
Die Autorin Charlotte Kerner lebt und arbeitet in Lübeck. Ihre Jugendbücher wurden zwei Mal mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Ihr neuer Roman „Jane reloaded“ ist vor wenigen Wochen erschienen. Die Geschichte spielt im 22. Jahrhundert und erzählt von der Beziehung zwischen einem Menschen und einem Mischwesen.
M iere und Tenschen sollen verboten werden“ titelte die TAZ am 28. September 2011 in ihrem Wirtschaftsteil. Der Deutsche Ethikrat hatte einhellig gefordert, das Austragen von Mischwesen zwischen Mensch und Tier zu verbieten. Strittig blieb, ob auch die Herstellung von Schimären im Reagenzglas weiterhin tabu sein soll. Strikt sprach sich das Gremium gegen Experimente zwischen Menschen und Menschenaffen aus – so weit die Realität.
Die Fiktion liest sich so: „In 10 mal 10 000 Jahren könnten unseren Nachkommen aber auch Flügel oder Flossen gewachsen sein. Nicht mehr am Ende meiner Tage, aber am Ende des Langen Jetzt werden auf jeden Fall die Grenzen zwischen Mensch und Tier beginnen aufzubrechen und Mischwesen entstehen.“ Das lässt die Lübecker Autorin Charlotte Kerner ihre Protagonistin in ihrem jüngsten Buch „Jane reloaded“ sagen, angesiedelt im 22. Jahrhundert. Vor zwei Jahren hat sie begonnen, den spannenden Near-Future-Roman zu schreiben. Jetzt ist er fast zeitgleich mit den Richtlinien des Ethikrates über Mischwesen erschienen.
Zum Plot: Die junge Tanja Jane Klark, „Jane reloaded“, entstammt einer berühmten Paläontologenfamilie. Sie soll in Laos die Verhaltensweisen von „Jamie“, einer gentechnischen Neuschöpfung, erforschen. Der 18-Jährige ist ein „Homo erectus“, ein Frühmensch aus der Retorte, zum ersten Mal auf die Welt gekommen vor 1,8 Millionen Jahren. Zwischen dem „Homo sapiens“, der jungen Forscherin Jane, und ihrem Forschungsobjekt, dem „Homo erectus“, dem Frühmenschen Jamie, entwickelt sich eine innige Beziehung.
Charlotte Kerner ist keine Hellseherin, eher eine Vor(aus)denkerin: Sie bewegt sich gedanklich und in ihren Büchern gerne in Welten, die in absehbarer Zukunft Realität werden könnten. „Naturwissenschaften haben mich schon immer interessiert“, sagt sie. Reproduktionsmedizin, Gen- und Stammzellenforschung sind Themen, die sie Jugendlichen in ihren Romanen näher bringen will: „Es geht um ihre Zukunft – wie wollen sie, werden sie leben?“ engagiert sich die Autorin, die bezeichnenderweise auch eine Anthologie mit dem Titel „Die nächste GENeration – Science + Fiction“ herausgegeben hat.
In „Jane reloaded“ entwirft die gebürtige Pfälzerin, die den Norden als ihre Heimat nicht mehr missen möchte, ein Szenario, in dem neun Milliarden Menschen für den Planeten untragbar geworden sind. Der reinrassige „Homo sapiens“ hat keine Überlebenschance mehr. Die betagte Forscherin hofft auf die Entstehung hochsensibler Wesen. Wesen, die Empathie für Lebewesen aller Art – Tiere, Pflanzen, andere Menschen, - empfinden, und die keine komplizierte Sprache mehr brauchen, um sich zu verständigen. Denn Kommunikation könnte dann direkt von Hirn zu Hirn funktionieren – Gedankenlesen dank hochentwickelter Spiegelneuronen.
S topp, Frau Kerner: Gehören Schriftsteller also zur aussterbenden Spezies, werden Lesen, Schreiben und Sprechen überflüssig werden? Charlotte Kerner lacht: „Ein paar Jährchen haben wir schon noch zu tun. . .“ Die Autorin hat ein Gespür dafür, welche gesellschaftspolitischen und naturwissenschaftlichen Themen hochkochen, worüber in den Medien diskutiert wird. Themen, die für die Entwicklung der Menschheit entscheidend sein werden, die aber bei der breiten Masse nicht unbedingt einen Widerhall finden – zu wissenschaftlich, zu kompliziert. Veränderungen, die mit Angst einhergehen. Hier möchte die Autorin „Denkräume“ öffnen.
C harlotte Kerner kommt zugute, dass sie
einen kompetenten Gesprächspartner hat – ihr Mann, mit dem sie seit 28 Jahren verheiratet ist, ist Neurologe, seit kurzem pensioniert. Sie sagt: „Wir diskutieren natürlich über die Dinge, die uns beschäftigen. Aber mein Mann mag Science-Fiction-Literatur nicht besonders. Doch für medizinische Fragen ist es natürlich bequem, einen Fachmann im Hause zu haben!“ Als kritische Leser ihrer Manuskripte seien ihr Mann und auch ihr 22-jähriger Adoptivsohn Benedict jedoch nur „bedingt tauglich“. Sie weiß: „Familien und Freunde wollen einen entweder schonen oder sie sind überkritisch.“

Da vertraut sie schon eher dem fachlichen Urteil ihrer langjährigen Lektorin Susanne Härtel von Beltz & Gelberg in Weinheim. Ihr „Hausverlag“ bringt seit annähernd drei Jahrzehnten ihre Bücher heraus. „Charlotte Kerner hat ein Händchen dafür, Themen anzupacken, bevor sie in Mode kommen – sie ist ihrer Zeit immer eine Nasenlänge voraus. Das ist wohl ihr journalistischer Spürsinn“, lobt ihre Lektorin.
Das war insbesondere bei ihrem Bestseller „Blueprint – Blaupause“ von 1999 so, in dem sie sich mit dem umstrittenen Klonen auseinandersetzt. Zehn Jahre davor erschien ihr „Geboren 1999“. Dieser Jugendroman hat die Befruchtung im Reagenzglas und das Austragen eines Embryos in einer künstlichen Gebärmutter zum Thema. Die Autorin selbst sieht den fiktionalen Roman „Blueprint“, verfilmt mit Franka Potente („Lola rennt“) und mittlerweile Schullektüre, nicht als Fortsetzung von „Geboren 1999“. Trotzdem räumt sie ein: „Beide Bücher erzählen, was die Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse auf einen einzelnen Menschen bedeuten kann – was ‘Fortschritt’ mit und in jemandem anrichtet.“ Was sie bewogen hat, „Blueprint“ zu schreiben, war also nicht die Frage, ob das Klonen gefährlich ist oder ob es gar perfekt funktioniert, sondern: Was ist die neue Qualität dieser noch nie dagewesenen Eltern-Kind-Beziehung?
Ihr erstes, von inzwischen 15 Büchern hat die heute 61-Jährige mit 30 Jahren geschrieben. Es behandelt die Stellung der Frauen und Mädchen in China. „Ich bin dazu eher zufällig gekommen – ich hatte nie vor, Schriftstellerin zu werden“, sagt sie heute. 1950 wird sie in Speyer geboren, die Eltern besitzen ein Lederwarengeschäft – „Meine Leidenschaft für Ledertaschen ist geblieben!“ bekennt sie. Nach dem Abitur weiß Charlotte nur eins „Ich will nicht Lehrerin werden!“ Medizin oder Jura standen zur Debatte. Aber sie entschied sich für Volkswirtschaft und Soziologie, weil „mich gesellschaftliche Entwicklungen immer brennend interessiert haben“. Ihr Studium absolvierte sie in Mannheim. „Germanistik kam mir gar nicht in den Sinn, obwohl ich als Kind gerne und viel gelesen habe.“
Nach einem stadtsoziologischen Forschungsprojekt ging sie 1976 nach Kanada, zwei Jahre später nach China: „Ich habe sogar Chinesisch gelernt!“. Aufgrund ihrer Erfahrungen im Reich der Mitte entstand „Jadeperle und Großer Mut – Chinesinnen zwischen Gestern und Morgen“. Das 1980 bei Otto Maier in Ravensburg erschienene Buch ist heute vergriffen, ebenso ihr „Kinderkriegen“, das sie vier Jahre später zum ersten Mal bei B&G publizierte. Charlotte Kerner arbeitete neben ihrer Autorentätigkeit als Journalistin, schrieb unter anderem für die „Zeit“, für „Geo“ und für „Emma“. Frauenthemen liegen ihr bis heute besonders am Herzen. Die Studentenbewegung und die daraus sich entwickelnde Frauenbewegung haben sie geprägt. Frauen, die gegen den Strom geschwommen sind, faszinieren sie, berühren ihre „feministische Seele“. Feminismus sei für die jungen Frauen von heute ein Begriff, dem sie eher argwöhnisch gegenüber stünden. Aber sie äußert Verständnis dafür. Das erkläre sich aus deren Biografie. „Für die heute 20- bis 30 Jährigen ist vieles selbstverständlich, wofür wir kämpfen mussten. Viele wissen gar nicht mehr, dass es beispielsweise nicht schon immer selbstverständlich war, dass ein Mädchen aufs Gymnasium gehen konnte!“
Starke Frauen – Nobelpreisträgerinnen und Naturwissenschaftlerinnen – hat sie für den Beltz-Verlag porträtiert, dazu zählen die Atomphysikerin Lise Meitner und die Schmetterlingsforscherin Maria Sybilla Merian. Aber auch die Visionärin Hildegard von Bingen hat es ihr angetan – eine Ikone, die im Mittelalter eine ungewöhnliche, anerkannte Machtstellung als Prophetin hatte und die wahrscheinlich als „Hexe“ auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden wäre, hätte sie etwas später gelebt. Wie sieht sie sich selbst als berufstätige Frau, Mutter und Schriftstellerin? Als Freiberuflerin habe sie auf der einen Seite mehr Freiraum, aber auf der anderen Seite unterläge sie auch größeren Zwängen: Sie könne Projekte schlecht ablehnen. Aber sie gibt freimütig zu: „Mir ist bewusst, dass ich Privilegien genieße. Denn ohne meine Kinderfrau und meine Haushaltshilfe und ohne einen abgeschlossenen Arbeitsbereich im Dach hätte ich mich nicht so in Ruhe aufs Schreiben konzentrieren können.“
Vom Mittelalter in die Zukunft – ein langer Weg, den die Autorin schreibender Weise zurückgelegt hat. Trotzdem beharrt Charlotte Kerner darauf: Nein, ihre Themen haben sich auf diesem Weg nicht radikal verändert. Schon immer habe sie interessiert, welche Konsequenzen wissenschaftliche Erkenntnisse und Prinzipien auf die Entwicklung der Gesellschaft haben. Mit ihren Büchern stelle sie „nur“ die Frage: „Woher kommen wir und wohin gehen wir? Wohin geht der Weg der Menschheit?“
Und genau das voraus zu denken, begeistert sie bis heute.
Dorothea Kurz-Kohnert
BU Buch: Der Roman „blueprint” von Charlotte Kerner wurde mit Franka Potente in der Hauptrolle verfilmt.