeit Vater Willy Colberg, ein zu DDR-Zeiten sehr bekannter Maler, ausdrücklich geraten hatte, Flöte zu spielen. „Ich versuche klassische Gitarre”, offenbart sie. Ob es da gelegentlich zum stimmigen Zusammenspiel mit Ehemann Friedrich
Wilhelm kommt, der sich mit
der Trompete leidenschaftlich selbstversorgt, bleibt offen.
Zeit für Musik haben sie, obwohl, das beweisen viele Bilder an den Atelierwänden, auch die auf dem Fußboden, wenn eine Ausstellung vorbereitet wird, oder im proppevollen Depot, die beiden Fretwurst’s sind fleißige Mal-Arbeiter vor dem Herrn.
Malerehepaare gibt es so oft nicht. Antje und Friedrich Wilhelm Fretwurst, die viele Jahre in Berlin lebten und arbeiteten und auch kein Hehl daraus machen, dort wohl die wichtigsten künstlerischen Anregungen erhalten zu haben, sind vor dreizehn Jahren zum Darß gezogen. Sicher lag das an Umfeld, Landschaft, Ruhe, am Gemäßen für einen Alterssitz. Im Spiel wird wohl auch gewesen sein, dass er als Lehrersohn im nicht fernen Althagen geboren wurde, und Seeluft, Tang und Teer, und die erwähnten Malmotive ein Leben lang im Inneren bewahrt hatte. Hinnerk, einer ihrer drei Söhne, hatte damals als Zimmermann auf der Walz auch Arbeitsstation in Dändorf gemacht, und das neue Atelier wurde schmuck.
Das Malerehepaar ist also fast 50 Jahre nicht getrennt von Tisch und Bett, auch nicht bei der Arbeit.
Das natürlich vom Nordlicht ausgeleuchtete Atelier wird gemeinsam genutzt, ist groß genug, dass jeder seinen Teil hat. Nur eine unsichtbare Grenze in der Raummitte sichert jedem sein Refugium. Die zu überschreiten, ist ihm aber gestattet, „wenn er auf meinem Gebiet Trompete üben will“, gibt sich Antje generös.
Das Atelier macht, was sehr verwunderlich und in der Szene nicht immer üblich ist, einen sehr aufgeräumten Eindruck. Nach Öl, Acryl und Farben riecht der künstlerische Arbeitsraum schon, aber er ist so gemütlich, dass man getrost darin auch wohnen möchte.
So oft kommen Gäste nicht, aber wenn, angemeldet, sind sie willkommen. Ein Schild an der Tür weist den Weg, verheißt nicht ein „Tabu“, wie es der berühmte Niemeyer-Holstein damals bei sich zwar angenagelt aber doch nicht so streng praktiziert hatte.
Im gemeinsamen Fretwurst-Atelier, getrennt also nur von der gedachten Linie, wird zwischen ihnen - nach eigener Aussage - oft lange geschwiegen. Jeder arbeitet intensiv für sich, vom anderen höchstens mal
um Rat gefragt oder schließlich ein Urteil über das fertige Bild erbeten.
Jeder will seine künstlerische Eigenständigkeit wahren, dem Vermengen soll nicht Vorschub geleistet werden, „Wir machen auch nicht gern gemeinsame Ausstellungen“, bekennt Antje Fretwurst-Colberg ohne sich ehemännlichen Widerspruch einzuhandeln. Wichtig aber: „Bei uns gibt es auf keinen Fall Konkurrenzdenken“.
Bilder, die ihnen am Herzen liegen, schenken sich Antje und Friedrich Wilhelm gelegentlich gegenseitig, die werden nicht verkauft. Nach welchen Prinzipien, das bleibt offen. „Ich male immer nur an einem Bild, nicht an mehreren gleichzeitig“, sagt sie, „ich muss mich konzentrieren“, was wohl vor allem für die Hinterglasmalerei gilt, eine Maltechnik, die vor Jahrhunderten zum Beispiel bei Scheiben von Bauernschränken angewandt wurde, die ausgesprochene Akkuratesse verlangt und heute so oft nicht mehr praktiziert wird.
Auf einem Tischchen, gleich neben der Staffelei, sind schon die Objekte für ihr nächstes Stillleben platziert, Artischocken, auch eine Muschel, das Symbol der Fruchtbarkeit.
„Malen zu dürfen, ist ein Privileg“, klingt bei ihr überhaupt nicht aufgesetzt, ist beider Lebenserfahrung.
Mit Rente und gelegentlichen Verkäufen können sie gut leben. Und er, Friedrich Wilhelm: „Mit unserer Kunst wollen wir Freude vermitteln und anderen Mut machen“.
Die beiden machen nicht viel Aufhebens von ihrer Arbeit, nicht Selbstwerbung. Auf die Märkte, in die Galerien oder Auktionen drängen sie nicht. Und humorig begründet Antje, vielleicht mit Fingerzeig auf manch anderen Berufskollegen, eine solche Zurückhaltung: „Der Künstler muss den Ruhm fürchten wie das Schwein das Dickwerden“ - das würde dann nämlich geschlachtet. Meint sie, meint auch er.
Text/Fotos: Jürgen Rösler
BU 1: Bilder, soweit das Auge reicht, zur Vorbereitung einer Ausstellung sogar auf dem Atelier-Fußboden ausgebreitet.
BU 2: Antje und Friedrich Wilhelm Fretwurst im gemeinsamen Atelier.