„So gesehen“ die Kolumne von Ilka Mertz 01.12.2011 Eigentlich wollte ich dieses Mal über den Herbst-Blues schreiben, grauenhaft düstere Tage zwischen Zeitumstellung und Weihnachtsmarkt. Dann kamen mir die Weihnachtsgeschenke in den Sinn, die ich jedes Jahr bereits ab Juli besorgen will (diesmal aber wirklich) und denen ich ab dem zweiten Advent (alle Jahre wieder) hektisch hinterrenne. Wie kuriere ich den Glühwein-Kater? Warum treffen sich alle immer vor Weihnachten, im Januar ist doch viel mehr Zeit? Wer muss (darf) wann wie lange meine kalten Füße und Hände wärmen? Herbst und Winter bieten Dutzende Geschichten. Welches Thema ist besser, welches charmanter, witziger, ungewöhnlicher? Hatte ich mich 20 Minuten dem einen gewidmet, lockte das andere mit neuen Facetten. Ich konnte mich einfach nicht entscheiden.
Doch dann fiel plötzlich der Groschen: Nicht die vielen Themen sind das Problem, ich bin das Problem, beziehunsgweise ich habe es. Ich kann mich einfach nicht entscheiden oder zumindest sehr schwer. Das Gras auf der anderen Seite erscheint mir immer grüner.
Habe ich mir die Haare schneiden lassen, starre ich neidvoll auf die wallenden Mähnen der Zeitschriften-Schönheiten. Habe ich mir eine Pizza bestellt, verlangt mein Magen plötzlich nach Hähnchen süß-sauer. Habe ich mir ein rotes Kleid gekauft, stelle ich Zuhause vor dem Spiegel fest, dass mir blau eigentlich viel besser steht. Für meinen Freund habe ich mich schon vor Jahren entschieden, bin aber zugegebenermaßen noch nicht ganz sicher, ob Hugh Jackman nicht viel besser zu mir passen würde. Sie merken, meine Fähigkeit, mich zu entscheiden, ist deutlich weniger ausgeprägt als mein Optimismus.
Ich habe deshalb überlegt, mich auf die kommenden wichtigen Entscheidungen rechtzeitig vorzubereiten. Dabei ist mir eine (vielleicht etwas ungewöhnliche) Taktik in den Sinn gekommen: Ich werde zugucken! Hochzeit (ja, nein? wann wo wen wie?), Umzug (ja, nein? wann wohin?), Kinder (ja, nein? wann? 1,2,3,4,5?) – all diese wichtigen Entscheidungen darf jetzt erstmal jemand anders treffen. Ich warte ab, gucke, wie es läuft, fertige kleine Pro- und Contra-Listen an und habe Zeit, in Ruhe abzuwägen. Wenn dann so ein bis zehn Jahre vergangen sind, habe ich sicher ausreichend Anschauungsmaterial zusammen, um meinem Freund (oder Hugh Jackman) ein repräsentatives, aussagekräftiges Ergebnis zu präsentieren.
Und damit meine Entscheidungsfähigkeit bis dahin nicht noch mehr verkümmert, gehe ich hin und wieder shoppen. Eine Jeans oder einen Rock oder eine Bluse oder Stiefel kann man ja immer gebrauchen.
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