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Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser,

„wer nach den Sternen greift, der muss durch die Wolken. "Mir scheint, nein, ich weiß es, dieser Spruch ist Lebensmaxime von Dr. Mathias von Hülsen. Ein hehres Ziel des Intendanten der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern. Doch ohne geht es nicht. Wie sonst könnten sich die Festspiele MV zur prägenden Marke unseres Bundeslandes entwickelt haben. In der von Hülsen’schen Wohnung am Schweriner Pfaffenteich plauderte ich mit ihm und seiner Ehefrau Dorothy – aber nicht nur über die Festspiele. Ein wunderbar bodenständiges Paar.


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Alla Freifrau von Maltzahn

10.12.2008
Freifrau Alla von Maltzahn vor dem häuslichen Kamin. Mit dabei natürlich Coco, die Deutsch-Kurzhaarhündin.

„Wir danken den Künstlern für ihre großartige Kunst, die sie uns schenkten“. Und wer nun genau wissen will, welchen Künstlern dieser Dank gilt, der sollte nachschlagen auf der Website des Schlosses Ulrichshusen.

Die Liste jener, die für diesen gelungenen Konzertsommer in Ulrichshusen innerhalb der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern Gutes taten, ist lang. Martina Gedek steht da genauso zu lesen, wie Marek Janowski und sein Rundfunk Sinfonie Orchester Berlin oder Nikolaj Znaider mit dem Philharmonischen Kammerorchester München. Eine lustvoll, elitäre Schar.

Alla Freifrau von Maltzahn lächelt. „Ja, das sind aber nur Gäste von 2008.“ Ulrichshusen sei zum musikalischen Zentrum der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern gewachsen. Allein in diesem Jahr 15 Sommerkonzerte in der Festspielscheune und im Schloss. 11.500 Menschen waren zwischen Juni und September zu Gast.

Jetzt, im Winter, ist es in Ulrichshusen leiser geworden. „Obwohl, der große Adventsmarkt in der Musikscheune und die kleine Konzertreihe an den Adventssonntagen im Schloss locken auch viele Gäste“, sagt die Ulrichhusener Adelsfrau, und sie serviert schwar­zen Tee. Wohltuend für die Seele, es ist gutes Sinnieren. Aus den bequemen, cremefarbenen Sesseln öffnet sich zudem ein weiter Blick über den Haussee von Ulrichshusen.

Auch Coco, die Deutsch-Kurzhaarhündin der Familie von Maltzahn, scheint sich über diese nachmittägliche Teestunde zu freuen. Bald kommt die blaue Stunde. Coco kuschelt zu unseren Füßen, was der Plauderei mit der Schlossherrin zusätzliche Gemütlichkeit verleiht. Es passt. Schlossherr Helmuth Freiherr von Maltzahn, seit 28 Jahren mit Alla verheiratet, ist heute nicht im Familienschloss.

Alla, die zierliche, schlanke Frau mit den großen dunkelbraunen Augen erzählt. „Mein Mann und ich sind in das Ganze hier förmlich reingewachsen.“ Das Ganze ist heute das Schloss Ulrichshusen mit einem Schlosshotel, Restaurant und Konzertscheune. „Ein Refugium auf dem Lande“, wie Alla von Maltzahn es nennt. Arbeitsplätze für 20 Leute, davon acht Auszubildende. Und fasst beiläufig: „Es gibt hier keine Arbeitslosen.“

Das Ganze ist auch die Geschichte der mecklenburgischen Adelsfamilie von Maltzahn, denn schon 1562 baute Vorfahr „Ulrich“ sein „hus“, sein Ulrichshusen. Die heutige Schlossfamilie, also Alla und Helmuth von Maltzahn, war viele Jahre in Hessen heimisch. „Mein Mann und ich hatten schon vor der Wende, südlich von Frankfurt am Main, ein Rokoko-Schlösschen renoviert.“ Der Bau war fertig, der Denkmalpreis des Landes Hessen dem Freiherrn von Maltzahn überreicht.

Trotzdem, für ihn gab es kein Halten. „Die Grenzen waren 1990 auf, und wir fuhren in die verloren geglaubte Heimat. Helmuth war mit den Geschichten und der Geschichte seiner mecklenburgischen Vorfahren groß geworden.“ Doch als er damals mit seiner Mutter, mit Ehefrau Alla und den beiden Töchtern in dem 33-Seelen-Dorf Ulrichshusen ankam, schien von den alten Geschichten und Bildern nichts mehr wahr. „Eigentlich zum Weglaufen, denn das Schloss, das älteste Haus der Familie, war 1987 bis auf die Grundmauern abgebrannt. Wir standen vor einer Ruine, die das maltzahnsche Wappen allerdings noch erkennen ließ.“ Fasziniert sei man von der schönen Landschaft gewesen, obwohl der Schlosspark wie ein Urwald aussah. Alla Freifrau von Maltzahn wusste: „Ulrichshusen war fest im Kopf meines Mannes.“ Und er sei es auch, der begeistern, ja mitreißen könne. Ein Visionär.

1993 wurden Ruine und Park gekauft. Wenn zu jener Zeit und in den Jahren danach andere Familien an den Wochenenden entspannten oder in den Urlaub flogen, starteten die Maltzahns von Frankfurt am Main aus nach Ulrichshusen, knappe 700 Kilometer. Immer wieder. „Mitunter standen wir hier bis zu den Knien im Dreck. Eine kleine, 20 Quadratmeter große Holzhütte war unser Domizil.“ Zuerst habe bei den Leuten im Dorf auch leichte Skepsis geherrscht. Allmählich sei es aber gewichen.

„Ohne die Dorfbewohner und unsere Mitarbeiter wäre das alles hier nicht möglich geworden“, weiß Alla von Maltzahn solche Entwicklung zu schätzen. Das Kleinod wuchs. Seit 2001 steht das Schloss Ulrichshusen wieder, heute eines der bedeutendsten Renaissance-Bauwerke Mecklenburgs. „Am Burggraben“, das nette Landrestaurant mit einer Küche, die Kartoffelsuppe ebenso auf der Karte hat wie Créme brúlée, entstand genau dort, wo einst der Pferdestall war.

Alla und Helmuth von Maltzahn zogen 1999 von Hessen nach Mecklenburg, mit ihnen die beiden Töchter Marie und Sophie. Aufs Dorf, wie man so sagt. „Wer das Rhein-Main-Gebiet kennt, der weiß, es rauschen in der Nähe stets drei Autobahnen auf einmal und Flugzeuge sind immer am Himmel. Ich war heilfroh, wieder aufs Land zu ziehen,“ sagt die gebürtige Niedersächsin, deren Vater Landwirt in der Nähe von Hannover war. „Ich muss den Kudamm nicht um die Ecke haben“, lächelt sie. Gern fahre sie aber mal nach Hamburg. Dort lebt heute die älteste Tochter. „Außerdem habe dort studiert.“ Alla von Maltzahn studierte Geschichte und Anglistik und war viele Jahre in der Freien und Hansestadt als Gym­nasiallehrerin tätig. Nun sind sie und ihr Mann, studierter Volkswirt und über lange Zeit Geschäftsführer beim Kosmetikkonzern Lancaster, in Ulrichshusen zu Hause.

Inniger Kuss auf die Glatze.

Seit 1994 ist Ulrichshusen – damals waren es nur drei Konzerte in der Saison – auch der Hauptveranstaltungsplatz für die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern. „Wir sind die Gastgeber, die Organisatoren, erledigen das Praktische“, sagt die Schloss-Frau. Für die Programm­gestaltung, für die Auswahl der Künstler und der Musikstücke

sind andere verantwortlich. Sie, die von Maltzahns, haben für die Größe der Bühne, die Anzahl der Stühle, die Versorgung der Gäste, die Stände oder den Schmuck in der Scheune zu sorgen. Das ganze Dorf arbeitet mit.

Ossi, Wessi – im Dorf noch ein Thema? „Nein, nicht für uns. Überall wo wir hinkommen, finden wir Spuren unserer Familie.“ Gerade haben Alla und Helmuth den Maltzahnschen Familientag ausgerichtet. „Alle zwei Jahre im Oktober kommen alle, die können, hierher.“ So an die 120 Leute zähle man dann mindestens.

Am Anfang sei das Herbeiströmen der adligen Familien-Dynastie schon ein Thema im Dorf gewesen. „Aber das hat sich schnell gegeben. Wir brachten Arbeit ins Dorf. Ausgeprägt ist eher das Gefühl, hier geht was, davon habe auch ich was. “

50 Prozent der Festspielbesucher, so besagt eine Umfrage, kommen aus der näheren Umgebung, erzählt Alla von Maltzahn. „Die andere Hälfte von weiter her.“ Aus Niedersachsen, Hamburg, Berlin, Nordrhein-Westfalen wird angereist, oft vorher und nachher auch in den Schlosszimmern übernachtet. Die Freifrau freut sich, dass Ulrichshusen mit seinen Konzerten und Lesungen so viele Menschen erreicht. Aber was wäre das Kulturdorf, was wären die Festspiele ohne die Sponsoren. Und deshalb veranstalte man auch alljährlich für alle ein großes Krebsessen. „Unser Dank auf unsere Art.“

Über die Jahre kennen die Maltzahns nun auch die Künstler, zu vielen habe sich eine sehr persönliche Beziehung entwickelt. „Die Geigerin Julia Fischer kennen wir seit ihrem zwölften Lebensjahr. Sie hat bei uns ihren 18. Geburtstag gefeiert. Mit Daniel Hope sind wir befreundet.“ Als man sich kennen lernte, war Daniel noch Schüler von Yehudi Menuhin. Die Künstler seien gewachsen und mit ihnen auch der Festspielort. „Insofern haben wir alle eine gemeinsame Geschichte.“ Seit 14 Jahren wird in Ulrichshusen gastiert. Der unvergessene Yehudi Menuhin, einer der größten Geigenvirtuosen des 20. Jahrhunderts, gehörte zu den ersten Künstlern, die auf dem Schloss ein Konzert gaben.

Alla von Maltzahn überlegt eine Weile, wen sie noch gern hier erleben würde. „Nun, wir haben ja keinen Einfluss, wer bei uns auftritt. Aber so ganz spontan, obwohl das ziemlich vermessen klingt, würde ich hier gern Anna Netrebko zu Gast haben. Oder Jose Carreras. Vielleicht.“ Eine große Opernaufführung in Ulrichshusen, das wäre schön. Auch Kunstauktionen könne sie sich durchaus vorstellen. Christiane Gräfin zu Rantzau, die Deutschland-Repräsentantin von Christie's, kennen die von Maltzahns gut.

Alla von Maltzahn streichelt ihre Hündin Coco. „So ein Konzert zu genießen, ist schon ein großes Geschenk.“ Hornkonzerte höre sie gerne. „Das ist Ländliches, mit der Jagd Verbundenes. Mozart liebe ich sehr.“

Die Musik, die Jagd und auch das allmorgendliche Ausreiten seien ihr schon Gegengewicht zum schnellen Tempo des heutigen Lebens. „Wir haben ein erfülltes Leben, eigentlich ausreichend für zwei“, lächelt die heute 58jährige. „Die Chancen, die sich unserem Leben boten, haben wir ergriffen.“

Weitere Informationen unter: www.ulrichshusen.de oder Tel. 039953-7900

Regina Rösler