Ein Sonntag im Herbst. Typisch Sonntag. Typisch Herbst. Regen nieselt vom Himmel, Wind wirbelt die Blätter auf und schaukelt die Äste in den Bäumen sanft hin und her. Es ist ruhig an diesem Tag. Und irgendwie laut, als ein Großraumtaxi plötzlich auf dem Hof der Petri-Kirche hält.
Heraus steigen zwei Frauen, die eine mit Lockenwicklern im Haar, die andere den Mantel eng um sich geschlungen. Es folgen drei Damen, die ihre Koffer voller Bürsten, Spiegel und Make-Up in die Kirche tragen und die Haare der beiden nicht aus den Augen lassen. Der Küster ist so freundlich und hält den Damen die Tür auf. „Ich hab hier schon eine Menge erlebt”, sagt Matthias Bansmer. Dieser Auflauf bringt ihn kaum aus der Ruhe. Zumal in der Kirche der Fotograf und sein Assistent schon ihre Blitzgeräte positionieren, Lichtverhältnisse testen und sich mögliche Posen überlegen, während Designerin Margrit
Edelhoff ihre wertvollen Stücke fein säuberlich aufhängt. Die Besucher gucken neugierig, die Kinder kommen ein bisschen näher. Aber das stört das Team, vor allem Edelhoff, nicht. Sie ist eins mit der Mode, die sie entwirft. Selbstbewusst. „Ich mache zeitlose Mode und habe dabei die moderne Frau vor Augen.” Weiblichkeit, ohne dabei schnuckelig zu sein, das ist ihr Credo. Eine moderne Frau weiß, was sie will und eine moderne Frau, weiß, was sie kann. Das ist Edelhoff.
Auch Erotik ist wichtig. „Aber nicht zu vordergründig”, sagt die Frau mit dem roten Lippenstift - und streicht noch einmal über den Mantel, den Sabine gleich anziehen wird. Ein edles Stück in schwarz und im Stil der 50er Jahre, tailliert und mit einem Gürtel verziert. Edelhoffs Entwürfe sind ein leises Spiel
zwischen sanfter Erotik und klaren Formen. Selbstbewusst, entschieden, graziös. Es ist Zufall, aber es könnte auch genauso gut keiner sein, dass das Mode-Shooting in der Petri-Kirche stattfindet, einer Kirche, die sich durch ihre klare Form von den anderen Kirchen Lübecks abzeichnet. Ohne viel Schnörkel. Ohne viel Spielereien.
Alles fließt an diesem Tag. Würden das die Models, die im wahren Leben ausgebildete Yoga-Lehrerinnen sind, so sagen? Alles passt. Das trübe Wetter, der entspannte Küster, die aufgeräumte Designerin, der Fotograf, die Stylisten, die Kirche und sie selbst, die das mit der Ruhe und Entspannung ganz für sich entdeckt haben. Sabine vor sieben, Tanja vor zehn Jahren. Erst ganz langsam und heute ganz intensiv. „Yoga ist ein stimmiges System”, sagt Sabine. Es gibt Kraft, es gibt Energie, es stabilisiert den Körper und den Geist.” Tanja nickt. „Je öfter du das machst, desto mehr merkst du, wie bewusster und achtsamer du die Dinge wahrnimmst, die dir vorher nie aufgefallen waren.” Beide wissen, was sie an Yoga haben. Es ist ihre Lebenseinstellung. Und die Erfüllung ihres Traums. Vor gut einem Vierteljahr haben sie ihr eigenes Studio „Yoga Pur” an der Untertrave eröffnet. Sie sind glücklich. Und entspannt. Und sie haben überhaupt kein Problem damit, dass jetzt die Haarklemmen und das Haarspray zum Einsatz kommen. Nicole Köhler und ihr Team verpassen den beiden noch den letzten Schliff, während die Designerin noch einmal alles zurechtrückt, den Schmuck anlegt und ihr Werk begutachtet. Sie ist zufrieden. Sie hat ein Gefühl dafür.
Und sie schätzt die Frauen, die ihre Mode tragen. Sie nimmt Maß, sie berät und sie weiß, was passt. Oder eben nicht.
„Nein, das sieht nicht aus”, sagt sie, als die Idee ausprobiert wird, die Models in Yoga-Posen zu fotografieren. „Das ist ein schöner Gedanke, aber in diesem Fall wirkt es einfach albern.” Edelhoff hat Recht. So begeistert man auch einst von der Idee war, sie sah es vorher. Es macht keinen Eindruck.
Dafür ist Edelhoff beeindruckt von der Haltung der Damen. „Gute Drehung, ganz toll“, sagt sie, als Tanja sich in Richtung Kamera bewegt. Ihre Stoffe fühlen sich gut an, meist kommen sie aus Italien und sind mit Liebe verarbeitet. Das spüren Sabine und Tanja bei jedem Stück, dass sie mit Bedacht anlegen und für den Fotografen posieren. Edelhoff weiß um ihre Kreationen. Sie lässt die Kundinnen jederzeit am Fertigungsprozess teilnehmen, wenn diese mögen. Ihre Werkstatt befindet sich in ihrem Geschäft in der Fleischhauerstraße. Und es gibt vieles, worauf die Modemacherin Wert legt, aber eines ist ihr besonders wichtig. „Sich würdig kleiden.“ Würdig. Das sagt alles.
Einatmen, ausatmen, Sabine geht noch einmal für den Fotografen auf die Kamera zu, „die Augen immer bei mir“, sagt er, während Tanja für letzte Aufnahmen noch einmal ein neues Styling bekommt. Es zischt und das Haarspray setzt sich in feinen Partikeln auf ihrer Frisur ab. Stress? „Überhaupt nicht.“ Sie lächelt, bevor er raus zum Finale geht. Bevor der Nachmittag zu Ende geht. Noch einmal kommen die beiden Freundinnen für ein Foto zusammen und ja, alles ist im Fluss. Alle sind zufrieden. Der Küster, die Damen, der Fotograf und die Designerin.
Und es dauert nicht lange, da sind die Blitze wieder eingepackt, die Haarklemmen in den Koffern und die Damen alle bereit zur Abfahrt. So schnell sie da waren, so schnell verschwinden sie wieder in diesen Sonntag im Herbst. Typisch Sonntag typisch Herbst.
Schabnam Tafazoli