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„So gesehen“ die Kolumne von Ilka Mertz - All die ersten Male

23.03.2012
Gibt es etwas Aufregenderes als ein erstes Mal? Und ich meine damit nicht nur DAS erste Mal, das der „Bravo” Dreiviertel ihrer Leser zuführt. Klar, der erste Sex ist aufregend, heiß ersehnt, viel diskutiert. Doch häufig ist er eben auch enttäuschend, schmerzhaft, schnell vorbei. Und eines ist noch klar: Beim Sex folgen viele weitere, weitaus bessere Versuche.

Für andere erste Male gilt das nicht: Der erste Disko-Besuch war definitiv aufregender als die xte Nacht in einer schummrigen Bar mit überteuerten Drinks und schwitzigem Tanznachbarn. An die ersten selbst gekauften Klamotten (grauer, langer Rock, schwarz, silber, grau geringeltes Shirt) erinnere ich mich bis heute, 50 Mark hatte meine Mutter mir für meinen ersten Shoppingbummel gegeben. Mittlerweile schlummern Dutzende Oberteil-Leichen in meinem Kleiderschrank, einmal gekauft, nie getragen. Die erste Engtanz-Party (bei einem Schulfreund im Keller), das erste Konzert (Gianna Nannini), der erste Urlaub ohne Eltern (mit 17 und neun Freundinnen nach Italien, rückblickend nicht die beste Idee), das erste selbst verdiente Geld (babysitten bei den Nachbarn), die erste eigene Wohnung (Studenten-WG mitten in der Fußgängerzone), der erste Arbeitsvertrag (plus die Erkenntnis, reich wird man so nicht, aber immerhin kann man die Miete für das WG-Zimmer jetzt selber zahlen). Das sind wundervolle erste Male, die bleiben... Nicht immer gelungen, zugegeben, aber für immer unvergessen.

Und doch stimmen all diese herrlichen Erinnerungen auch ein bisschen wehmütig: Je mehr ich von ihnen sammeln durfte, desto weniger kommen. Da ich fest entschlossen bin, den Rest meines Lebens mit meinem Derzeitigen zu verbringen, muss ich mich ein für alle Mal vom allerersten Kuss verabschieden. Der letzte Erste ist Jahre her – und hätte ich damals geahnt, dass es der Letzte ist... Wer weiß? Auch das
Warten auf den ersten Anruf  hat wohl ein Ende. Auf Wieder­sehen, übelkeitserregende An­spannung. Adieu, schweißnasse Hände. Tschüss, zurechtgelegte Begrüßungsformeln.

Wenn man so darüber nachdenkt, klingt diese Aufzählung eigentlich gar nicht so reizvoll: Ich kann mich auch nicht erinnern, jede Warte-Sekunde genossen zu haben. Und dennoch sind diese Erinnerungen so wertvoll, der Gedanke, all das nie wieder zu erleben, irgendwie traurig.
Werden erste Male also erst dann so richtig gut, wenn sie tatsächlich nicht wieder kommen? Oder sind sie nur rückblickend wirklich toll? Oder
passieren vielleicht andauernd Dinge, die ich jetzt nicht wirklich wahrnehme, die ich aber in zehn oder 30 oder 50 Jahren in toller Erinnerung haben werde?

Vielleicht sollte ich mich also nicht nur auf erste Male konzentrieren, so toll sie sind. Vielleicht sammele ich einfach so viele Erfahrungen wie möglich, dann werden schon einige brauchbare Erinnerungen darunter sein.

Und einige erste Male stehen ja hoffentlich auch noch an: Hochzeit, Kind, Beförderung. Und das Warten darauf, ob es nur das erste oder vielleicht auch das einzige Mal ist, ist irgendwie auch aufregend…